Food Trends 2026 Warum Ballaststoffe das neue Protein sind – und Kohl bald in aller Munde sein wird

Jenny Keller

11.2.2026

Das neue Trendgemüse ist Kohl – er löst den Broccoli ab.
Das neue Trendgemüse ist Kohl – er löst den Broccoli ab.
Bild: Frank Rumpenhorst/dpa-tmn

Von «Fibermaxxing» bis Kohl-Comeback: Essen soll 2026 gesund sein, beruhigen und im Alltag funktionieren. Vieles daran sagt etwas aus über das Leben, das wir gerade führen.

Jenny Keller

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Ballaststoffe werden plötzlich gezählt wie früher Kalorien – und Hafer steht wieder im Rampenlicht.
  • Fleisch ist nicht verschwunden, sondern kommt handwerklicher und weniger verkleidet zurück.
  • Knuspern, Schäumen und Knacken werden wichtiger als perfekte Optik.
  • Alleinessen verliert sein schlechtes Image, Convenience bekommt ein neues Selbstbewusstsein und Kohl erlebt ein überraschendes Comeback.

Wer sich durch die aktuellen internationalen Trendberichte arbeitet, merkt: Beim Essen geht es 2026 um mehr als nur das nächste Instagram-taugliche Schlagwort. Ernährung wird funktionaler, sinnlicher und «persönlicher». Der Fokus verschiebt sich zu Gewohnheiten, die sich aus ganz realen Faktoren erklären lassen – Gesundheit, Verfügbarkeit und steigende Kosten.

Eine Einordnung liefert das US-Magazin Food & Wine, das Ernährungstrends analysiert, die das Potenzial haben, den Alltag – vom Restaurantbesuch bis zum Einkauf im Schweizer Supermarkt – im nächsten Jahr zu prägen.

Ballaststoffe als neues Statussymbol

2025 war das Jahr, in dem alle ihre Proteinzufuhr zählten. 2026 ist nun die Faser an der Reihe: Rund 60 Prozent der Konsument*innen der Gen Z (geboren zwischen 1997 und 2012) geben an, an Lebensmitteln und Getränken mit hohem Ballaststoffgehalt interessiert zu sein. Also zum Beispiel Hülsenfrüchte (Linsen, Kichererbsen, Bohnen), Nüsse, Vollkornprodukte (Haferflocken, Leinsamen) Beeren und Gemüse (Artischoken, Kohl). 

Getrieben wird der Trend durch das anhaltende Interesse an Darmgesundheit und den Hype rund um GLP-1-Medikamente wie Wegovy und Ozempic, die Sättigung und Blutzucker beeinflussen. Studien zeigen, dass ballaststoffreiche Ernährung die körpereigene GLP-1-Ausschüttung fördern kann.

Hafer steht exemplarisch für den Ballaststoff-Boom: Vertraut, sättigend und plötzlich mit funktionalem Anspruch aufgeladen. (Symbolbild)
Hafer steht exemplarisch für den Ballaststoff-Boom: Vertraut, sättigend und plötzlich mit funktionalem Anspruch aufgeladen. (Symbolbild)
Bild: iStock/Labylullaby

Auf TikTok wird denn auch «Fibermaxxing» zelebriert: Nutzer*innen versuchen, möglichst viele Ballaststoffe in ein Gericht zu packen, und in Supermärkten häufen sich Produkte mit expliziten Ballaststoff-Hinweisen («High Fiber»).

Selbst klassische Lebensmittel wie Pasta oder Brot werden gezielt zu funktionalen Alltagsprodukten umgebaut, indem ihnen isolierte Ballaststoffe zugesetzt werden. Zum Beispiel Inulin aus Chicorée, resistente Stärke oder Haferfasern. Der Ballaststoffgehalt steigt damit auf dem Papier deutlich, unabhängig davon, ob die Fasern natürlicherweise enthalten sind oder technologisch ergänzt wurden.

Dass solche Zusätze zwar einzelne Effekte haben können, aber nicht dieselbe gesundheitliche Gesamtwirkung entfalten wie ein Teller Gemüse mit seiner Kombination aus Ballaststoffen, Mikronährstoffen und sekundären Pflanzenstoffen, geht in der Euphorie um «Fibermaxxing» leicht unter.

