Kindergarten – Umarmung unerwünscht

Anja Knabenhans

15.2.2019 - 00:00

Früh übt sich, wer einmal jonglieren will.
Bild: Keystone

«Er sollte lernen, sich gemässigter zu freuen» – nicht nur damit wurde die Autorin dieser Kolumne konfrontiert, bevor der Grosse nun sein Kindergarten-Aufgebot erhielt. Unglaublich ist's – und deshalb bleibt nur die Ironie.

Unser Grosser hat eben das Aufgebot für den Kindergarten erhalten. Wenige Wochen, nachdem er vier Geburtstagskerzen ausgepustet hat, soll der Bub in den Chindsgi. Na endlich! Einfach in den Tag hineinleben und freies Spielen hat er nun wirklich lang genug genossen. Bald kann er sich mit anderen messen. Und wir erfahren an Elternabenden, wo das Kind leistungsmässig steht. Wie ich von Bekannten höre, gibt es dort vielfältige Rückmeldungen. Meine Lieblingsbeispiele:

«Das Mädchen zeigt zu starkes kleinkindliches Verhalten. Es umarmt andere. Das sollte man reduzieren.»

«Der Junge malt Elefanten konsequent violett aus. Obwohl ihm mehrfach gesagt wurde, dass das falsch ist.»

«Das Mädchen gibt sich nur mit den Buben ab und kommandiert sie herum. Es kann sich zu wenig anpassen.»

«Der Junge macht immer einen Freudentanz, wenn er etwas toll findet. Er sollte lernen, sich gemässigter zu freuen.»

«Das Mädchen kann seine Schuhe nie akkurat hinstellen. Ordnung halten fällt ihm offensichtlich schwer.»

«Der Junge verhunzt ständig Lieder. Entweder kann er sich die Strophen nicht merken oder er ist einfach ungehorsam.»

Normabweichungen erkennen und eliminieren, findiguet! Leider schauen nur wenige Lehrpersonen so genau hin. Unser Bub soll lediglich in einer Hinsicht herausstechen: durch sein Potenzial. Drum üben wir mit ihm lesen und rechnen. Damit er im Kindergarten nicht nur zu den Jüngsten gehört, sondern auch zu den Cleversten.

Absurd, dass immer mehr Eltern ihre Kinder ein Jahr zurückstellen lassen wollen und einige Kantone neuerdings das Eintrittsalter wieder erhöhen möchten. Je früher, desto besser – das gilt doch auch für den Schuleintritt! Wir sind längst nicht die einzigen, die sich freuen, dass ihr Kind nun endlich im Leistungswettbewerb mitmischt. Es gibt Eltern, die …

… ihr Kind in einen anderen Chindsgi als den nahegelegensten einstufen lassen, weil dort mehr Kinder von Akademikern sind und allenfalls eine geistig besonders befruchtende Atmosphäre herrscht.

… die Lehrperson ihres älteren Kindes darum bitten, jeweils zwei Aufgabenblätter mit nach Hause zu geben, damit das Kindergartenkind schon Schulstoff pauken kann.

… die nur zweisprachige Babysitter anstellen, so dass die Kinder wirklich keine Minute ohne Lerninput bleiben.

… sich bei der Spielgruppen-Leitung beschweren, weil ihr Kind auf eine Bastelei seinen Namen falsch geschrieben hat und die Leiterin das einfach durchgehen liess.

Im Vergleich zu diesen Meistern der Frühförderung hinken wir leider hinterher. Eine Studie behauptet zwar, dass sich der Vorsprung von frühgeförderten Kindern schon in den ersten zwei Schuljahren wieder verliert. Aber es gibt immer Ausnahmen. Unser Kind wird eine davon sein.

Hier gibt es hier an jedem Freitagmorgen eine Autoren-Kolumne –abwechselnd zu den Themen Mode, Digitales Leben, Essen und Muttersein. Heute: zum Muttersein.

Anja Knabenhans ist Mutter von zwei Buben. Sie ist Chefin der Schreibmaschinerie  und Chief Content Officer der Eltern-Plattform Any Working Mom. Und dort schreibt sie nächste Woche auch ihre ironiefreie Meinung zum Thema Kindergarten.

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