Gute Entscheidungen treffen: «Es ist keine Hexerei»

Sulamith Ehrensperger

1.1.2021 - 08:45

Symbolbild, Mann muss Entscheidung treffen, Pfeile
Ständig treffen wir in unserem Alltag Entscheidungen: Wissenschaftler wollen herausgefunden haben, dass wir jeden Tag millionenmal zwischen verschiedenen Optionen wählen.
Bild: Getty Images

Soll ich oder soll ich nicht? Manche tun sich mit Entscheiden schwer, andere hören aufs Bauchgefühl. Über welche Entscheidungen man lieber schläft und wie ein Pizzakurier inspirieren kann – ein Gespräch mit Leadership-Experte Andres Pfister.

Herr Pfister, was tun Sie persönlich, wenn Sie sich nicht entscheiden können?

Ich funktioniere wie alle anderen auch (lacht). Viele Entscheidungen treffe ich, weil sie sich gut anfühlen oder aufgrund von Erfahrungen. Manchmal lasse ich andere entscheiden, etwa meine Frau oder meine Kinder. Bei komplexeren Entscheidungen versuche ich in mich hineinzuhören, was ist mir wichtig,  was ist die aktuelle Situation, was ist das Ziel, welche Optionen habe ich und welche ist aus welchen Gründen die beste. Bei wichtigen Entscheidungen schlafe ich darüber und schaue, welches Gefühl sich einstellt.

Die Redewendung «Schlaf doch mal darüber» ist also wirklich sinnvoll?

Zur Person: Andres Pfister
Andres Pfister, Professor IAP, ZHAW
zVg

Andres Claudius Pfister lehrt und forscht zum Thema Leadership am IAP Institut für Angewandte Psychologie an der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Sie ist aus meiner Sicht sogar sehr sinnvoll. Dieser Ratschlag kommt ja nicht von irgendwo, sondern hat sich seit Jahrtausenden bewährt. Sind wir ehrlich: Die bewusste Verarbeitung ist bei uns Menschen begrenzt. Hingegen können die unbewussten Systeme viel Informationen verarbeiten. Unser Hirn ist unter anderem eine Problemlösemaschine, die eigenständig weiterarbeitet und versucht Lösungen für angetroffene Probleme zu finden. Also schlaf drüber, lass es dir durch den Kopf gehen, und meist weisst du am nächsten Tag: Das ist es! Dies äussert sich dann in einem guten Gefühl.

Das sogenannte Bauchgefühl, manche nennen es auch Intuition, kennen wir alle. Wir entscheiden uns also, ohne genau zu wissen, warum. Können wir diesem Gefühl vertrauen?

Ja, selbstverständlich können Sie dem Bauchgefühl vertrauen, aber nicht immer. Es hilft uns bei vielen Entscheidungen, die wir routinemässig treffen, oder auch, wenn sie lebensbedrohlich sind, etwa Flucht oder Angriff. Da können Sie sich darauf verlassen, dass Ihr Bauchgefühl hilfreiche Entscheidungen trifft. Es ist oft ein dienlicher Partner, und wir hätten es nicht, wenn es uns nicht beim Überleben geholfen hätte. Aber es kann uns auch in die Irre führen.

Woher kommt dieses Bauchgefühl?

Das Bauchgefühl ist eine Auswirkung von emotionalen Bewertungsprozessen. Das Gehirn versucht stets eine Stimmigkeit zwischen unseren Bedürfnissen, Wünschen, Möglichkeiten und Wahrnehmungen zu generieren, und somit Kohärenz herzustellen. Für uns wird dies über die emotionalen Prozesse auch als Körperreaktion fühlbar: Wir haben ein gutes Gefühl. Oder eben nicht. Bei einem irritierenden Bauchgefühl kann es sein, dass irgendein mir wichtiger Wert tangiert wird oder ich die Auswirkungen noch nicht durchdacht habe, unbewusst ist die Inkohärenz aber erkannt, und dies äussert sich über das ungute Gefühl. Dann lohnt es sich nochmals genau hinzuhören und nachzudenken, um zu erkennen, was noch fehlt oder noch nicht stimmt.

Das Bauchgefühl spielt also auch mit, wenn ich meine, rein über den Verstand zu entscheiden.

Ja, das Bauchgefühl ist auch bei komplexen Problemlösungs-Prozessen essentiell, denn es liefert viele wichtige Informationen zur Bewertung der Situation, des Ziels oder von Lösungsoptionen. Wenn die Emotionen jedoch überhandnehmen, wenn Sie sehr wütend oder viel zu glücklich unterwegs sind, kann das für Ihre Entscheidung ungünstig sein. Ihre bewusste Verarbeitungskapazität ist dann stark eingeschränkt und ihre Wahrnehmung kann sehr selektiv werden. Sie fokussieren sich auf wenige Informationen und blenden andere komplett aus, was bei Entscheidungen fatal sein kann.

Wenn die Emotionen überhandnehmen also lieber eine Runde abregen und dann scharf darüber nachdenken? Gar nicht so einfach.

