Überraschende Erklärung Warum du im Frühling immer müde bist – was wirklich dahintersteckt

Jenny Keller

1.5.2026

Wenn der Frühling kommt, erwarten viele neue Energie. Wieso fühlen sich denn genau dann manche Menschen erst recht erschöpft? 
Wenn der Frühling kommt, erwarten viele neue Energie. Wieso fühlen sich denn genau dann manche Menschen erst recht erschöpft? 
Christin Klose/dpa-tmn

Eine Schweizer Studie kommt zum überraschenden Schluss: Müdigkeit im Frühling ist wohl kein biologisches Saison-Syndrom, sondern eher ein kulturelles Etikett. Doch die Untersuchung hat Schwächen.

Jenny Keller

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  • Forschende aus Basel und Bern haben 418 Erwachsene über rund ein Jahr hinweg wiederholt zu Müdigkeit, Schlaf und Erschöpfung befragt.
  • Das Resultat liefert keine klaren Hinweise darauf, dass Menschen im Frühling systematisch müder sind als in anderen Jahreszeiten.
  • Die Autor*innen vermuten, dass der Begriff «Frühjahrsmüdigkeit» selbst eine Rolle spielt: Wer ihn kennt, deutet Erschöpfung im Frühling eher so.

Endlich ist der Frühling da. Die Tage sind länger, die Sonne kommt zurück, auf Balkonen wachsen erste Blumen, und eigentlich müsste der Körper jetzt in den Aufbruchsmodus schalten. Stattdessen passiert bei manchen Menschen das Gegenteil: Sie sind schlapp, unkonzentriert, antriebslos. Der Kopf will raus, der Körper will aufs Sofa.

Dafür gibt es im deutschsprachigen Raum ein bequemes, harmlos klingendes Wort: Frühjahrsmüdigkeit. Doch nun stellt eine Schweizer Studie dieses vertraute Frühlingsgefühl infrage.

Christine Blume von der Universität Basel und Albrecht Vorster vom Universitätsspital Bern schreiben im Journal of Sleep Research, sie hätten keine Belege für saisonale Schwankungen bei Müdigkeit, Tagesschläfrigkeit, Schlafqualität oder Insomnie-Symptomen gefunden. Frühjahrsmüdigkeit sei eher ein kulturelles Phänomen als ein echtes saisonales Syndrom.

Wiederkehrender Mythos

Die Befunde fallen bei ihrer Veröffentlichung im März auf fruchtbaren Boden und geben zu reden. Denn Frühjahrsmüdigkeit gehört im deutschsprachigen Raum zur Jahreszeit wie Spargel, Pollenflug und Wetter-Apps. Laut der Studie gaben fast die Hälfte der Teilnehmenden, 47 Prozent, zu Beginn an, sie würden Frühjahrsmüdigkeit kennen oder erleben.

Untersucht wurde das mit einer Online-Befragung. 418 Erwachsene aus Deutschland, der Schweiz und Österreich wurden über ein Jahr hinweg alle sechs Wochen befragt. Es ging um Erschöpfung, Tagesschläfrigkeit, Schlaflosigkeit und Schlafqualität. Die Forschenden achteten nicht nur auf Jahreszeiten, sondern auch auf die Tageslänge, also den sogenannten Photoperioden-Effekt.

Die naheliegende Annahme war: Wenn Frühjahrsmüdigkeit ein biologisches Phänomen ist, müsste sie gerade dann sichtbar werden, wenn sich die Tageslänge stark verändert. Im Frühling also, wenn der Körper mit mehr Licht, wärmeren Tagen und veränderten Routinen umgehen muss. Doch genau das fanden die Forschenden nicht.

«Eher Etikett als Syndrom»

Die Studie fand keine stabilen saisonalen Muster bei Müdigkeit und Co.. Zwar nahm eine einfache Einschätzung der Alltagsmüdigkeit mit längeren Tagen eher ab. Ein typischer Frühlings-Peak zeigte sich aber nicht.

Wenn selbst das Murmeltier nicht richtig in die Gänge kommt, stellt sich die Frage: Ist Frühlingsmüdigkeit mehr Gefühl als Fakt? (Symbolbild)
Wenn selbst das Murmeltier nicht richtig in die Gänge kommt, stellt sich die Frage: Ist Frühlingsmüdigkeit mehr Gefühl als Fakt? (Symbolbild)
imago stock&people

Die Erklärung der Autor*innen ist psychologisch interessant. Sie mutmassen, dass vielleicht nicht der Frühling müde macht, sondern dass der Begriff «Frühjahrsmüdigkeit» uns besonders aufmerksam macht für Müdigkeit im Frühling. Im November sagt man vielleicht «stressige Woche». Im Januar «zu dunkel». Im Juli «zu heiss». Wer im März und April erschöpft ist, hat ein kulturell akzeptiertes Label zur Hand.

Die Studie ist spannend – aber nicht der Schlusspunkt

So weit, so überraschend. Doch wer daraus nun schliesst: «Frühjahrsmüdigkeit gibt es nicht», sollte sich zuerst die kritische Analyse der Wissenschaftsjournalistin Ulrike Gebhardt bei RiffReporter zu Gemüte führen. Sie hält die Studie für anregend, aber methodisch nicht stark genug, um das Phänomen endgültig ins Reich der Einbildung zu schicken.

