Corona-Massnahmen – warum sie der Gesundheit schaden können

dpa

5.5.2020 - 06:41

Wegen der Corona-Massnahmen verbringen viele Menschen die meiste Zeit zu Hause. Das kann schnell zu Bewegungsmangel führen.
Source: Christin Klose

Mehr Freizeit vor dem TV, mehr Kilos auf den Rippen: Mit den Massnahmen gegen das Coronavirus gehen riskante Verhaltensänderungen einher. Schon jetzt ist, laut einer Studie, das Ausmass an mancher Stelle erschreckend.

Drinbleiben, Kontakte beschränken, Homeoffice – die Massnahmen gegen eine allzu schnelle Corona-Ausbreitung hinterlassen in der Bevölkerung bereits deutliche Spuren.

38 Prozent der Erwachsenen in unserem nördlichen Nachbarland Deutschland bewegen sich deswegen weniger, 19 Prozent haben infolge ihrer veränderten Gewohnheiten schon an Gewicht zugelegt.

Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Nur 12 Prozent der Befragten sind demnach mehr in Bewegung als zuvor, 8 Prozent haben wegen der Corona-Massnahmen abgenommen. Anzunehmen ist, dass es in der Schweiz ähnlich aussieht.

Risiken durch Bewegungsmangel

Experten warnen eindringlich vor den möglichen Folgen von Gewichtszunahme und Bewegungsmangel im Zuge der Mobilitätseinschränkungen. «Bewegungsmangel begünstigt nicht nur die Entstehung von Übergewicht, sondern verringert auch körperliche Fitness, Koordination und Beweglichkeit», sagte Heidrun Thaiss, Leiterin der deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

«Zudem leidet auch die Psyche unter einem Mangel an Bewegung.» Wenn die Grenze zu einem Body-Mass-Index über 25 überschritten sei, steige mit zunehmendem Körperfettanteil das Risiko für Erkrankungen wie Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf- oder Gelenkerkrankungen. «Je älter eine Person ist, desto schwieriger wird mittelfristig die Gewichtsabnahme.»



Es gibt aber auch positive Folgen: Seit Corona gibt es in vielen Familien mehr Zeit für gesunde Mahlzeiten. Und so mancher entdeckt angesichts geschlossener Restaurants die eigene Küche neu.

Brot wird selbst gebacken, Rezepte aus dem Internet haben Hochkonjunktur. In der Umfrage gaben auch nur 13 Prozent der Erwachsenen an, sich ungesünder zu ernähren. Im Gegenzug sagten 12 Prozent, im Zuge der Corona-Krise gesünder zu essen.

Geändertes Ernährungsverhalten

Dass mehr als sonst gegessen und genascht wird, etwa weil der Weg zum Kühlschrank im Homeoffice nicht weit ist, spielt zumindest nach Angaben der von YouGov Befragten kaum eine Rolle. Nur 15 Prozent gaben an, ihre Essensmenge sei gestiegen, 11 Prozent gingen sogar davon aus, im Zuge des Corona-Lockdowns insgesamt weniger zu essen.

Allerdings ist da womöglich ein bisschen Fehleinschätzung im Spiel: Nach Angaben des internationalen Süsswarenhandelsverbands ist der Verkauf von Süsswaren in der Corona-Krise gestiegen, im März sei ein zweistelliges Plus verzeichnet worden.



Stark abgenommen hat bei vielen Menschen die Dauer von Gesprächen mit Freunden oder Verwandten, die vor Beginn der Massnahmen oft bei Besuchen und anderen Treffen erfolgten. Fast ein Drittel der Befragten (31 Prozent) gab an, nun weniger Zeit – etwa am Telefon oder mit Videogesprächen – mit solchen Gesprächen zu verbringen.

Fast ein Viertel (23 Prozent) meint allerdings, nun insgesamt länger mit Freunden und Verwandten zu sprechen. Extrem verändert hat sich die Nutzung elektronischer Geräte. 39 Prozent der Befragten gaben an, mehr Freizeit mit Fernseher, PC, Laptop, Spielekonsole, Smartphone und ähnlichem zu verbringen. Lediglich 4 Prozent sitzen im Zuge von Corona weniger vor dem Bildschirm.

Corona kann Alkohol- und Spielsucht begünstigen

Die Corona-Pandemie erhöht Experten zufolge das Risiko für Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie für das Zocken im Online-Casino. Zugleich könnten sich geschlossene Kneipen und Spielhallen aber möglicherweise auch positiv auf das Suchtverhalten auswirken, hiess es beim Fachverband Glücksspielsucht und der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen.

Vielen Menschen fehle eine feste Tagesstruktur, sie seien isoliert und in Sorge um ihre Zukunft, schilderte DHS-Expertin Christina Rummel. «Die Leute wollen Druck rausnehmen und sich – vermeintlich – mit Alkohol entspannen.» Dabei sei vielen nicht bewusst, dass das Trinken schnell zur Gewohnheit werden könne, die Dosis dann steige, um «besser drauf zu sein» – und so eine Alkohol-Abhängigkeit drohe.



Mit Blick auf illegale Drogen sagte Rummel, die Gefahr für Suchtkranke, in alte Muster zu verfallen, sei in Stresslagen besonders gross. Umso wichtiger sei es, auch gemeinsam mit Fachkräften der Suchtberatung und Suchthilfe vor Rückfällen zu schützen und abstinentes Verhalten zu festigen. Beratungsstellen seien aber in grosser Sorge, dass ihnen bei einem längeren Andauern der Corona-Krise die Förderungen gekürzt oder entzogen würden.

Online-Casinos statt Spielhallen

Es sei anzunehmen, dass manche Spieler angesichts der geschlossenen Kneipen mit aufgestellten Spielautomaten nun das Medium wechselten und online um Geld zockten, meinte Rummel. Das könne man aber keineswegs pauschal sagen und für Schätzzahlen sei es auch hier noch zu früh.

Nach Angaben des Fachverbands Glücksspielsucht spielen deutschlandweit knapp 500'000 Menschen in problematischen Ausmassen um Geld. Spielsucht sei gegeben, wenn man immer wieder versuche, Verluste mit erneuten Einsätzen auszugleichen, das Spielen fester Bestandteil des Alltags sei und im Extremfall das Leben bestimme, erläuterte Selbsthilfereferent Hartmut Görgen.



Es könne sich auch durchaus positiv auf das Suchtverhalten auswirken, dass die Spielhallen dicht sind. Mehrere Spieler hätten berichtet, dass die Schliessungen gut für sie seien, schilderte Görgen. Da ihnen klar sei, dass sie aktuell in den Spielstätten keine Gelegenheit zum Zocken hätten, kreisten ihre Gedanken weniger um das Thema, das Verlangen nehme ab. Görgen betonte: «Jeder spielfreie Tag hilft, um in Richtung Abstinenz zu kommen.»

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