«Dicke Augenbrauen werden in zehn Jahren lächerlich sein»

Von Oliver Schmuki

24.6.2021

Model and actress Cara Delevingne poses for photographers upon arrival at the European Premiere of
«Dicke Augenbrauen werden in zehn Jahren so lächerlich sein wie ein Arschgeweih»: Model und Schauspielerin Cara Delevingne trägt buschig.
Bild: Keystone

Cynthia Wolfensberger stellt eine Zunahme von Behandlungen mit Botox und Fillern fest. Sie erschrecke oft, so die plastische Chirurgin in Zürich, wenn sie sehe, was Menschen mit ihrem Körper anstellen möchten.

Von Oliver Schmuki

24.6.2021

Das Gesundheitswissen der Schweizerinnen und Schweizer nimmt zu. Darüber hinaus sind wir immer besser informiert über die gesundheitlichen Zusammenhänge in unserem Körper. Das erlaubt es uns, aktiv Einfluss auf unsere Gesundheit zu nehmen. Das bestätigen die jüngsten Resultate der «Sanitas Health Forecast»-Studie.

Gemäss der jährlichen Bevölkerungsbefragung zur Gesundheit der Zukunft wächst hierzulande auch der Wunsch, gewisse Körperstellen zu verändern. Am unzufriedensten sind wir weiterhin mit dem Bauch: 58 Prozent der Bevölkerung würden diesen am liebsten verändern.

Zwar sind wir der Meinung, immer besser zu verstehen, wie wir aktiv und selbstbestimmt unser Wohlbefinden beeinflussen können – zum Beispiel über die Ernährung oder die Atmung. Trotzdem spielt die plastische Chirurgie nach wie vor eine grosse Rolle, wenn es darum geht, den eigenen Körper zu optimieren.

Frau Wolfensberger, Sie sind plastische Chirurgin. Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit?

Dass mir ein breiter Köcher an Möglichkeiten zur Verfügung steht, die ich je nach Situation einsetzen kann. Die Chirurgie zog mich damals sofort voll rein. Ich mochte Handarbeit schon immer gern, hatte immer etwas zum Stricken dabei. Wie die meisten Plastiker versuche übrigens auch ich, mich möglichst von den Schönheitschirurgen abzugrenzen.

Wo genau liegt der Unterschied?

Jeder, der ein Medizinstudium abgeschlossen hat, kann sich Schönheitschirurg nennen, ohne jegliche spezifische Erfahrung in dem Bereich. Plastische Chirurgie aber ist eine mindestens sechsjährige Weiterbildung, verbunden mit einem klaren Curriculum mit einer bestimmten Anzahl durchzuführender Operationen. Lange Zeit wurde ich als Konsiliarärztin von verschiedenen Kliniken beratend hinzugezogen, die keine eigene plastische Chirurgie hatten. Doch dafür fehlt mir die Zeit, seit ich die medizinische Leitung der Pallas-Kliniken im Jelmoli übernehmen durfte.

Zur Person: Cynthia Wolfensberger
Bild: Nico Schaerer für den Sanitas Health Forecast

Cynthia Wolfensberger, 60, ist Fachärztin FMH für ästhetische und plastische Chirurgie mit einer eigenen Praxis in Zürich sowie medizinische Standortleiterin von Pallas Aesthetics im Jelmoli.

Wie haben Sie zu Ihrem Beruf gefunden?

Ich wäre gern Elektroingenieurin geworden. Doch ich besuchte die Höhere Töchterschule. Und da ich schon immer herausgestochen bin, vor allem auch aufgrund meiner Hautfarbe, wollte ich nicht als einzige Frau unter einhundert Männern an eine Bubenschule, sprich: an die ETH gehen. Also entschied ich mich für das Studium der Medizin, denn damit kann man alles Mögliche machen, sogar Stadtpräsident werden wie einst Thomas Wagner.

Menschen, die zu Ihnen kommen, möchten sich oft optimieren. Wo liegen die Grenzen?

Natürlich gibt es Fälle, bei denen die Wiederherstellung der Funktion das Wichtigste ist. Doch die Form darf dabei nicht vergessen gehen, Schönheit gehört immer mit dazu. Aber nur auf die Form setzen, wie eben in der Schönheitschirurgie, das möchte ich auch nicht.

