Gute-Laune-Fotos mit einer traurigen Kehrseite

Sulamith Ehrensperger

12.3.2021

epa08179655 US actor Jim Carrey arrives for a gala screening of 'Sonic the Hedgehog' in Central London, Britain, 30 January 2020. The movie screens in UK cinemas from 14 February 2020. EPA/WILL OLIVER
Der kanadisch-amerikanische Komiker Jim Carrey ist bekannt für seine Grimassen. Auch bekannt ist er dafür, dass er bereits vor Jahren seine Depressionen öffentlich machte.
Bild: KEYSTONE

Eine Depression hat viele Gesichter. Unter dem Hashtag #FaceTheDepression outen sich gerade Tausende Menschen mit psychischen Problemen.

Sulamith Ehrensperger

12.3.2021

Eine Depression kann man nicht sehen, nur fühlen. Ein Hashtag gibt der psychischen Erkrankung in den sozialen Netzwerken nun ein Gesicht: Tausende Bilder finden sich mittlerweile unter #FaceTheDepression.

Auch jenes einer jungen Frau, die Social-Media-gewandt in die Kamera lächelt. «Das Bild entstand inmitten meiner ersten schweren depressiven Episode vor etwa zehn Jahren», schreibt die Userin darunter, «man kann die Depression verstecken. Aber sie ist da. Ich wollte deswegen nicht mehr da sein».

Depressive Erkrankungen gehören zu den weltweit schwerwiegendsten und bedeutendsten Krankheitsbildern. Sie betreffen in ihren unterschiedlichen Ausprägungsformen bis zu 20 Prozent der Bevölkerung. Mit dem Aufruf #FaceTheDepression («Stelle dich der Depression») haben zahlreiche Twitter-User mit Fotos aus Zeiten einer psychischen Krise auf die Krankheit aufmerksam gemacht.

Sie teilen ihre Erfahrungen, die sie mit Depressionen gemacht haben. «Lasst uns der Krankheit ein Gesicht geben. Unseres. Und lasst uns dabei nicht vergessen: Nur weil draussen die Sonne scheint und ich ein farbenfrohes Selfie poste, scheint sie noch lange nicht in mir drinnen», postet ein Nutzer neben seinem Foto.

Solidarisch mit Meghan Markle

Auch Prinz Harrys Frau Meghan Markle hatte am vergangenen Sonntag in einem Interview mit Oprah Winfrey offen gestanden: Sie habe an Depressionen und Suizidgedanken gelitten, während sie für die Öffentlichkeit in die Kameras gelächelt hatte. Unter dem Hashtag solidarisieren sich einige der User auch mit Meghan Markle. Die meisten von ihnen wollen jedoch die Botschaft senden: Depressionen können jeden treffen, ohne dass andere das bemerken.

Viele von ihnen berichten, sie hätten die Erfahrung gemacht, mit ihrer Erkrankung nicht ernst genommen zu werden. Sie würden Sätze zu hören bekommen «Du siehst aber gar nicht so aus» oder «Du hast doch alles im Leben». Ein User kontert: «Ausser dass diese Menschen jeden Tag mit sich selbst und ihren Alltagsaufgaben kämpfen, so gut sie es eben können.» Und genau darum geht es bei #FaceTheDepression.

Psychische Krankheiten werden in den sozialen Netzwerken immer offener thematisiert. Auch der Schweizer Rapper Stress nutzte seinen Instagram-Account schon, um über seine Depressionen zu sprechen. Mittlerweile haben sich sogenannte «Mental Health Communities» gebildet, in denen man sich über psychische Gesundheit austauscht. Doch das hat auch eine Kehrseite. Dann etwa, wenn Jugendliche Suizidgedanken äussern oder einen solchen gar mit einem Post ankündigen. Und Depressionen erhöhen das Risiko für Suizidgedanken und -handlungen. Grund genug also, um die Thematik ernst zu nehmen. Dieser Punkt ist besonders wichtig, da Depressionen gerade bei Jugendlichen von Eltern häufig unterschätzt werden.

#FaceTheDepression kann Jugendliche sensibilisieren

Die meisten Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren nutzen jeden Tag soziale Netzwerke – die Plattformen sind damit für viele Teil des Alltags. «Sie sind mit sozialen Medien aufgewachsen. Bis zu einem gewissen Punkt muss man Jugendlichen zugestehen, dass sie sich selber einschätzen können», sagt Nina Hobi, Projektleiterin bei Jugend und Medien, einer nationalen Plattform für die Förderung von Medienkompetenz. «Im Gespräch merkt man, dass sich viele von ihnen durchaus bewusst sind, was das heisst, wenn sie Inhalte posten, sie die möglichen Folgen in Kauf nehmen und das okay finden.»

Hashtags wie #FaceTheDepression könnten somit zur Sensibilisierung beitragen und dazu, dass Jugendliche untereinander offener über Depressionen reden können. Social Media sei damit auch eine wertvolle Ressource, weil Betroffene rasch und unkompliziert Informationen und Hilfe bei entsprechenden Organisationen suchen könnten.

Posts könnten Einfluss auf spätere Jobsuche haben

Bei psychischen Erkrankungen sei es aber nach wie vor so, gibt Hobi zu bedenken, «dass diese mit vielen negativen Assoziationen belegt sind». Deshalb sei hier eine gewisse Vorsicht geboten. Es sei wichtig, Jugendliche entsprechend zu sensibilisieren: «Dass die Posts auch andere User sehen, die vielleicht später einen Einfluss auf ihr Leben haben könnten, etwa in der Lehre oder im Job. Allerdings posten viele Jugendliche unter Pseudonymen und die meisten haben Privatsphäre-Einstellungen für ihr Profil aktiviert.»

Weitere negative Konsequenzen sieht Hobi auch, «wenn sich nur Jugendliche untereinander austauschen, denen es schlecht geht. Und in extremen Fällen sich daraus Challenges entwickeln. Es gab Fälle, wo sich Jugendliche aufgrund irgendwelcher Aufforderungen anderer User das Leben genommen haben. Das ist verheerend». Dort zeige sich, dass die Thematik zwei Gesichter habe. Es sei daher wichtig, Jugendliche auch offline sehr eng zu begleiten.

Laut verschiedenen Studien hat die Corona-Krise vielen Kindern und Jugendlichen, aber auch Erwachsenen psychisch zugesetzt. Depressionen beeinträchtigen das ganze Leben: das Denken, die Gefühle, den Körper, die sozialen Beziehungen. Trotzdem werden psychische Erkrankungen häufig nicht rechtzeitig oder gar nicht erkannt. Mit #FaceTheDepression geben Betroffene der Thematik nun ein Gesicht.

Ein Test von feel-ok.ch, einem internetbasierten Interventionsprogramm für Jugendliche, gibt erste Hinweise, ob man eine Depression haben könnte. 

Hier finden Betroffene und Angehörige Hilfe: