«Weihnachten ist nicht das Problem»Einsamkeit begleitet viele Menschen das ganze Jahr
Jenny Keller
21.12.2025
Viele Menschen in der Schweiz fühlen sich einsam.
Jonas Walzberg/dpa
Einsamkeit beginnt nicht dort, wo Menschen allein sind. Sie entsteht dort, wo Beziehungen fehlen, die tragen. In der Schweiz fühlt sich rund jede dritte Person zumindest gelegentlich einsam.
Einsamkeit beschreibt das Gefühl, wenn eine Lücke zwischen den gewünschten und den tatsächlich vorhandenen sozialen Beziehungen entsteht.
Einsamkeit beginnt also nicht unbedingt dort, wo Menschen allein sind, sondern dort, wo soziale Beziehungen fehlen, die den eigenen Bedürfnissen entsprechen.
Die WHO nennt Einsamkeit ein Risiko, das jährlich mit mehr als 870’000 Todesfällen in Verbindung steht und das sowohl die psychische als auch die körperliche Gesundheit beeinträchtigt.
Das sind etwa 100 Todesfälle pro Stunde. Damit steht Einsamkeit in einer Reihe mit Faktoren wie Rauchen oder starkes Übergewicht.
Besonders betroffen sind junge Erwachsene, Frauen, Menschen in Armut, Personen mit niedrigem Bildungsstand, Angehörige marginalisierter Gruppen sowie Menschen mit körperlichen oder psychischen Erkrankungen. Einsamkeit zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten. Ihre Ausprägung verändert sich jedoch mit dem Alter.
Wenn Einsamkeit nicht mehr vergeht
Bei älteren Menschen nimmt sie oft eine besonders zugespitzte Form an. Pro Senectute hat berechnet, dass es in der Schweiz aktuell über 90’000 Menschen ab 85 Jahren gibt, die als einsam gelten.
«Wir sprechen hier von einer unwiderruflichen Einsamkeit», sagt Peter Burri von Pro Senectute Schweiz gegenüber blue News. Gemeint sind Menschen, die kaum noch Möglichkeiten haben, neue soziale Kontakte aufzubauen und stark auf Unterstützung von aussen angewiesen sind.
Diese Form unterscheidet sich deutlich von der Einsamkeit jüngerer Menschen. «Bei Jüngeren ist Einsamkeit oft situativ oder an Lebensphasen gebunden», erklärt Burri. Ein Umzug, eine Trennung oder ein neuer Lebensabschnitt können Einsamkeitsgefühle auslösen, die meist wieder abklingen.
Jung, vernetzt – und trotzdem einsam
Studien zeigten sogar, dass zwischen 20 und 30 Jahren die gefühlte Einsamkeit besonders hoch sei. Für Jugendliche und junge Erwachsene ist die Lage dabei paradox. Trotz ständiger digitaler Erreichbarkeit fühlen sich fast die Hälfte der 15- bis 24-Jährigen manchmal oder oft einsam.
Das zeigen Auswertungen der Gesundheitsbefragung und jugendspezifische Erhebungen. In den meisten Fällen ist dieses Gefühl jedoch vorübergehend, sagt Burri. «Diese Einsamkeit nimmt in der Regel wieder ab. Im hohen Alter ist es anders. Dort bleibt sie oft bestehen und endet meist erst mit dem Tod.»
Wie stark Einsamkeit erlebt wird, hängt dabei nicht nur vom Alter, sondern auch von der Lebensform ab. Die Schweiz ist ein Land mit besonders vielen Einpersonenhaushalten. Allein zu leben ist nicht problematisch an sich, erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, dass in schwierigen Situationen niemand in unmittelbarer Nähe ist. Menschen, die allein leben, sind laut Studien deutlich häufiger von Einsamkeit betroffen.
Singles sind nicht automatisch einsam
Gleichzeitig sei Differenzierung zentral, betont Sylvia Locher, Präsidentin des Vereins Pro Single Schweiz, gegenüber blue News. «Es ist ein grosser Unterschied, ob jemand seit vielen Jahren allein lebt oder frisch aus einer Partnerschaft kommt.»
Menschen, die lange allein lebten, seien oft autonom, gut organisiert und sozial eingebettet. Schwieriger sei es für jene, die sich stark auf eine Partnerschaft abgestützt hätten. «Diese Menschen sind oft verloren und müssen sich komplett neu orientieren.»
Im hohen Alter komme ein weiterer Faktor hinzu. «Freunde, Geschwister, Weggefährten sterben», sagt Locher. «Das ist ein massiver Verlust. Aber das heisst nicht automatisch, dass diese Menschen per se einsam sind.» Oft gehe es um Trauer und um Lücken im sozialen Gefüge.