Also heisst es form follows function?

Es geht in diese Richtung, ja. Die Kundschaft erwartet aber oft, dass alles machbar ist. In meinen Behandlungszimmern liegt auch das Fotobuch «A New Kind of Beauty» von Phillip Toledano auf. Die Resultate von plastischen Eingriffen, die darin zu sehen sind, bewegen sich absolut jenseits des gängigen Schönheitsideals. Aber sich so verändern zu lassen, war der Wunsch dieser Menschen. Wenn jemand in einem entsprechenden Umfeld lebt oder so exzentrisch ist, kann man weitergehen als sonst. Aber wenn sich eine junge Frau heute Fox Eyes oder Fox Brows wünscht, mache ich, wenn überhaupt, etwas Temporäres. Denn solch dicke Augenbrauen, wie sie gerade angesagt sind, werden in zehn Jahren so lächerlich sein wie ein Arschgeweih.

Wie oft kommt es zu einem Kompromiss?

In rund 80 Prozent der Fälle, würde ich sagen. Das kann aber auch bedeuten, dass wir im Gespräch zwar zu einem Kompromiss kommen, die Person dann aber jemand anderen findet, der ihrem Wunsch nachkommt.

Wie stehen Sie Eingriffen im Genitalbereich von Frauen gegenüber?

Schamlippenverkleinerungen sind ein Thema, das mich immer wieder verblüfft, um es wertneutral auszudrücken. Es geht hier stark um Scham, zum Teil aber auch um Druck, gerade bei jüngeren Frauen, die einen Partner haben, dessen anatomische Kenntnisse gänzlich vom Porno-Konsum kommen. Wenn es dann im Streit heisst: «Deine Vulva ist so hässlich» und die Frau keine Vergleichsmöglichkeiten hat, ist das sehr schwierig. Aber ich besitze genug Bücher, und so schauen wir dann einfach gemeinsam Vulven an.

Und am Ende wird nicht operiert?

Befindet sich jemand am äussersten Rand des Spektrums und möchte durchschnittlicher sein, kann ich auch etwas machen. Denn glücklicherweise wachsen Schamlippen ja ein Leben lang. So wie die Nasenspitze oder die Ohrläppchen. Und erhalte ich danach eine Karte, in der steht, dass im Schlafzimmer endlich das Licht brennen darf, freue ich mich natürlich mit ihr.



Inwiefern hängen Schönheit und Gesundheit Ihrer Meinung nach zusammen?

Dass gesunde Menschen eine schönere Ausstrahlung haben, das glaube ich. Und wer schwerkrank ist, dem sieht man das auch an. Das ist nicht attraktiv. Ich glaube auch, dass die Haut mehr strahlt, wenn man gesund ist. Darum schummeln wir hier ja auch ständig. Ansonsten glaube ich aber nicht, dass schöne Leute gesünder sind, schon gar nicht geistig.

Anders gefragt: Kann die Gesundheit durch Verschönerung gesteigert werden?

Manche Menschen sind auf irgendeine Äusserlichkeit fixiert. Ein Grossteil der Kundschaft findet, wenn dieses eine Problem durch eine Operation behoben wird: Jetzt ist gut. Und dass diese Menschen danach, zumindest für eine gewisse Zeit, gesünder oder mit weniger Macken behaftet sind, davon bin ich fest überzeugt.

Wie äussert sich das?

Sie haben nicht mehr länger das Gefühl, sich verstecken zu müssen, gehen wieder vor die Tür und unter die Leute. Und sie werden wieder mehr Kraft und Energie für anderes zur Verfügung haben.

Es geht also auch um eine Verbesserung der mentalen Gesundheit. Beobachten Sie das oft?

Ja, zum Beispiel, wenn sich eine Person Botox spritzen lässt, weil sie darunter leidet, häufig stark zu schwitzen, sodass sie kein weisses Kleid oder Hemd anziehen kann.

Inwiefern spielt das Thema Ganzheitlichkeit für Sie als Ärztin eine Rolle?

