02.10.2014 - 08:00, Sascha Bianchi

«Die Rechte, die wir mit all den AGBs aufgeben – haarsträubend»

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Auch Software und Computerdaten können nachhaltigen Kriterien entsprechen. Dafür sorgt eine neue Forschungsstelle an der Universität Bern. Wir haben mit Gründer und Leiter Matthias Stürmer gesprochen.

In der Ökologie kennt man den Begriff Nachhaltigkeit schon lange, beispielsweise fällt man nur so viel Holz wie nötig, damit der Wald erhalten bleibt. In der digitalen Welt ist es natürlich nicht genau das gleiche, Daten werden schliesslich nicht abgenutzt. Dennoch kann man gewisse Rahmenbedingungen definieren, wie Daten erstellt, zur Verfügung gestellt und genutzt werden sollen. Hier bedeutet Nachhaltigkeit, dass Wissen breit verteilt ist in den Köpfen und niemand von der Nutzung von Daten ausgeschlossen wird. Konkret sprechen wir von offenen Lizenzen (Open Source und Open Data), Transparenz, Weiterentwicklung und Archivierung von Daten.

Inwiefern sind denn Daten und Software heute «unnachhaltig»?

Im Privaten beispielsweise setzten wir als User von Windows und Mac dauernd Häkchen unter irgendwelche AGBs, nur um die Software überhaupt nutzen zu dürfen. Damit geben wir Unmengen an Rechten auf – haarsträubend. Bei der Software öffentlicher Verwaltungen ist dies nicht anders.

«Hier bedeutet Nachhaltigkeit, dass Wissen breit verteilt ist in den Köpfen und niemand von der Nutzung von Daten ausgeschlossen wird.»

Dr. Matthias Stürmer, Leiter der Forschungsstelle «Digitale Nachhaltigkeit»

Die neue Forschungsstelle «Digitale Nachhaltigkeit» der Uni Bern steht nun ganz am Anfang – was ist ihr Ziel?

In erster Linie wollen wir das Prinzip der Nachhaltigkeit im digitalen Bereich vorantreiben, was aber einem Dauerauftrag entspricht, weil sich dieser Bereich ständig verändert. Da müssen wir immer dranbleiben und aktuellen Entwicklungen Rechnung tragen. Der Fall Edward Snowden beispielsweis hat dem Thema der digitalen Sicherheit und Unabhängigkeit unlängst Schub verliehen. So ist es heute mehr denn je wichtig, dass Schweizer Bürger, Firmen und Behörden im digitalen Raum sicher gegenüber Überwachungsmassnahmen von anderen Ländern sind.

Wie können Studierende von der Forschungsstelle profitieren?

Wir bieten diverse Vorlesungen an, zum Beispiel zu Open Data. Diese ist mit 60 Teilnehmenden und den daraus entstandenen Open Data Apps auf grosses Echo gestossen. Weiter betreuen wir rund ein Dutzend Bachelor- und Masterarbeiten und bieten Weiterbildungen an. Ein CAS-Studiengang zu ICT-Beschaffungen ist ebenfalls in Planung.

Bild zum Artikel

Dr. Matthias Stürmer, Leiter der neuen Forschungsstelle «Digitale Nachhaltigkeit» an der Universität Bern
Bild: www.stuermer.ch

Denken wir an die Vielzahl von so genannten Informatikdebakeln bei IT-Beschaffungen der öffentlichen Hand – ihre Analyse?

IT-Beschaffung kann man nicht mit dem Aufbau eines Haus vergleichen, denn späteres Umbauen ist bei Computersystemen viel schwieriger. Zudem herrschen heute grosse Abhängigkeiten vom Ersteller der Software, es lässt sich kaum etwas ändern ohne seine Zustimmung bzw. weiterer Kosten. Digitale Nachhaltigkeit würde hier bedeuten, dass auch fünf oder zehn Jahre nach der Beschaffung ein Mitarbeiter problemlos an der Software weiterentwickeln könnte. Weiter sollten keine grösseren Aufträge ohne öffentliche Ausschreibung vergeben werden. Solche freihändige Vergaben sind meist Anzeichen für Abhängigkeiten von einem Anbieter. Weniger Abhängigkeit bedeutet auch weniger Korruptionsanfälligkeit.

Lassen sich die Prinzipien Open Source und Open Data auch auf andere Bereiche der Wissenschaft übertragen?

Definitiv, sogar auf die Wissenschaft als Ganzes. Wir sprechen hier von Open Access und Open Science Data. Forschung, die mit öffentlichen Geldern finanziert wurde, sollte auch öffentlich kostenlos zugänglich sein. Stichworte in diesem Zusammenhang sind offene Quellen und geistiges Eigentum. Aktuell betreiben wir diverse Forschungskooperationen mit anderen Instituten an der Universität Bern oder ausländischen Universitäten, und wir beraten bei IT-Beschaffungen und der allgemeinen Handhabung und Verarbeitung von Daten.

«Forschung, die mit öffentlichen Geldern finanziert wurde, sollte auch öffentlich kostenlos zugänglich sein.»

Dr. Matthias Stürmer, Leiter der Forschungsstelle «Digitale Nachhaltigkeit»

Die Uni Bern geht in diesem Bereich in die Offensive – wer muss nachziehen?

Wir sehen verschiedene Baustellen: Wir möchten das Thema aus theoretischer Sicht erforschen, gleich wie ökologische und soziale Nachhaltigkeit. Damit wollen wir ein Bewusstsein schaffen, auch in der Wirtschaft oder bei der Bundesverwaltung – und nicht zuletzt beim Bundesrat, hier sprechen wir von Open Government (vgl. Videoclip, Anm. d. Red.). Im Rahmen des internationalen Forschungsprogramms Horizon 2020 haben wir eine Eingabe zu partizipativen Budgetprozessen gemacht, unter dem Strich ein Thema aus der Demokratieförderung.

Wie ist die Stelle finanziert?

Der Verein Swiss Open Systems User Group /ch/open, welcher sich seit einiger Zeit um die Thematik kümmert, stellt fürs erste Jahr 80 000 Franken zur Verfügung, um in dieser Zeit eine längerfristige Drittmittel-Finanzierung aufzubauen.

Worin bestehen Berührungspunkte mit Swisscom?

Ein ICT-Unternehmen wie Swisscom kann zugunsten der Ausbildung der eigenen Mitarbeitenden von unseren Erkenntnisse profitieren. Die Swisscom nimmt beispielsweise selber an öffentlichen Ausschreibungen für IT-Lösungen teil, wofür wir fachliches Know-how im Rahmen der CAS-Weiterbildung «ICT-Beschaffungen» bieten können. Open Source ist insofern ein interessantes Feld für die Swisscom, als dass sich hier Informatikkosten einsparen lassen, beispielsweise im Datenbankumfeld. Schliesslich ist auch die Netzneutralität ein Thema, welches von uns wie von Swisscom mit Interesse verfolgt wird.

Über den Hallo Zukunft-Blog

Hier bloggen die Mitglieder des Corporate Responsibility-Teams von Swisscom und andere Experten. Sie beleuchten verschiedene Aspekte grüner Technologien (Green ICT) und berichten über nachhaltige Produkte. Zudem diskutieren sie Fragen rund um Medienkompetenz und gesellschaftliche Engagements. Das Bluewin-Portal ist eine Unternehmenseinheit der Swisscom (Schweiz) AG. Abonnieren Sie unseren Newsletter und bleiben Sie informiert.

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