Geben sie ihren Emotionen den notwendigen Raum, aber lassen sie diese nicht überhandnehmen. Oft hilft es, die Emotionen in einem ersten Schritt zu verschriftlichen und dann darüber nachzudenken, ob dies auch als Botschaft adäquat ist. Der Klassiker, den wir alle kennen: Sie sind wütend und wollen Ihren Gefühlen in einer E-Mail Luft machen. Die Standardregel lautet: Schreiben Sie die Mail, aber schicken Sie diese nicht gleich ab. Sind Sie auch zwei Stunden später oder noch besser am nächsten Tag weiterhin der Meinung, dass es so geschrieben werden muss? Falls ja, dann erst abschicken.

Wann sollte ich bei Entscheidungen reine Sachlichkeit walten lassen?

Wenn es keine klare, offensichtliche Erstlösung gibt oder Sie nicht genau wissen, wohin Sie wollen, hilft es scharf oder systematisch nachzudenken. Auch wenn die Ausgangslange von Anfang an komplex ist, wie beispielsweise ein Projekt begleiten oder eine Hochzeit organisieren. Ebenso bei Entscheidungen mit grosser Tragweite für Sie und andere auf lange Frist hinaus. Wichtig ist dann, sich zu überlegen: was ist die Ausgangslage, was ist das Ziel, was somit das Problem. Welche Optionen habe ich und welche Optionen oder welche Kombination bringt mich am besten zum Ziel. Man fällt somit einen begründeten Entscheid. Das braucht aber Zeit und viel Energie.

Corona macht vieles komplizierter. Macht es uns entscheidungsmüde?

Corona fordert von uns natürlich mehr ab. Zahlreiche Routineentscheidungen, über die wir sonst kaum nachdenken, bringen uns jetzt in moralische Dilemmata, denn unser, aber auch das Leben anderer, kann dadurch gefährdet sein. Immer wieder prallen auch entgegengesetzte Grundbedürfnisse aufeinander. Wir können uns nicht mehr frei durch unseren Alltag bewegen, gesellschaftliche Normen und Werte sind anders gewichtet. Was es aber noch schwieriger macht: Die Situation ist dynamisch, die Bedingungen ändern sich fortlaufend.

Welche Fähigkeiten haben Menschen, die entscheidungsfreudig sind?

Bei vielen ist es eine Haltungssache: Lieber eine Entscheidung treffen, ausprobieren und schauen, was passiert, anstatt abzuwarten, bis kein Entscheidungsspielraum mehr vorhanden ist. Sie denken pragmatisch und wissen, was ihnen wichtig ist. Auch persönliche Werte können hier handlungs- und entscheidungsleitend sein. In ihren Entscheidungen oftmals klar sind Menschen, die schon sehr schwierige Entscheide treffen mussten, solche die direkt einen Einfluss auf Leben und Tod hatten.

Kann jede und jeder lernen sich besser zu entscheiden?

Ja, selbstverständlich. Organisationen wie Militär, Krankenhäuser, Krisenstäbe oder die Polizei üben und lehren Entscheidungsfindung, damit diese auch in stressigen Situationen quasi automatisch abläuft. Auf eine einfache Art können auch Sie es trainieren: Treffen Sie Entscheidungen, lernen Sie die Konsequenzen kennen, reflektieren Sie und lernen Sie daraus. Es ist keine Hexerei.

Wie gelingt es mir, 2021 leichtfüssiger Entscheidungen zu treffen?

Erinnern Sie sich doch mal daran, was Sie früher schon alles erfolgreich umgesetzt und wie Sie das gemacht haben. Denn vergangene, erfolgreiche Strategien können auch jetzt wieder zum Ziel führen. Es hilft auch, sich zu fragen: Was will ich erreichen? Was ist der Zielzustand? Hierbei kann die berühmte Wunderfrage von Steve de Shazer helfen: Stell dir vor, heute Nacht, während du schläfst, geschieht ein Wunder, und das Problem, das dich gerade beschäftigt, ist verschwunden. Woran würdest du das merken? Wichtig ist, dass Sie sich ein attraktives Ziel setzen, das auch erreichbar ist, und dass Sie regelmässig ein Feedback erhalten. Manchmal hilft es auch, andere zu fragen, was sie tun würden. Manchmal bringt einem auch ein Münzwurf der Lösung ein bisschen näher. Für welche Methode Sie sich auch immer entscheiden, haben Sie Geduld mit sich selber und reden Sie sich gut zu.

Was hilft Ihnen, wenn Sie entscheidungsmüde sind?

Dann erinnere ich mich an eine Begegnung mit einem Pizzakurier: Er kam eine Stunde zu spät und als ich die Türe öffnete, rief er mir die Treppe hochkommend zu: «Mängsmol im Läbe muess me eifach hinde astoh.» Das habe ich nie vergessen. Vielleicht müssen wir im Moment einfach mal hintenanstehen, aber auch eine Strategie der kleinen Schritte bringt uns stetig vorwärts.



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