Die Ruhmeshalle der Rockmusik, ein «totaler Witz»?

Von Lukas Rüttimann

26.1.2020

War sie überhaupt Rockerin? Die 2012 verstorbene Soulsängerin Whitney Houston wird dieses Jahr in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. 
Bild: Getty

Die Rock and Roll Hall of Fame sorgt regelmässig für Schlagzeilen. Ausgerechnet für Musikfans ist die Institution aber ein Ärgernis – und hat eine Diskussion in Gang gesetzt, was genau Rock and Roll ist.

Eigentlich wäre sie eine gute Idee, die Rock and Roll Hall of Fame. In – bitte nicht lachen – Cleveland, Ohio, werden seit 1986 fernab der grossen Musikmetropolen dieser Welt verdiente Künstler in einer jährlichen Zeremonie in die Ruhmeshalle des Rock and Roll aufgenommen und für ihr Lebenswerk gewürdigt.

Das mit dem «verdient» meint man durchaus ernst: Mindestens 25 Jahre müssen seit dem Debütalbum vergangen sein, damit man überhaupt in den erlauchten Kreis aufgenommen werden kann. Schliesslich sollen nur echte Legenden geehrt werden. Diese sind zwar nicht mehr immer sehr lebendig, und oft auch nicht mehr allzu freundlich, vor allem nicht zueinander. Aber den Test der Zeit, den haben sie bestanden.

Eine schöne Sache für Bands und Fans also, sollte man meinen. Doch die Rock and Roll Hall of Fame (RnR HoF) sorgt seit Jahren vor allem für eines: jede Menge Misstöne.

Whitney Houston – im Ernst?

Auch heuer kochten die Emotionen wieder hoch, als das Gremium die Auserwählten für die Zeremonie am 2. Mai bekannt gab. Denn 2020 werden unter anderem Soulsängerin Whitney Houston, Rapper Notorious B.I.G. oder die Elektropop-Pioniere Depeche Mode aufgenommen.



Gestandene Rock- und Heavy-Metal-Gruppen wie Judas Priest, Soundgarden, Thin Lizzy oder Motörhead, die es alle noch in die erste Auswahl geschafft hatten, schauen dagegen in die Röhre.

Dass eine Band, die seit fast 50 Jahren Alben aufnimmt, die Fans begeistert und sogar ein ganzes Genre mitbegründet hat, nicht schon längst in der Ruhmeshalle throne, sei «ein totaler Witz», polterte Judas-Priest-Gitarrist Ritchie Faulkner daraufhin auf Twitter. Und von Fans und Fachmagazinen fielen die Reaktionen noch viel heftiger aus.

Tatsächlich scheinen die Verantwortlichen vor allem bei Metal-Bands komplett taub zu sein. Legenden wie Iron Maiden oder eben Motörhead und Judas Priest warten seit Jahren vergeblich auf eine Ehrung – obwohl ihre Debütalben schon deutlich länger als 25 Jahre zurückliegen, sie die Rockmusik über Dekaden nachhaltig prägten und sich ihre Alben millionenfach verkauften.

Selbst Ikonen wie die Genre-Gründer Black Sabbath, Deep Purple oder Kiss mussten noch zehn, 13 oder 15 Jahre länger zuwarten, bis sie zu ihren wohlverdienten Weihen kamen. Andererseits öffnete man die Tore für Guns N' Roses just zu jenem Zeitpunkt, als ihr Album «Appetite for Destruction» 25 Jahre alt wurde.

Was ist Rock and Roll?

Nun sind sich Metal-Fans zwar gewohnt, dass Institutionen sie nicht ernst nehmen oder ablehnen. Bis zu einem gewissen Grad gehört das sogar zum Selbstverständnis der Szene. Doch wenn sich die Institution «Rock and Roll» auf die Fahne geschrieben hat, hört für viele der Spass auf. Zumal genau dieser Rock-Appeal bei Künstlern wie Whitney Houston oder Notorious B.I.G. – zumindest was die Musik angeht – nicht eben offensichtlich ist.



Das Problem liegt denn auch weniger bei den Künstlern, sondern beim Namen. Denn während das Publikum mit Rock and Roll vor allem (laute) Gitarrenmusik verbindet, definieren die HoF-Verantwortlichen den Begriff so breit wie nur möglich. «Die Namen dieses Jahr zeigen auf, wie divers Rock and Roll ist», sagte der Senior Director der Hall of Fame, Andy Leach, dem «Cleveland Magazine».

Auch beim Vorwurf, dass die Acts keinen Rock and Roll spielen, ist der HoF-Chef nicht um eine Antwort verlegen. Rock and Roll sei heute eher Kultur als Musikstil, so Leach. Ausserdem seien in den 50er-Jahren auch R&B, Soul und Blues unter diesem Sammelbegriff zusammengefasst worden. Sowohl Whitney Houston wie auch Notorious B.I.G hätten ihre Wurzeln in dieser Musiktradition und seien deshalb «sehr wohl Rock and Roll».

«Die singen nicht mal»

Dass besonders Rapper in der Rock-Ruhmeshalle vielen Rockmusikern (und Fans) ein Dorn im Auge sind, ist dennoch verständlich. «Vielleicht sollen Judas Priest besser versuchen, in die Rap Hall of Fame (die es so nicht gibt – Red.) aufgenommen zu werden», spottete denn auch der ehemalige Sänger der Band, Tim «Ripper» Owens in einem Interview.



Kiss-Grossmaul Gene Simmons fuhr gar eine regelrechte Kampagne gegen Rapmusik. «Spinnt ihr? NWA oder Run DMC spielen nicht mal Gitarre. Das heisst nicht, dass sie keine guten Künstler sind. Aber sie sampeln und reden. Die singen nicht mal», sagte der Bassist in einem Interview. NWA-Gründer Ice Cube liess das freilich nicht auf sich sitzen und holte per Twitter zum Gegenschlag aus: Beim Rock'n'Roll gehe es nicht um Instrumente, sondern um die Einstellung.

Metal vs. Musikgremien

Der Frust der Rock- und Metal-Gemeinde ist verständlich. Denn entschieden wird über die Neuaufnahmen von einem Gremium, das vor allem aus bisherigen HoF-Mitgliedern besteht, also aus Leuten, die mit Heavy Metal und Hardrock nichts am Hut haben. Ähnlich wie bei den Grammy Awards also, die sich in Sachen Metal auch nicht eben mit Ruhm bekleckert haben.

Unvergessen jedenfalls, wie die Grammy-Jury 1989 den Award in der damals neu eingeführten Kategorie «Heavy Metal» nicht etwa den aufstrebenden Genre-Superstars Metallica zusprach, sondern den alternden Folkrockern von Jethro Tull.

Auch wenn Metallica inzwischen ihre Grammys erhalten haben: Der alljährliche Wirbel um die Neuaufnahmen in die Rock and Roll Hall of Fame zeigt, dass Rock- und Metalbands weiterhin damit rechnen müssen, bei Ehrungen für ihr Schaffen übergangen zu werden. Rock and Roll hin, Rap und R&B her.

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