Was Sie jetzt über die Impfungen gegen Grippe und Covid-19 wissen müssen

Von Runa Reinecke

7.10.2020

Mit einem Piks gegen die Grippe geschützt – bald auch gegen Covid-19? (Symbolbild)
Bild: Keystone

Im Winter gesellt sich die Grippe zur Covid-19-Pandemie hinzu. Ein Experte im Interview darüber, wer sich jetzt gegen Influenza impfen lassen sollte und was wir von einem Covid-19-Impfstoff erwarten dürfen.

Sobald es kälter und die Luft trockener wird, haben Atemwegsinfekte Hochsaison. In diesem Winter bekommen wir es nicht nur mit herkömmlichen Erkältungsviren oder der echten Grippe, sondern auch mit Covid-19 zu tun. Mit welchen Herausforderungen wir dadurch konfrontiert werden und welche Voraussetzungen ein Impfstoff gegen Covid-19 erfüllen muss, hat der Infektiologe Prof. Dr. med. Christoph Berger im Gespräch mit «blue News» erörtert.

Herr Berger, warum ist die Influenzaimpfung in diesem Jahr besonders wichtig?

Anders als in den Vorjahren sind wir in diesem Jahr nicht nur von einer Grippewelle, sondern auch von Covid-19 betroffen. Wir wissen nicht, wie stark uns die Influenza im bevorstehenden Winter treffen wird. Sowohl die Grippe als auch Covid-19 gehen mit Symptomen wie Fieber und Husten einher, und eine gesicherte Diagnose lässt sich nur durch Tests stellen. Je weniger Menschen gar nicht oder zumindest nicht schwer an der Grippe erkranken, umso geringer ist die Zahl derer, die im Spital behandelt werden müssen. Und das wiederum entlastet unser Gesundheitssystem.

Die Südhalbkugel der Erde trifft die Influenza immer ein halbes Jahr vor uns. In dieser Saison gab es in Australien oder Südamerika nur wenig Krankheitsgeschehen. Ist das den Hygienemassnahmen zu verdanken?

Schon vor Covid-19 gab es in manchen Jahren schwächere, in anderen Jahren stärkere Grippewellen. Aber ja, es ist durchaus plausibel, dass die Massnahmen wie Social Distancing, das Tragen von Masken und das häufigere Händewaschen stark dazu beigetragen haben, dass sich nicht nur weniger Menschen mit SARS-CoV-2, sondern auch mit Influenzaviren infiziert haben.

Wird sich das auch für die bevorstehende Saison in der Schweiz bewahrheiten?

Das weiss ich nicht, halte das aber für denkbar.

Zur Person: Christoph Berger
Bild: zVg

Prof. Dr. med. Christoph Berger ist Leiter der Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene am Universitäts-Kinderspital Zürich.

Ungefähr 30 Prozent der in der Schweiz lebenden Personen gehören der Risikogruppe an, das entspricht etwa 2,6 Millionen Menschen. Wird der Grippeimpfstoff nicht knapp?

Der Schweiz stehen für diese Saison 1,8 Millionen Impfdosen zur Verfügung, das sind 600'000 mehr als in den Vorjahren. Risikopatientinnen und -patienten und deren Kontaktpersonen sollten bevorzugt geimpft werden. Das entspricht schon seit Jahren der Impfstrategie des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) und der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (EKIF). Die Erfahrung zeigt aber, dass sich bisher weder alle Risikopatienten noch alle Kontaktpersonen impfen liessen.

Nicht alle Experten sind optimistisch und davon überzeugt, dass in absehbarer Zeit ein Impfstoff gegen Covid-19 verfügbar sein wird ...

Noch konnte nicht endgültig belegt werden, ob Menschen, die Covid-19 durchgemacht haben, wenigstens über eine gewisse Zeit immun gegen das Virus sind. Dass der Körper in der Lage ist, nach einer Infektion eine schützende Immunität gegen das Virus aufzubauen, ist aber Grundvoraussetzung dafür, dass eine Impfung funktioniert.