Echtes Fleisch kehrt zurück 

Nach Jahren, in denen pflanzliche Burger und Würste als Zukunft der Ernährung galten, tritt der Fleischalternativen-Markt auf der Stelle: Viele Konsument*innen scheinen genug zu haben von Zutatenlisten, die länger sind als das Rezept selbst.

Das zeigt sich in einer gleichzeitig steigenden Nachfrage nach klassischem roten Fleisch: Der US-Grosshändler Baldor Specialty Foods meldet einen Anstieg der Lammverkäufe um 28 Prozent im Jahresvergleich. Der Absatz von Rindfleisch-Patties legte um 19 Prozent zu.

Parallel dazu gewinnen sogenannte Nose-to-Tail-Ansätze an Aufmerksamkeit. Mischprodukte mit Anteilen von Innereien gelten als pragmatische Lösung: nährstoffreich, günstiger als Edelstücke und für viele leichter akzeptierbar als der direkte Gang zur Leber auf dem Teller.

Weniger Imitat, mehr Herkunft – rotes Fleisch rückt 2026 wieder stärker in den Fokus. (Symbolbild)
Weniger Imitat, mehr Herkunft – rotes Fleisch rückt 2026 wieder stärker in den Fokus. (Symbolbild)
Bild: Oliver Berg/dpa

Auch in der Schweiz zeigt sich, wenn auch leiser, eine gewisse Ernüchterung beim Fleischersatz. Zwar geben gemäss einer Umfrage von Coop mehr als die Hälfte der Haushalte an, zumindest gelegentlich vegane oder vegetarische Ersatzprodukte zu kaufen.

Beim Umsatz ist die Dynamik weitgehend verschwunden. Laut Zahlen des Marktforschers Nielsen setzten Schweizer Detailhändler 2022 rund 88 Millionen Franken mit Fleischersatzprodukten um. In den vergangenen zwei Jahren ging der Umsatz leicht zurück, zuletzt lag er bei etwa 84 Millionen Franken.

Die Detailhändler sprechen von einer Stabilisierung auf tieferem Niveau. Fleischersatz bleibt präsent, verliert aber den Anspruch, automatisch als Zukunftsmodell zu gelten. Unterm Strich ist das als Müdigkeit gegenüber hochverarbeiteten Alternativen zu verstehen, nicht als Kampfansage an pflanzliche Ernährung. Der Zielkonflikt bleibt allerdings bestehen: Genuss und Klimabilanz lassen sich nicht gleichzeitig maximieren.

Essen als fühlbare Erfahrung

Knacken, knistern, schäumen, poppen: 2026 soll Essen spürbar sein. Snacks dürfen laut sein, Getränke auffallen, Texturen überraschen. Gefriergetrocknete Süssigkeiten, extra-crunchy Fischsnacks, Schaumhauben auf Kaffee oder diese auffällig blauen Drinks mit Yuzu- oder Sudachi-Säure – alles, was im Mund mehr als eine Dimension bedient, hat Konjunktur.

Marktforschende lesen darin eine Gegenbewegung zur digitalen Dauerbeschallung. Wer den ganzen Tag auf Bildschirme starrt, sucht abends Reize, die nicht simuliert sind. Gerade jüngere Konsument*innen nutzen Essen als kleine, kontrollierte Auszeit – ein Knacken hier, ein Säurekick dort.

Knusprig, fermentiert, greifbar – die Textur von Sauerteig erfreut sich grosser Beliebtheit in einer Zeit digitaler Reizüberflutung.
Knusprig, fermentiert, greifbar – die Textur von Sauerteig erfreut sich grosser Beliebtheit in einer Zeit digitaler Reizüberflutung.
Bild: Bernd Diekjobst/dpa-tmn

Auch in der Schweiz lässt sich das beobachten: Der Boom um Sauerteig, knusprige Granolas, fermentierte Getränke oder handwerkliche Chips passt in dieses Muster.

Individualisierung ohne Kompromiss

Fast jede zweite Mahlzeit wird heute solo eingenommen. Das Angebot passt sich den «Alleinessenden» an: Bowls, Wraps, Salate, Sushi – alles modular, personalisierbar, auf eine Person zugeschnitten.