Heute ist es ein Wunsch, gesünder auszusehen. Dabei geht es nicht nur um Gesicht, Körper und Haut, sondern darum, seinen Lebensstil auszudrücken. Darum versuche ich, den ganzen Menschen kennenzulernen und zu erfahren, was ihn interessiert, was er im Leben tut oder auch, wie er sich ernährt.

Was hat sich seit Beginn der Covid-19-Pandemie bezüglich der Wünsche, die Sie hören, verändert?

In Bezug auf das Spektrum der Eingriffe nicht sehr viel. Aber ich stelle fest, dass viele mehr Zeit haben. Auf jede Operation folgt eine sogenannte Social Downtime, eine Zeitspanne, in der man nicht gesellschaftsfähig ist. Auch Socialites haben derzeit weniger Verpflichtungen, bei denen von ihnen ein strahlender Auftritt erwartet wird, und gleichzeitig mehr Gelegenheit, um Dinge machen zu lassen, über die sie schon lange nachgedacht haben. Auch das Geld, das man gespart hat, weil man nicht verreist ist, wird jetzt ausgegeben.

Und in was investiert?

Über 70 Storys zur Gesundheit der Zukunft
Bild: Nico Schaerer

Die zweite Ausgabe des «Sanitas Health Forecast» steht unter dem Stern des neuen Gesundheitsoptimismus. Er beantwortet Fragen wie: Warum reden alle von Mental Wellness? Wie werden wir möglichst lange gesund leben können? Und wie sieht die neue sexuelle Revolution aus? Die jährliche Publikation zur Gesundheitszukunft der Schweiz wird von Sanitas im Wörterseh-Verlag herausgegeben und von einer Redaktion aus 30 unabhängigen Journalistinnen und Journalisten verfasst. Und er enthält die Ergebnisse einer Bevölkerungsbefragung, die Einblick gibt in das, was Schweizerinnen und Schweizer gesundheitlich bewegt. Unter diesem Link kann der «Sanitas Health Forecast» für 18 Fr. bestellt werden.

Man lässt sich zum Beispiel irgendetwas aufspritzen. Wobei Fadenliftings viel stärker nachgefragt werden als noch vor drei, vier Jahren. Für diese kommen Fäden zum Einsatz, die aussehen wie Mini-Stacheldraht und die sich wieder auflösen, aber dennoch temporär mittels Straffung eine deutliche Veränderung bringen. Das ist wohl weniger stark wie ein konventionelles, chirurgisches Lifting, dafür geht das ganz ohne Klinikbesuch und Narkose. Und tritt im Anschluss an den Eingriff trotzdem ein Bluterguss auf, versteckt man diesen heutzutage ganz einfach unter der Schutzmaske.

Inwiefern unterscheidet sich das Schönheitsideal von heute zu jenem von früher?

Die grösste Veränderung in der Schweiz, abgesehen davon, dass Brüste aktuell wieder kleiner und Lippen grösser werden, ist, dass man heute sehen kann, in welcher Multikulti-Gesellschaft wir leben. Die einen finden Kim Kardashian super, und gleichzeitig findet jemand im selben Alter den knabenhaften Typ weiterhin oder erst recht total schön. Spannend ist, dass diese unterschiedlichen Präferenzen in derselben gesellschaftlichen Schicht parallel nebeneinander bestehen können.

Vermutlich das Verdienst von Immigration und Digitalisierung.

Ja. Und ich finde das schön, obschon es meine Arbeit erschwert. Denn im Gespräch benötige ich mehr Zeit, um herauszufinden, was beispielsweise eine Frau damit meint, wenn sie sich eine weiblichere Figur wünscht. Aber das ist auch äusserst spannend.

Welche Tendenzen sehen Sie auf sich zukommen?