Wann Einsamkeit krank macht
Einsamkeit ist keine Krankheit im medizinischen Sinn. «Aber sie ist ein Nährboden für viele Erkrankungen», sagt Peter Burri. Soziale Isolation begünstigt Depressionen und Angststörungen, führt zu weniger Bewegung und kann Übergewicht sowie Diabetes fördern.
Studien zeigen, dass chronische Einsamkeit gesundheitlich ähnlich gravierende Folgen haben kann wie regelmässiges Rauchen. Gleichzeitig gilt: Sich hin und wieder einsam zu fühlen, ist normal. Situative Einsamkeit vergeht meist.
Kritisch wird es, wenn das Gefühl anhält und kaum mehr abklingt. Dann wird Einsamkeit zum Gesundheitsrisiko. Zugleich erfüllt sie eine wichtige Funktion. Sie signalisiert, dass etwas im eigenen Leben nicht stimmt, und kann dazu motivieren, aktiv zu werden.
DNA spielt eine Rolle
Forschung zeigt zudem, dass Einsamkeit nicht primär von der Anzahl sozialer Kontakte abhängt. Genetische Faktoren spielen eine grosse Rolle. Man kann von vielen Menschen umgeben sein und sich dennoch einsam fühlen. Umgekehrt leben viele Menschen allein und sind zufrieden. Entscheidend ist die Qualität der Beziehungen.
Das bestätigt auch Sylvia Locher von Pro Single Schweiz. «Es gibt verheiratete Menschen, die einsam sind, und Singles mit einem sehr dichten sozialen Netz.» Viele Alleinstehende hätten sich über Jahre eine Art soziale Familie aufgebaut, aus Freundinnen, Nachbarn oder Wahlverwandtschaften.
Rund um Weihnachten rückt Einsamkeit besonders stark in den Fokus, medial wie gesellschaftlich. Weihnachten ist jedoch nicht das Problem. Es macht sichtbar, was oft das ganze Jahr über Teil ihres Alltags ist. «Viele ältere Menschen kommen mit dieser Zeit besser zurecht, als man denkt», sagt Peter Burri von Pro Senectute. Sie seien an Einsamkeit gewöhnt, während die Aufmerksamkeit der Gesellschaft vorübergehend steige.
Frauen sind länger einsam
Im hohen Alter verschärfen sich jedoch strukturelle Faktoren. «Oft wird man nicht als Paar alt, sondern allein», sagen Burri und Locher. Weil Frauen im Schnitt länger leben als Männer, ist Einsamkeit im Alter häufiger ein weibliches Thema.
Gleichzeitig sind Frauen oft besser sozial vernetzt. Männer hingegen bauen soziale Beziehungen häufiger über den Beruf auf. «Fällt dieser weg, etwa durch Pensionierung, wird es schwieriger, neue Netzwerke zu knüpfen», sagt Burri.
Besonders gefährdet sind Menschen, die bereits früher im Leben nur kleine soziale Netzwerke gepflegt haben. «Der Verlust des Partners führt dann oft zu einem massiven Einbruch im Alltag», so Burri.
Was hilft – und was nicht
Für hochaltrige oder stark eingeschränkte Menschen brauche es Begleitung, Dienstleistungen und Unterstützung. Burris Ratschläge richteten sich deshalb vor allem an jüngere Seniorinnen und Senioren.
Entscheidend sei, den Kontakt zu anderen überhaupt aufzunehmen. Menschen überschätzen oft, wie viel Aufwand nötig ist, um eine Beziehung wiederzubeleben. Manchmal genügt ein kurzer Anruf, um ein festgefahrenes Muster zu durchbrechen.
Für Peter Burri beginnt der Umgang mit Einsamkeit nicht erst im hohen Alter. «In allen Lebensphasen sollte man offen bleiben, Freundschaften pflegen und neue Kontakte zulassen», sagt er.
Generationsübergreifendes Umfeld pflegen
Besonders wichtig sei ein generationenübergreifendes Umfeld. «Wer nur Menschen aus der eigenen Altersgruppe kennt, läuft Gefahr, dass diese mit der Zeit wegfallen. Vielfalt im sozialen Umfeld ist eine Art Vorsorge.»
Auch Verena Steiner, Autorin des Buches «Solo», plädiert für kleine, alltägliche Formen der Verbundenheit. Ein Lächeln, ein Gruss, ein kurzes Gespräch mit einer fremden Person.
Sie seien nicht nur für einsame Menschen wichtig, sondern für alle. Wer sich aus dem Haus traue, bleibe offener für Begegnungen und Erlebnisse. Oft reiche es, wahrgenommen zu werden.
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