Die Ärzte – mit extra viel Liebe gegen Rechts

Gil Bieler

29.10.2020 - 11:25

Zurück in bestechender Form: Farin Urlaub, Rod Gonzalez und Bela B.
Bild: Jörg Steinmetz/Bademeister.com

Als wäre es wieder 1993: Die Ärzte sind endlich zurück und spielen all ihre Stärken aus: Punk, Humor, Tabubrüche – inklusive eines unerwarteten Rezepts gegen Rechtsextremisten.

Die Corona-Fallzahlen ... buuah, es ist zum Verzweifeln. Virus, Trump, Virus, Trump – das Jahr 2020 fühlt sich an wie eine richtig nervige Dauerplatte. Erlösung bietet nur noch die Musik. Auch wenn man als Schweizer bisweilen nach Norden über die Grenze gucken muss.

Helge Schneider, der multibegabte deutsche Jazz-Chaot mit der prächtigen Mähne, hat dieses Jahr mit einem wunderbar erholsamen Album vorgelegt. Allen Krisen zum Trotz proklamiert er darauf: «Heute hab ich gute Laune, heute ist ein guter Tag». Als wäre nix gewesen.

Und nun legen des Schneiders Söhne im Geiste mit einem neuen Album nach: Die Ärtze, das so langlebige wie quatschköpfige Punkrock-Trio aus Berlin («aus Berlin!»). Au ja! Ein neues Ärzte-Werk hat immer das Potenzial, den Hörer in der Zeit zurückzuversetzen. Schliesslich war es mal richtig cool, Ärzte-Fan zu sein.

Helge Schneider hat gute Laune – und verbreitet sie auch.

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Die Band wurde bereits im geteilten Deutschland gegründet, und als Teenager sang man vor x Jahren noch verstohlen mit, wenn die Anti-Nazi-Hymne «Schrei nach Liebe» lief, in der provokativ mit Faschisten abgerechnet wird: «Oh-ho-ho: Arschloch!» Ui, haben die das wirklich gesungen? Ein kleiner Tabubruch für die gute Sache.

Die Fanliebe hatte überraschend lange Bestand. Das Trio lieferte ja auch zuverlässig Gute-Laune-Mucke mit schrägem Humor ab: 3-Tage-Bärte, Spiesserschrecke im Freundeskreis und die Frage, ob die Sonne auch für Nazis scheint – welche Band nimmt sich sonst schon solch hochbrisanter Themen an? Na, die Toten Hosen jedenfalls nicht.

Doch spätestens, seit die drei Ärzte nebenher auch noch Soloplatten heraushauen, litt der Output der Hauptband: Das Album «auch» von 2012 war eine tragische Nullnummer, bereits der Vorgänger «Jazz ist anders» hatte arg geschwächelt. Man lebte sich auseinander, wie es so schön heisst.

Geht doch!

Ausgerechnet im globalen Krisenjahr haben die «Super Drei» nun wieder Tritt gefasst: «Hell», ihr erstes gemeinsames Studioalbum seit acht Jahren, ist eben erschienen – und ein Grund zur Freude.

Die Band hat endlich wieder all ihre Stärken beisammen. Zum wiederholten Mal deklinieren BelaFarinRod etwa die Definition davon, was eigentlich Punk ist, durch. Ein Schliessfach bei der Bank? CDU wählen? Bei Blinde Kuh bescheissen? «Einfach alles ist Punk!» Gut, wäre das wieder mal geklärt.

Dazu viele nette Melodien, viele laute Gitarrenakkorde, noch mehr Selbstzitate und sogar wieder überzeugte Kampfansagen gegen Rechts. Wobei, «Kampf» ist hier das falsche Wort: In einem Lied geht es um die rechtsextreme Vergangenheit einer Frau, die dank der Liebe wieder aus dem rechten Sumpf herausgefunden hat. Botschaft: Niemand wird als Faschistin geboren.

Und dann gibt es noch die derbe Variante: Im letzten Song der Platte fantasieren die Ärzte darüber, der rechtspopulistischen AfD beizutreten und schwul zu werden, nur um deren Exponenten dann gepflegt … ja, ranzunehmen. 

Ist das geschmackvoll? Nein. Neu? Auch nicht unbedingt. Aber ein Tabubruch, der nicht von den Trumps und Glarners dieser Welt vom Zaun gebrochen wird, geht 2020 schon als Lichtblick durch.

Und ohnehin, abgesichert haben sich die Musiker ja: «Ich bin nichts als eine Sackgasse der Evolution // Darum gebt mir bitte niemals eine Vorbildfunktion», singt Gitarrist Farin Urlaub an einer Stelle. Ist gebongt.

Regelmässig gibt es werktags um 11:30 Uhr und manchmal auch erst um 12 Uhr bei «blue News» die Kolumne am Mittag – es dreht sich um bekannte Persönlichkeiten, mitunter auch um unbekannte – und manchmal wird sich auch ein Sternchen finden.

Alles ist Punk – die Ärzte müssen's wissen.

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