Dadurch, dass wir mehr Videokonferenzen per Zoom et cetera führen, wird die Nachfrage nach vergänglichen Botox- und Filler-Eingriffen sicherlich noch weiter zunehmen. Das wird auch so bleiben, weil sich solche Meetings inzwischen etabliert haben. Wer aber wegen einer Behandlung seiner Zornesfalte zu mir kommt, dem verrate ich, wie er diese gratis und ohne Hilfe von Botox behandeln kann: Man klebt einen Klebstreifen drüber, wenn es die Umstände zulassen. Zieht man dann die Augenbrauen zusammen, spürt man einen kleinen Zug. Bio-Feedback nennt sich das. Mit der Zeit wird einem das Verhalten bewusst, und man benötigt kein Klebeband mehr.

Wie schätzen Sie die Möglichkeiten von ästhetischer Akupunktur ein?

Ich arbeite mit einer Akupunkteurin zusammen, die auch schröpft. Auch Nahrungsergänzungsmittel finde ich eine gute Sache. Heute glauben viel zu viele, sie würden sich gesund und ausgewogen ernähren. Wäre dem tatsächlich so, hätte ich weniger zu tun.

Was wäre ein erstrebenswertes Schönheitsideal?

Wenn Unterschiedlichkeit als etwas Spannendes angeschaut und zum Beispiel jemand mit Sommersprossen als aussergewöhnlich gelten würde. Wenn also weniger der Körper in seiner überhöhten Durchschnittlichkeit angeschaut, sondern vielmehr das geschätzt werden würde, was uns als Individuen ausmacht. Wie bei den Japanern, die es offenbar im Bereich der Zahnstellung gern etwas lebendiger, spezieller mögen.

Also zurück zu mehr Natürlichkeit?

Vielleicht. Denn die Alternative wäre eine Welt wie im Film «The Hunger Games». Dort lassen sich die Bewohner des Kapitols Krallen und Schnurrhaare implantieren und tragen goldene Tattoos. Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch in diese Richtung gehen könnte. Nicht dass ich mir das wünschen würde.

Wie würden Sie reagieren, wenn Ihre erwachsene Tochter eine Schönheitsoperation in Erwägung ziehen würde?

Bei allem, was temporär ist, würde ich erzählen, welche Risiken sie eingeht. Doch sie ist 26 und weiss, was schieflaufen kann. Sie klärt auch die Leute in ihrem Umfeld auf darüber, was realistische Erwartungen sind.

Wie informieren Sie sich über Trends im Bereich der Schönheit?

Ohne meine Tochter wüsste ich wohl nicht, was Cat Eyes sind. Ansonsten folge ich ein paar Leuten in den sozialen Medien und schaue ab und zu People-Sendungen im Fernsehen.

Was überrascht Sie dabei?

Wie viele Menschen, die über Geld verfügen, alles Mögliche mit sich machen lassen und dabei völlig den Blick für sich selbst verlieren.

Auffallend sind die vielen üppigen Lippen, denen man heutzutage in der Stadt begegnet.

Das Problem hier ist, dass viele solche Behandlungen anbieten, obschon sie diese von Gesetzes wegen nicht durchführen dürften, weil sie nicht qualifiziert sind oder keine Haftpflichtversicherung besitzen. Kosmetikerinnen beispielsweise dürften Botox und Hyaluronsäure nicht spritzen. Trotzdem wird dafür geworben. Im Bereich des Medizinalrechts ist es wie auf der Autobahn: Alle fahren 130, weil man dann eine allfällige Busse gerade noch bezahlen kann. Schlimm ist, dass niemand genau hinschaut, denn es geht ja «nur» um junge Frauen und deren Aussehen.

Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft?

Dass jüngere Frauen zu wenig zu schätzen wissen, was schön ist an ihnen, gehört wohl ein Stück weit zur Pubertät. Aber ich wünsche mir, dass sie später, mit 30, 35 Jahren, irgendwann bei sich ankommen werden.

Was soll man tun, um möglichst lange schön zu bleiben?

Das Wichtigste ist: Man muss sich die richtigen Eltern aussuchen, damit möglichst lange keine Falten auftauchen (lacht). Es lässt sich aber auch nicht alles nur auf die Gene schieben. Hier verwende ich gern folgendes Bild: Eine Raupe und ein Schmetterling haben genau dieselben Gene.

Dieses Interview wurde von Oliver Schmuki für die Publikation «Sanitas Health Forecast: Der neue Optimismus» geführt.