So wächst eine abgeschnittene Fingerkuppe von selbst wieder nach

Von Runa Reinecke

15.5.2019

Was weg ist, muss nicht immer mittels Skalpell und Faden wieder hergestellt werden. 
Bild: Dominik Hoigné

Was wie eine Szene aus einem Science Fiction tönt, ist in der Schweiz Realität: Amputierte Fingerkuppen können von alleine wieder gedeihen. «Bluewin» hat bei einem Experten nachgefragt, wie das funktioniert.

Ein Augenblick der Unaufmerksamkeit – und schon ist ein Teil des Fingers einem eifrigen Zwiebelschneidemanöver oder dem ungeschickten Hantieren mit der Kreissäge zum Opfer gefallen.

Anstatt zu Skalpell und Faden greift Dominik Hoigné in vielen Fällen zur Folie, denn: Ein Finger, dem die Kuppe abhandengekommen ist, kann sich grösstenteils selbst und ohne chirurgisches Zutun «wiederherstellen».

Was im ersten Moment abenteuerlich tönt, hat der Facharzt für Handchirurgie, der in St. Gallen eine eigene Praxis führt, mit Medizinerkollegen bei rund 300 Fällen dokumentiert. «Dazu haben wir zwei Studien gemacht und gezeigt, dass etwa 80 Prozent des fehlenden Weichgewebes über dem Knochen nachwachsen können.»

Feucht muss es sein

Zunächst wickelt der Arzt das verletzte Körperteil in eine Folie ein. Erst darüber legt er den normalen Verband an. Bereits nach kurzer Zeit bildet sich eine Wundflüssigkeit, die den Stumpf ununterbrochen feucht hält ­– die wichtigste Voraussetzung dafür, dass das Heranzüchten von eigenem Körpergewebe zu einer ansehnlichen Fingerkuppe funktioniert.

Dr. med. Dominik Hoigné ist Facharzt für Handchirurgie, orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates.
Bild: zVg

Damit die Folienbehandlung empfohlen werden kann, «muss das Fingerendgelenk noch vorhanden sein», so Hoigné. Sogar der Fingernagel gedeihe gut, selbst wenn nur noch der unter der Haut verlaufende Bereich (Nagelmatrix) vorhanden sei.

Während des wöchentlichen Verbandswechsels kontrolliert der Arzt den Heilungsverlauf. Der ist – abhängig von Art und Ausprägung der Verletzung – nach drei bis sieben Wochen so weit fortgeschritten, dass der Finger von der Folie befreit werden kann.

Heilende Körperflüssigkeit

Vorbild für das Nachwachsen von Gliedmassen ist der mexikanische Schwanzlurch Axolotl: Verliert er eine Extremität, wächst diese originalgetreu wieder nach. Einem Team deutscher und österreichischer Wissenschaftler gelang es im Jahr 2018, zu ergründen, was uns die Amphibie voraus hat:

Im Gegensatz zum Menschen verfügt der Lurch über eine spezielle Art Fibroblasten. Diesen Körperzellen gelingt es, Vorläuferzellen zu entwickeln. Sie sind wiederum in der Lage, unterschiedliche Bindegewebetypen und damit beispielsweise Haut oder Stützgewebe zu bilden.

Beim Menschen können körpereigene Flüssigkeiten heilend und zugleich geringfügig wachstumsfördernd wirken. Das machen sich auch die Mediziner um den Kinderchirurgen Martin Meuli am Universitätsspital Zürich zunutze. Sie operieren seit 2010 Ungeborene, die an einer Spina bifida, einem offenen Rücken, leiden. Kinder mit dieser Besonderheit kommen in der Regel mit schweren Behinderungen zur Welt.

Narbenbildung bleibt aus

Deutlich besser ergeht es Betroffenen, die bereits im Mutterleib operiert wurden: Dabei wird die Gebärmutter wie bei einem Kaiserschnitt geöffnet und der Rücken des Fötus operativ verschlossen, das Ungeborene anschliessend wieder in seine ursprüngliche Position gebracht.

Während der verbleibenden Zeit der Schwangerschaft sorgt das Fruchtwasser, von dem das Kind umgeben ist, dafür, dass die Wunde am Rücken narbenfrei verheilt. Im Vergleich zu Kindern, die postnatal operiert werden, sind die Behinderungen dieser Neugeborenen mehrheitlich milder ausgeprägt. Dominik Hoigné ist überzeugt: «Die Wundflüssigkeit in der Folie hat auf den verletzten Finger einen ähnlich positiven Effekt.»

Auch bei der Folienbehandlung des Fingers bleibt die Narbenbildung aus. Zudem ist die Sensibilität der Fingerspitzen im Vergleich zur operativen Wiederherstellung (Lappenplastik) meist besser, wie Dominik Hoigné zu bedenken gibt.

Keimbelastung ist unproblematisch

Einziger Wermutstropfen: Für geruchsensible Naturen ist die Folienbehandlung eine sogenannte olfaktorische Herausforderung. Der «Wundsaft», der den Finger umgibt, verströmt einen äusserst unangenehmen Geruch.

Dieser entsteht durch die Vielzahl unterschiedlichster Keime, die sich im Laufe der Zeit in der Flüssigkeit vermehren. Insbesondere amputierte Fingerkuppen mit freiliegenden Knochen, die sich laut Dominik Hoigné ebenfalls gut für die Folienbehandlung eignen, führten in der Fachwelt immer wieder zu Diskussionen. «Wichtig ist, zwischen einer Besiedelung und einer Infektion mit Bakterien zu unterscheiden.»

Die Sorge, die sich in der Wundflüssigkeit tummelnden Mikroorganismen könnten zu einer Entzündung des Knochens führen, sei – ausser bei einer kleinen Gruppe von Patienten mit geschwächtem Immunsystem – unbegründet.

In der Schweiz gewinnt die Methode zusehends an Vertrauen: In mehreren Spitälern und Arztpraxen kommt immer häufiger eine Folie anstatt eines Skalpells zum Einsatz.

Amputierter Finger – wachsen lassen statt operieren

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