Autor: Daniel Theweleit

Unser Goalie Yann Sommer ist der Gegenentwurf zu testosterongeladenen Typen wie Oliver Kahn – und steht somit für die neue Ruhe und den einmaligen Fokus der Nati

Neun Jahre alt war Yann Sommer, als er zum ersten Mal diesen ganz besonderen Zauber wahrnahm. Der Basler Junge war mit seinen Eltern in Südfrankreich, wo die Familie ein Ferienhaus besass. Es waren jene Sommerwochen im Jahr 1998, die das ganze Land in einen Rausch versetzten. Die Équipe Tricolore um Zinédine Zidane spielte bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land und gewann am Ende den Titel. «Das ist eine grosse Erinnerung, das war für mich ein tolles Erlebnis», erzählt Sommer heute. Die kindliche Begeisterung von damals kann er noch immer spüren. Er erinnert sich an Gemüsehändler, «die ihr Obst wegräumten, um Trikots zu verkaufen», an jubelnde Menschen, an die emotionale Wucht dieser Tage. Für Yann Sommer war es der Beginn eines Traums: «Ich dachte: Okay, das möchte ich auch mal erleben mit meinem Land.»


„Timing ist für einen Goalie wichtiger als Körpergrösse“, sagt Yann Sommer.

Die meisten Kinderträume bleiben unerfüllt. Aber das Leben von Yann Sommer kommt seinen Fantasien aus dem Jahr 1998 schon recht nahe.

Die Weltmeisterschaft in Brasilien vor vier Jahren erlebte Sommer als Vertreter von Diego Benaglio. Bei der WM in Russland wird er mitten im Geschehen sein: als Nummer eins der Schweiz, als tragende Säule eines Teams, von dem viele Experten viel erwarten. Das Wesen von Yann Sommer ist ein wichtiger Mosaikstein im Erfolgskonstrukt.



Die Mannschaft von Trainer Vladimir Petkovic habe gelernt, ruhig zu bleiben, sagt der Goalie, der sich zu einem Virtuosen der Besonnenheit entwickelt hat – im Strafraum und jenseits des Platzes. Auch in Gesprächen ist der 28-Jährige hoch konzentriert und wach, er hört zu und denkt gründlich über seine Antworten nach. Und anders als viele Kollegen greift er selten auf inhaltsleere Floskeln zurück. In gewisser Weise ist der analytisch denkende Profi ein Exot in der von Emotionen dominierten Welt des Fussballs. «Er war nie zappelig», sagte Vater Daniel Sommer einmal und erzählt, wie sein Sohn schon als Jugendspieler jede Entscheidung mit erstaunlicher Ruhe traf.



Klare Ansagen: Yann, erzählt sein Vater, war schon als Jugendspieler stets abgeklärt.


Sommer ist das Gegenmodell zu den mit Testosteron aufgeputschten Goalies der Oliver-Kahn-Schule und den tätowierten Muskelpaketen der Fussballszene, die nach dem Training mit ihren PS-Monstern vom Vereinsgelände donnern.

Die meisten seiner Freunde, erzählt er, hätten mit Fussball nichts zu tun. Zu seinen Leidenschaften gehört die Akustikgitarre ebenso wie Design und Kulinarik. Auf seinem Blog «Sommer kocht» schreibt er persönlich über seine Lieblingsrezepte und inszeniert die Kreationen mit selbst gemachten Fotos. Für einen Kosmetikhersteller drehte er einen Weichzeichner-Werbespot, in dem er Männern erklärte, dass sie bei Frauen am besten mit Respekt und viel Aufmerksamkeit ankommen.

Diese Haltung macht Yann Sommer im Fussball immer noch angreifbar. Im vergangenen Winter, als er einige Wochen lang nicht so gut in Form war, beschimpften ihn Mönchengladbacher Ultras aufs Übelste. «So etwas gehört sich nicht, aber für mich hat sich die Sache erledigt», sagt er nur. Er fände es ziemlich «traurig», wenn die Anfeindungen der Fans mit seinem etwas anderen Image zu tun haben.

Eine geschwollene Halsschlagader und Macho-Attitüde machen noch keinen Weltklassegoalie.



Yann Sommer hat nicht nur Fußball im Kopf, interessiert sich auch für Design und betreibt sogar einen stylischen Kochblog.

Ein WM-Menü
Yann Sommers beste Rezepte für Snacks während der Halb- und Nachspielzeit
Gemüsecreme mit Avocado
Garnelen auf rot-grünem Bett
Lammkarree mit Süsskartoffeln und Kräutern
Pilzpfanne mit getrockneten Tomaten
Veganer Kuchen mit Nüssen und Früchten

Mit seinen 1,83 Meter Körpergrösse wird Yann Sommer auch in Russland einer der kleinsten Schlussmänner im Turnier sein. «Macht nichts», sagt er dazu stets, es gehe doch um «Sprungkraft, Technik, Timing und Mut.» Sommer bewundert die Leidenschaft und den Stil von Gianluigi Buffon, der die perfekte Balance aus Ehrgeiz und Ritterlichkeit besitzt. Ein signiertes Trikot und Handschuhe der italienischen Legende hängen eingerahmt bei Sommer zu Hause: «Stephan Lichtsteiner hat mir das netterweise aus Turin mitgebracht.»

Womöglich verbirgt sich hinter Sommers konzentrierter Ruhe und Ausgeglichenheit eines der Erfolgsgeheimnisse der Schweizer Nationalmannschaft. Von einem sogenannten «Balkan-Graben», der das Team in verschiedene Fraktionen spalte, ist schon lange keine Rede mehr. Stattdessen herrscht nun eine konstruktive Harmonie unter sehr unterschiedlichen Menschen. Und auch die Schweizer Fans, meint Yann Sommer, seien bereit. «Die letzten zwei guten Turniere und die spannende, erfolgreiche WM-Qualifikation sorgen für eine euphorische Stimmung, die uns weit tragen kann», sagt er. Es könnte ein ganz besonderer Sommer werden, einer voller Zauber.





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