Vorsätze für 2019 – auf den Verzicht lässt sich getrost verzichten

4.1.2019 - 07:04, Charoline Bauer

Essen als Herausforderung ist definitiv ein Phänomen der Wohlstandsgesellschaft.
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Bloss nicht den Kopf in den Sand stecken, wenn die Vorsätze fürs Neue Jahr schon gleich in den ersten Tagen nicht eingehalten werden konnten. Denn es gibt eine einfache Wahrheit.

Zum Jahreswechsel wurden wieder unzählige gute Vorsätze in den dunklen Nachthimmel entsandt, und die meisten davon werden – wie jedes Jahr – in den ersten Tagen und Wochen des neuen Jahres verpuffen.

Trotzdem finde ich es gut, dass die Menschen sich wenigstens einmal im Jahr die Zeit nehmen, ihre alltäglichen Gewohnheiten zu optimieren. Mein Tipp: Auch wenn es mit dem Einhalten der guten Vorsätze dieses Mal wieder nicht geklappt hat, man muss nicht bis nächstes Silvester warten, um seine Lebens- und Ernährungsroutinen zu überdenken. Im Gegenteil, jeder Tag des Jahres ist der perfekte Tag, um mehr Gemüse und weniger Süsses zu essen und die Treppe statt den Lift zu nehmen.

Wobei ich in den letzten Jahren in meinem Freundeskreis etwas beobachtet habe, das man fast als Optimierungshype bezeichnen kann. Um mich herum stecken plötzlich alle in einer sogenannten «Food Challenge». Bringe ich einen Kuchen zu einer Feier mit, gibt es garantiert mindestens zwei Gäste, die aktuell keinen Weizen essen, einer macht gerade 30 Tage zuckerfrei, und der Gastgeber ernährt sich in diesem Monat nur von Rohkost. Was für ein Glück, dass ich gerne rohköstliche, glutenfreie Torten ohne Industriezucker backe. Die gibt es übrigens wirklich und schmecken erstaunlich gut.

Essen als Herausforderung

Jetzt aber mal im Ernst. Essen als Herausforderung ist definitiv ein Phänomen der Wohlstandsgesellschaft – zumindest wenn die Herausforderung im Verzicht und nicht in der Beschaffung der Nahrung besteht –, und das lässt mich immer etwas ratlos zurück.

Die meisten Leute stellen sich der Herausforderung einer vermeintlich gesünderen Ernährung ohne Zucker, Weizen, Gluten, industriell verarbeiteten Produkten, Erhitztem usw. nämlich nur für eine kurze Zeit. In der Regel dauert so eine Food Challenge 30 Tage. Und dann? Fallen die meisten wieder zurück in ihre gewohnten Ernährungsmuster.

Warum? Die meisten Challenges haben eines gemein, sie sind extrem. Es wird der totale Verzicht geübt, und die meisten Menschen halten dies nur durch, weil wie wissen, dass sie am Ende des Monats wieder zugreifen dürfen. Und so wird keine neue, gesunde und genussvolle Ernährungsweise erlernt, sondern nur die Lust auf das Verbotene aufgestaut. Am Ende der Challenge fallen dann alle Hemmungen, und es wird umso mehr konsumiert. Nie hat die Schokolade besser geschmeckt als nach einem Monat Verzicht!

Change statt Challenge


Also, was ist besser als eine Food Challenge? Ein Food Change. Man muss für eine Umstellung nicht gleich alle Lieblingssünden aus dem Speiseplan streichen, man muss sie nur strategisch einplanen. Und während 30 Tage ohne Fleisch oder Fertigprodukte einem wirklich die Augen für das richtige Mass öffnen können, fördert der totale Verzicht auf Zucker und Weizen (ohne medizinische Indikation) nur die Lust darauf. Die wahre Challenge unserer Ernährung ist es nämlich, nicht einen Monat des Jahres ohne eine bestimmte Lebensmittelgruppe auszukommen, sondern zwölf Monate eine einigermassen ausgewogene Esskultur zu etablieren – und in der sind auch Zucker und Weizen erlaubt. Wer nimmt die Herausforderung an?

Hier gibt es an jedem Freitagmorgen eine Autoren-Kolumne – abwechselnd zu den Themen Mode, Digitales Leben, Essen und Muttersein. Heute: Essen.

Charoline Bauer ist Autorin und Ernährungscoach aus Berlin. Sie schreibt für verschiedene Verlage zu allen Themen, die das Leben lebenswert machen. Als Ghostwriterin realisierte sie in den letzten Jahren mehrere Bücher in Zusammenarbeit mit bekannten Social-Media-Stars. Mit ihrer Schwester betreibt sie ausserdem einen eigenen Fitness- und Ernährungsblog.

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