Momentan wird auf Hochtouren an solchen Impfstoffen gearbeitet …

Es gibt Impfstoffkandidaten, die in ersten klinischen Studien gute Resultate zeigen. Dennoch, die Entwicklung braucht Zeit: Ein Vakzin muss zuerst in Zellkulturen im Labor, im Tierversuch und dann in klinischen Studien zuerst der Phasen I und II, also beim Menschen, dann während grosser Phase-III-Studien Wirkung zeigen und sicher sein.

Im Moment werden die aussichtsreichsten Kandidaten in Phase III an vielen Studienteilnehmern getestet. Dabei werden über einen längeren Zeitraum hinweg Wirksamkeit und Verträglichkeit beobachtet. Darunter ist auch ein mRNA-Impfstoff, der für die Schweiz bestellt wurde. Wichtig ist auch, dass der Impfstoff möglichst schnell in grösseren Mengen produziert werden kann und dann zuerst für die Risikogruppe verfügbar ist.

Normalerweise dauert es Jahre, bis ein Vakzin zugelassen wird, und das macht so manchen skeptisch …

Hier müssen wir uns die Frage stellen, was ein Impfstoff können muss, was wir damit erreichen wollen und für wen er zuerst zugänglich gemacht werden soll: Wollen wir verhindern, dass gefährdete Personen schwer an Covid-19 erkranken, dadurch Komplikationen erleiden oder sogar sterben? Oder die Virusausbreitung bei gesunden bremsen? Primär Ersteres. Ein Risikopatient nimmt Nebenwirkungen durch eine Impfung eher in Kauf, wenn er weiss, dass bei Covid-19 die Krankheit durch die Impfung deutlich milder und nicht lebensbedrohlich verläuft.

Auch wenn der Lockdown für viele Menschen eine schmerzliche Erfahrung war: Er hat die Verbreitung des Virus stark gebremst. Wir wissen jetzt, dass diese Schutzmassnahmen wirksam sind und müssen diese – ausgehend vom Infektionsgeschehen – ausbalancieren. Wenn es uns gelingt, dies auch weiterhin gut umzusetzen und dadurch die Pandemie für den Alltag einigermassen im Griff zu haben, können wir die Zeit, bis ein gut evaluierter Impfstoff zur Verfügung steht, überbrücken.

Inwiefern wird sich der in klinischer Erprobung befindliche Impfstoff gegen Covid-19 vom Influenzavakzin unterscheiden?

Als Grippevakzin nutzen wir in der Schweiz Totimpfstoffe. Grippeimpfstoffe sind seit vielen Jahren millionenfach erprobt und sehr sicher. Sie schützen zwar nicht perfekt, funktionieren aber vor allem bei gesunden Menschen gut. Eine Voraussetzung für den Schutz ist, dass mindestens ein Antigen im Impfstoff enthalten ist, das zu dem Virus passt, das gerade zirkuliert.

Weil sich die Influenzaviren mit der Zeit verändern, muss die Impfung jedes Jahr aufgefrischt werden. Die Nebenwirkungen sind wirklich minimal, und wir haben damit 15 Jahre Erfahrung. Bei den Covid-19-Impfstoffen haben wir diese Erfahrung natürlich nicht. Und genau aus diesem Grund benötigt man die gross angelegten Phase-III-Studien, um neben Wirkung auch mögliche Nebenwirkungen zu entdecken.

Aber besteht nicht ein Nachteil darin, dass der Covid-19-Impfstoff an jungen und gesunden Studienteilnehmern und nicht an Risikopatienten getestet wird?

Das trifft nur auf die ersten beiden Studienphasen zu. In der dritten Phase, in die Tausende Probanden eingeschlossen sind, wird der Impfstoff auch an Senioren und an anderen Risikopatienten erprobt.

Empfehlen Sie für die kommende Saison zusätzlich eine Pneumokokkenimpfung?

Nach einer Grippeerkrankung kann es zu einer sekundären bakteriellen Infektion zum Beispiel durch Pneumokokken kommen. Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen sind besonders gefährdet, durch eine solche sogenannte Sekundärinfektion eine Lungenentzündung zu bekommen. Für diese Personengruppen und für Kinder unter fünf Jahren empfiehlt das BAG diese Impfung. Bei Covid-19-Patienten konnte man diese Zweitinfektionen nicht beobachten.

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