Der wichtigste Punkt: Die Befragung lief nur alle sechs Wochen. Die Teilnehmenden sollten jeweils auf die vergangenen vier Wochen zurückblicken. Das sei für Schlaf- und Müdigkeitsforschung nicht wertlos, aber für ein möglicherweise kurzes Phänomen problematisch. Wenn Frühjahrsmüdigkeit bei manchen nur zwei oder drei Wochen dauert, kann ein grobes Befragungsraster sie leicht verpassen.

Auch die Zusammensetzung der Stichprobe sei ein Problem. 80 Prozent der Teilnehmenden waren Frauen, das mittlere Alter lag bei 32 Jahren. Repräsentativ für die Bevölkerung in Deutschland, Österreich und der Schweiz sei das nicht.

Dazu komme: Die Teilnehmenden wurden unter anderem über Soziale Netzwerke rekrutiert. Das sei wissenschaftlich anfällig, denn solche Stichproben ziehen oft Menschen an, die sich ohnehin für Schlaf, Gesundheit oder das Forschungsthema interessieren.

Menschen schlafen mehr im Winter

Die Untersuchung zeigt: In dieser Stichprobe gab es keine starken, stabilen saisonalen Ausschläge, die Frühjahrsmüdigkeit als allgemeines Syndrom belegen würden. Sie beweist aber nicht, dass niemand im Frühling aus biologischen Gründen müder sein kann.

Die Sonne scheint, der Frühling ist da – und trotzdem fallen manchen die Augen zu. Steckt mehr dahinter als nur ein Mythos? (Symbolbild)
Die Sonne scheint, der Frühling ist da – und trotzdem fallen manchen die Augen zu. Steckt mehr dahinter als nur ein Mythos? (Symbolbild)
KEYSTONE

Ein Blick in die Chronobiologie macht das deutlich. In den dunklen Wintermonaten fühlen sich viele Menschen tatsächlich müder und schlafen etwas mehr. Die innere Uhr verlängert gewissermassen die «biologische Nacht». «Das bedeutet aber auch, dass wir uns eigentlich fitter fühlen sollten, wenn die Tage wieder länger werden», sagt die Chronobiologin Christine Blume.

Im Sommer zeigt sich ein scheinbarer Widerspruch: Viele schlafen weniger, nutzen die langen Abende – und sind dennoch nicht erschöpfter. Ein einfacher Zusammenhang zwischen Jahreszeit, Schlafdauer und Energielevel greift also zu kurz.

Was die Studie nicht zeigen kann

Die Autor*innen der Studie schränken ihre Ergebnisse entsprechend selbst ein. Sie schliessen nicht aus, dass bestimmte Gruppen durchaus stärker betroffen sein könnten: Menschen mit Heuschnupfen, Personen mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln nach dem Winter oder solche, die empfindlich auf die Zeitumstellung reagieren.

Hinzu kommen körperliche Effekte. Steigen die Temperaturen rasch, weiten sich die Blutgefässe, der Blutdruck sinkt. Gerade Menschen mit ohnehin niedrigem Blutdruck können sich dann müde und schlapp fühlen.

Das ist entscheidend. Denn «Frühlingsmüdigkeit» könnte weniger ein klar abgrenzbares Syndrom sein als ein Sammelbegriff für verschiedene Einflüsse, die gleichzeitig auftreten – von Pollen über Kreislaufreaktionen bis hin zu veränderten Tagesabläufen.

Warum sich der Frühling trotzdem schwer anfühlen kann

Denn im Frühling verändern sich auch äussere Faktoren: Mehr Licht verschiebt die innere Uhr, längere Tage verkürzen oft die tatsächliche Schlafdauer, während Aktivitäten und soziale Verpflichtungen zunehmen. 

Hinzu kommt ein Wahrnehmungseffekt: Während Müdigkeit im Winter leicht erklärt ist, fällt sie im Frühling stärker auf.

Gerade weil die Umgebung Aktivität signalisiert, wird fehlende Energie bewusster wahrgenommen und schneller als «Frühlingsmüdigkeit» eingeordnet, auch wenn die Ursachen vielfältig sind.

Was Betroffene tun können

Was lässt sich denn gegen die reale oder eingebildete Müdigkeit im Frühling tun? Für die meisten gilt: Licht, Bewegung und ein stabiler Schlafrhythmus sind sinnvoller als Grübeln über den Mythos.

Morgens Tageslicht, regelmässige Schlafzeiten, nicht zu viel Alkohol, ausreichend Flüssigkeit und moderate Bewegung können helfen, den Kreislauf und die innere Uhr zu stabilisieren.

Wer Heuschnupfen hat, sollte Pollenbelastung ernst nehmen. Allergien machen nicht nur die Nase dicht, sie können auch Schlaf und Energie beeinträchtigen. Wer nach dem Winter sehr erschöpft ist, kann ärztlich abklären lassen, ob Eisenmangel, Schilddrüse, Vitamin-D-Mangel, Schlafapnoe oder andere Ursachen eine Rolle spielen.


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