Das Schweizer Bio-Ei kommt vom Hybridhuhn – Und was heisst das jetzt?

Christian Thumshirn und Philipp Dahm

22.9.2020 - 06:35

Erklärt: Das Schweizer Bio-Ei kommt vom Hybridhuhn – Und was heisst das jetzt?

Erklärt: Das Schweizer Bio-Ei kommt vom Hybridhuhn – Und was heisst das jetzt?

Die Hühnerzucht weltweit haben sich eine Handvoll Player untereinander aufgeteilt. Auch in Schweizer Ställen stehen Hochleistungssportler. Man wird ja wohl nochmal fragen dürfen: Was bedeutet das für Bio-Ei-Käufer?

17.09.2020

Die Hühnerzucht weltweit haben sich eine Handvoll Player untereinander aufgeteilt. Auch in Schweizer Ställen stehen Hochleistungssportler. Man wird ja wohl nochmal fragen dürfen: Was bedeutet das für Bio-Ei-Käufer?

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Die Hühner, die heutzutage bei Schweizer Bauern in den Ställen stehen, sind hochgezüchtete Kraftsportler, deren weltweite Distribution sich eine Handvoll Züchter untereinander aufgeteilt haben.

Aber gilt das auch für jene Landwirte, die schonend produzieren? Und wenn ja, was war zuerst da: das Bio-Ei oder das Hybridhuhn? Wird man ja wohl nochmal fragen dürfen ...

Wer sich auf Spurensuche nach den Ursprüngen ist, kommt dieser Tage an Schaffhausen nicht vorbei: Das Museum zu Allerheiligen zeigt noch bis April 2021 «Hühner – unterschätztes Federvieh».

Schweizerhuhn vs. Deutsches Reichshuhn

Die Ausstellung behandelt die gesamte Evolution des Federviehs – von den ersten Darstellungen des Bankivahuhns in Asien bis zu den Knochen eines modernen Haushuhns, die im 4. Jahrhundert vor Christus in der Schweiz abgenagt worden sind. Und seither versuchen die Menschen, ihre Hühner durch Selektion noch produktiver, stärker oder fleischiger zu machen. Auch auf nationalem Level.

Am lebenden Objekt sieht der Besucher, wie Anfang des 19. Jahrhunderts die Hühnerzucht wie der gesamte Kontinent in nationalen Taumel verfiel: Vor dem Museum steht unter anderem ein Käfig mit dem Schweizerhuhn, established 1905, das 180 Eier pro Jahr brachte und somit das Deutsche Reichshuhn von 1908 in die Schranken verwies, das es pro Jahr nur auf 140 Gelege brachte.

Doch von solchen Bestmarken sind die Hühner von heute meilenweit entfernt: 320 Eier legen die modernen Hochleistungssportler jährlich; und sie fahren nach ihrem 18-monatigen Dasein auch noch einen anständigen Ertrag Fleisch ein.

Hybridhühner heissen sie deshalb, weil sie sowohl für die Produktion von Fleisch als auch für das Eierlegen optimiert worden sind, vom Landwirt aber nicht so ohne Weiteres nachgezüchtet werden können – einerseits durch Inzucht und andererseits, weil die Aufzucht aufwendiger ist, als der Städter annimmt.

Küken-Kartell

Das Genmaterial kommt von einer Handvoll Anbietern auf dem Weltmarkt, das dann in der Schweiz ausgebrütet wird. Meistens geben diese Brütereien die Küken ab, wenn sie 18 Wochen alt und damit reif fürs Eierlegen sind. Roman Zbinden aus Illhart TG ist ein Bio-Bauer, der die Bibeli noch selber aufzieht – weil er einen Stall übrig hat.

Der Hühnerstall seines Vaters entsprach nicht mehr den Ansprüchen der modernen Bio-Haltung, die u.a. ein Mindestmass an Platz, biologisches Futter und eine Höchstzahl von 2'000 Tieren vorschreibt. Also funktionierte Zbinden den alten Stall nach einem Neubau kurzerhand in eine Kinderkrippe für Küken um – so hat er den Nachwuchs immer im Blick, und die Tiere gewöhnen sich schneller im Stall ein.

Aber ist es in Zeiten der gerechten Empörung nun nicht angebracht, zu bemäkeln, dass das Bio-Ei nicht bio genug ist, wenn es von einem Hybridhuhn gelegt worden ist? – Mol mol, das ist es, wenn man sich etwas herauspicken, die Krallen wetzen und herumgockeln will – nur zäumt man damit das Pferd von hinten auf.

Roosters attack each other during a cockfight as part of Jonbeel festival near Jagiroad, about 75 kilometers (47 miles) east of Gauhati, India, Friday, Jan. 17, 2020. Tribal communities like Tiwa, Karbi, Khasi, and Jaintia from nearby hills participate in large numbers in the festival that signifies harmony and brotherhood amongst various tribes and communities and exchange goods through an established barter system. (AP Photo/Anupam Nath)
Widerstreitende Meinungen – Empörung liegt im Zeitgeist. Im Bild: Hahnenkampf beim Jonbeel Festival im indischen Jagiroad Mitte Januar.
Symbolbild: Keystone

Ein Kreuzzug und eine Kreuzung später

Seit jeher optimiert der Mensch seine Nahrungsquellen – und das Rad der Zeit lässt sich schwerlich zurückdrehen. Auch unsere modernen Getreidesorten sind gezielte Kreuzungen – und auch unsere Rinder waren früher nicht so potent wie heute, was Milch- und Fleischproduktion angeht.

Nicht zuletzt sind auch unsere heutigen Hunderassen Nachkommen von  besonders zahmen Wölfen, die gezielt mit ihresgleichen gepaart worden sind und Lassie somit erst möglich gemacht haben.

Sprich: Es bringt nichts, über ungelegte Eier vom Nicht-Hybridhuhn zu gackern, die halb so viele Gelege haben wie die modernen. Nur die Bio-Haltung garantiert, dass die Tiere auch ein gutes Leben haben – und darauf kommt es an.

Und jetzt mal ganz abgesehen von der Moral dieser Geschicht': Bio-Eier schmecken auch einfach so viel besser. En Guete!


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