Auch Convenience-Produkte haben ihr Imageproblem weitgehend abgeschüttelt. Hochwertige Instant-Ramen, Single-Serve-Pour-over-Kaffee – also Filterkaffee für eine einzelne Tasse, ganz ohne Maschine – oder Tiefkühlgerichte mit Bio-Label und klarer Herkunft sollen nicht mehr nach «schnell, schnell», sondern nach Selbstfürsorge schmecken. In Schweizer Büros und Homeoffices ist das längst Alltag.

Vom Notbehelf zum Selbstfürsorge-Produkt – Convenience bekommt 2026 ein Upgrade für den Solo-Alltag. (Symbolbild)
Vom Notbehelf zum Selbstfürsorge-Produkt – Convenience bekommt 2026 ein Upgrade für den Solo-Alltag. (Symbolbild)
Bild: zVg

Laut Analysen des Marktforschungsinstituts Mintel greifen 78 Prozent der Konsument*innen in Deutschland regelmässig zu Convenience-Lebensmitteln oder -Getränken. Singles verwenden Convenience-Produkte überdurchschnittlich oft, um Zeit zu sparen, mehr als die Hälfte explizit, um sich das Kochen zu vereinfachen. 

Der Trend erzählt viel über fragmentierte Tagesabläufe und zunehmende Individualisierung. Weniger schön: Der Verpackungsberg wächst mit. Zwar tüfteln Hersteller an besseren Materialien, aber die Ein-Portion-pro-Ich-Logik bleibt ökologisch heikel.

Kohl ist plötzlich cool

Boomer bis Gen X würden sich im kommenden Jahr von ihrer jahrelangen Blumenkohl-Fixierung verabschieden und Kohl zum neuen Küchen-Celebrity küren. Gedacht sei dabei an angekohlte «Steaks» mit Röstaromen, Kimchi-Cocktails oder noch knusprigere Taco-Wraps.

Ganz aus der Luft gegriffen ist das nicht. Pinterest-Daten zeigen einen Anstieg der Suchanfragen nach «cabbage dumplings» um 110 Prozent und ein Plus von 45 Prozent bei «cabbage alfredo».

Pinterest liebt es, der Kohl wird zum Foodtrend, hier als Gericht «Cabbage Alfredo».
Pinterest liebt es, der Kohl wird zum Foodtrend, hier als Gericht «Cabbage Alfredo».
Pinterest (Screenshot)

Gerade in der Schweiz, wo Preise und Saisonalität stärker ins Gewicht fallen, passt das Gemüse perfekt in die Zeit. Ob roh, geröstet, geschmort oder fermentiert – Kohl liefert Crunch, Tiefe und Substanz, ohne importiert zu sein.

Ernährungsphysiologisch bringt Kohl Ballaststoffe, Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe mit, ohne lange Lieferketten. Der vielleicht wichtigste Punkt: Kohl ist ein globales, ganzjährig verfügbares Gemüse. Keine Saisonware, kein Lifestyle-Import. Deshalb passt sein Comeback in eine Zeit, in der Trends sich auch rechnen müssen.

Genuss als kalkulierter Ausgleich

Die Food-Trends 2026 folgen zwar einem klaren Muster: Essen soll satt machen, beruhigen, ein bisschen ablenken – und sich möglichst unkompliziert in den Alltag einfügen. Doch was gut für die Gesundheit ist, nachhaltig wäre und gleichzeitig richtig Freude macht, passt nicht immer unter einen Hut.

Das wissen auch die Trendforscher selbst. «Food & Wine» erinnert in einem Bericht selber daran, wie spektakulär die eigenen Prognosen danebenliegen können. Zum Beispiel ein Text aus dem Jahr 1979, in dem das Magazin das Jahr 2000 imaginierte: Frühstücke aus Ei-Ersatz, Bananen-Imitat in ölbasierter Kunstsahne und dazu Champagner aus Pulver.

Rückblickend wirkt das etwas technikverliebt – und ist eine gute Erinnerung daran, warum man Trendberichte mit Vorsicht geniessen sollte.


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