«Ich war wohl die Erste, die in den USA offiziell geimpft wurde»

Von Marlène Von Arx

16.4.2021

Lange wurde die Forschung der ungarischen Biochemikerin Dr. Katalin Karikó ignoriert, jetzt wird sie für den Nobelpreis gehandelt. Im Interview mit «blue News» erklärt die Vizepräsidentin von Biontech, wie die Covid-Impfung so schnell entwickelt werden konnte. 

Von Marlène Von Arx

16.4.2021

Dr. Karikó, sind Sie geimpft?

Natürlich. Ich war wohl die Erste, die in den USA offiziell geimpft wurde.

Hatten Sie Beschwerden?

Nach der ersten Impfung nichts und nach der zweiten war ich am darauffolgenden Tag müde, hatte Kopfweh und der Arm tat weh. Am nächsten Tag waren alle Beschwerden weg.

Sie sind Biochemikerin und haben sich auf den Bauplan von RNA-Molekülen spezialisiert. Können Sie kurz und einfach erklären, was Sie genau zum Covid-19-Impfstoff beigetragen haben?

Was ich zum Impfstoff beigetragen habe, habe ich eigentlich schon vor 20, 30 Jahren erforscht. Ich wollte damals Messenger-RNA herstellen, die man therapeutisch für Schlaganfall-Patienten verwenden konnte. Aber mein Kollege Drew Weissman realisierte, dass die immunologische Abwehrreaktion und das Entzündungs-Potenzial zu gross waren, also haben wir an der Elimination dieser Probleme gearbeitet. In den letzten sieben, acht Jahren bei Biontech habe ich die Messenger-RNA weiter modifiziert und optimiert. Eine Impfung gegen das Coronavirus konnte quasi nur deshalb über Nacht entwickelt werden, weil wir diese Technologie schon Jahre nutzen.

Ursprünglich versuchten Sie, eine Impfung gegen Aids zu entwickeln?

Ja, Drew Weissman, der in Dr. Faucis Labor arbeitete, wollte eine HIV-Impfung entwickeln. Als wir die Abwehr von Überlebenden anschauten, stellte sich heraus, dass bei ihnen ein Rezeptor in den Zellen fehlte und das Virus so nicht einfach eindringen konnte. HIV-Resistenz hatte also nichts mit der Bildung von Anti-Körpern zu tun, sondern mit der genetischen Veranlagung.

Kann man mRNA-Zellmodifikation auch im Kampf gegen Krebs verwenden?

Ja, der Einsatz von mRNA schreitet überall voran. Für eine Krebs-Impfung sind die Herausforderungen aber viel grösser als beim Coronavirus, das aus 29 Prozent Protein besteht und ein Spike-Protein auf der Oberfläche hat. Die Zielscheibe ist also simpel: Dieses eine Spike-Protein an der Oberfläche. Gewisse Krebszellen kann man hingegen von aussen gar nicht als solche identifizieren.

Werden wir mit dem Coronavirus und den Mutationen ewig weiterleben müssen?

Ich bin keine Hellseherin. Auch was die Wirkung des Impfstoffs betrifft, haben wir erst sechs Monate Erfahrung. Wir haben hier im Gegensatz zu Aids oder Ebola eine Krankheit, bei der gesunde Menschen unbewusst andere durch die Atemwege infizieren können, die dann schwer krank werden oder sterben. Was wir wissen: Es hilft, keine Vorerkrankungen zu haben. Also sollte man sich gesund ernähren und sich bewegen, wenn man bessere Chancen haben will. Das ist aber nichts Neues. Das habe ich schon mit 15 Jahren in den Werken von Hans Selye über ein stressfreies Leben gelesen.

Sie kamen in den 80er Jahren aus Ungarn in die USA. Sind Sie damals dem Regime hinter dem Eisernen Vorhang entflohen?

Nein, ich bin nicht geflüchtet. Ich liebe Ungarn und ich wäre noch da, wenn ich einen tollen Job gefunden hätte. Ich bin offiziell ausgewandert, als ich von der Temple Universität ein Job-Angebot bekam. Mein Mann und meine Tochter durften je 50 Dollar ausführen. Ich nichts, weil ich ja einen Job hatte. In Ungarn waren 100 Dollar viel, aber für drei Monate war es schon knapp.

Was haben Sie also gemacht?

Ich habe 900 englische Pfund geschmuggelt, denn offiziell durfte ich keine ausländische Währung besitzen. So war es damals. Ich sagte zu meiner Tochter, ich wünschte, wir hätten mehr Geld zur Verfügung, aber sie meinte, wir fangen ja neu an in Amerika. Das war ja auch so: Ich kannte die Leute nicht, die mich engagierten, und wir hatten in den USA keine Familie. Wir wurden ins kalte Wasser geworfen und mussten schnell schwimmen lernen.

Apropos ins kalte Wasser geworfen: Ihre Tochter ist Goldmedaillen-Gewinnerin im Rudern. Hat sie den Ehrgeiz von Ihnen?

Vielleicht. Was ich ihr vorlebte, machte vermutlich mehr Eindruck, als wenn ich sie immer dazu angehalten hätte, zu lernen. Sie fing mit 19 an zu rudern. Mein Mann dachte eigentlich, sie würde sich am besten fürs Wrestling eignen, denn sie war bärenstark. Drei Jahre später verpasste sie das olympische US-Team knapp, aber sie war an den Spielen in Peking und in London und brachte zwei Goldmedaillen heim.

Zurück zu Ihren Anfängen: Sie mussten also schnell schwimmen lernen, als Sie in den USA ankamen. Wie kamen Sie zurecht?

Ich hatte bei der Temple-Universität Tag und Nacht für 70'000 Dollar im Jahr gearbeitet und vier Leute ernährt, meine Mutter war inzwischen auch da. Als ich ein Angebot von der Johns-Hopkins-Universität bekam, war mein Vorgesetzter sehr wütend, weil er mich behalten wollte. So meldete er uns bei der Ausschaffungs-Behörde und Johns Hopkins zog das Angebot zurück. Das war 1988. Aber alles im Leben ist eine neue Chance. So habe ich dann viel mehr über Molekularbiologie gelernt.

Hatten Sie auch Probleme, weil Sie in einem von Männern dominierten Umfeld arbeiteten?

Das werde ich oft gefragt, aber es haben mir mehr Frauen Steine in den Weg gelegt als Männer. An der Universität von Pennsylvania war am Anfang alles toll, und dann gab es eine neue Vorgesetzte, die mich nicht mochte.

Sie mussten entsprechend lange auf Ihren Durchbruch warten.

Ja, 2006 bekamen wir 1 Million Dollar, um modifizierte mRNA für Therapien zu entwickeln und gründeten dafür eine Firma. Das war das erste und einzige Mal in meinem Leben, dass ich Fördergelder zugesprochen bekam.

Und jetzt? Werden Sie jetzt Milliardärin?

Nein, wir wollten die modifizierte mRNA in diesem Fall nicht patentieren, damit die ganze Welt es sofort nutzen konnte. Aber die Abteilung für Intellektuelles Eigentum der Universität von Pennsylvania sagte, die Lizenz brauche es zum Schutz. Wir kriegen also einen sehr geringfügigen Anteil an den Tantiemen, die die Universität bekommt. Aber das ist mir auch egal. Ich hätte ganz schön Kopfweh, wenn ich mir überlegen müsste, was ich mit einer Milliarde Dollar anstellen soll.