Lohn, SVP, Fasnacht: 50 Gründe, weshalb die Frauen noch lange nicht am Ziel sind

Zusammengestellt von Bruno Bötschi

15.2.2021 - 06:49

Sibel Arslan, Nationalraetin GP-BS, rechts, macht ein Selfie mit Nationalratspraesidentin Marina Carobbio Guscetti, Bundesraetin Viola Amherd und Nationalraetin Isabelle Moret, von rechts, bei einer Kundgebung zum Frauenstreik auf dem Bundesplatz, am Freitag, 14. Juni 2019 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Demonstrieren für mehr Frauenrechte: Bundesrätin Viola Amherd mit den Parlamentarierinnen Sibel Arslan, Marina Carobbio Guscetti und Isabelle Moret am Frauenstreik 2019 auf dem Bundesplatz in Bern.
Bild: Keystone

Die Geschlechterrollen haben sich stark verändert. Trotzdem sind Schweizer Frauen nach wie vor deutlich schlechter gestellt als die Männer. 50 Fakten zur Ungleichheit.

Es war der Weckruf für mehr Frauenrechte hierzulande. Vor 50 Jahren sagten die Schweizer Männer Ja zur Verfassungsänderung, dass künftig alle Schweizer*innen die gleichen politischen Rechte wie sie haben.

Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist seit der Abstimmung vom 14. Juni 1981 ebenfalls in der Schweizer Bundesverfassung verankert.

Mit diesen beiden Ja ging der Kampf um die Gleichstellung erst richtig los. Danach erstritten sich die Frauen weitere Rechte, aber es brauchte oft jahrzehntelange Geduld: Ehe- und Güterrecht, Sexualstrafrecht, Bundesgesetz zur Gleichstellung, Fristenregelung, Mutterschaftsversicherung.

Auf dem Weg zur Gleichstellung von Frau und Mann in der Schweiz gibt es aber noch immer viel, nein, sehr viel zu tun.


50 Fakten zur Diskriminierung der Frauen in der Schweiz:

1. Die Schweiz belegt bei der Gleichstellung laut dem «Gender Gap Report» international den 20. Rang – hinter Nicaragua, Ruanda und Namibia. Dies, nachdem unser Land vor wenigen Jahren noch Rang acht belegt hat.

2. Trotz zahlreicher Reformen in vielen Ländern kommt die Gleichstellung der Geschlechter nur langsam voran. Zu diesem Schluss kommt 2019 ein OECD-Bericht. Die Schweiz bekommt insgesamt gute Noten.

3. Bei einer im Mai 2019 in der Schweiz durchgeführten Umfrage zur Diskriminierung von Frauen waren 28 Prozent der weiblichen Befragten der Meinung, sie würden wesentlich diskriminiert. Von den Männern sahen nur 12 Prozent eine solche Benachteiligung des anderen Geschlechts.

4. 75 Prozent der in den Nachrichten in der Schweiz erwähnten Personen sind Männer.

5. In der Schweiz gibt es mehr stimmberechtigte Frauen als Männer. Doch obwohl die Frauen 53 Prozent der Wählerschaft stellen, sind sie auf den meisten Wahllisten noch immer in der Minderheit.

View of the control room during the broadcast of the news program, photographed at the Swiss Radio and Television SRF in Leutschenbach, canton of Zurich, Switzerland, on December 11, 2017. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Blick in die Regie waehrend der Hauptausgabe der Tagesschau, im Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) in Leutschenbach, aufgenommen am 11. Dezember 2017 im Schweizer Radio und Fernsehen SRF in Leutschenbach, Kanton Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)
75 Prozent der in den Nachrichten in der Schweiz erwähnten Personen sind Männer.
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6. Der Bundesrat, der die Schweiz regiert, war während 136 Jahren fest in Männerhand. Seit 1984 gehören auch Frauen dem Gremium an, ab 2010 waren sie erstmals während gut eines Jahres in der Mehrheit. Derzeit besteht die Landesregierung aus drei Frauen und vier Männern. 

7. Im Nationalrat liegt der Anteil der gewählten Frauen bei 42 Prozent.

8. Im Ständerat liegt der Anteil der gewählten Frauen bei 26,1 Prozent.

9. Die Frauenrepräsentation auf kantonaler Ebene beträgt in den Regierungen 24,7 Prozent, in den Parlamenten 30 Prozent.

10. Die Frauenrepräsentation auf städtischer Ebene beträgt in den Exekutiven 27,2 Prozent, in den Legislativen 32 Prozent.

11. Sieben Schweizer Kantone haben noch nie eine Frau als Vertreterin nach Bundesbern geschickt. Nebst den beiden Appenzell sind es die Kantone Obwalden, Zug, Glarus, Graubünden und Schwyz, die noch nie eine Ständerätin hatten.

12. So schlägt die SVP noch immer eine Kandidatin pro drei Kandidaten vor.

13. Obwohl gleich viele Frauen in die Arbeitswelt eintreten wie Männer, nimmt ihre Zahl ab, sobald es in die Chefetage geht.

14. Fast jede zweite Frau erlebt gemäss einem Bericht zur Gleichstellung von Plan International Schweiz Diskriminierung bei der Arbeit.

15. Der Frauenanteil in den Geschäftsleitungen beträgt heute 10 Prozent und erreicht damit erstmals einen zweistelligen Wert.

16. In den Verwaltungsräten stieg der Frauenanteil seit 2010 von 10 auf heute 23 Prozent.

17. Der Anteil weiblicher Lehrkräfte in der Schweiz liegt in der Vorschule bei 96 Prozent, bei den Universitätsprofessoren aber nur gerade bei 18 Prozent.

Der Staenderat tagt an der Wintersession der Eidgenoessischen Raete, am Montag, 7. Dezember 2020, in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)
Im Ständerat liegt der Anteil der gewählten Frauen bei 26,1 Prozent.
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18. Das traditionelle Familienmodell mit vollzeiterwerbstätigem Vater ist in der Schweiz noch immer gesellschaftlich am besten akzeptiert.

19. Bei Paaren mit Kindern wird die Hausarbeit zu mehr als 70 Prozent von der Frau erledigt.

20. Hierzulande wird jährlich unbezahlte Arbeit im Wert von 408 Milliarden Franken geleistet. Der grösste Teil von Frauen und Müttern.

21. Die Frauen übernehmen 61,3 Prozent des unbezahlten Arbeitsvolumens, die Männer 61,6 Prozent des bezahlten Arbeitsvolumens.

22. Die Bundesverfassung sagt: «Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit», so Artikel 8. Auf der Lohnabrechnung der Schweizer Frauen sind im Durchschnitt trotzdem jeden Monat 1455 Franken weniger als bei den Männern. 18 Prozent beträgt der Lohnunterschied im Durchschnitt. 56 Prozent davon können durch objektive Faktoren wie berufliche Stellung, Dienstjahre oder Ausbildungsniveau erklärt werden. 44 Prozent des Lohnunterschieds bleiben aber trotzdem bestehen und enthalten eine potenzielle Lohndiskriminierung aufgrund des Geschlechts.

23. Die Löhne der Frauen stagnieren zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr. Also kurz nachdem Frauen im Durchschnitt ihr erstes Kind zur Welt gebracht haben.

A six-year-old boy and his four-and-a-half-year-old brother are having breakfast with their parents, pictured on July 9, 2011 in Daillens in the canton of Vaud, Switzerland. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Bei Paaren mit Kindern wird die Hausarbeit zu mehr als 70 Prozent von der Frau erledigt.
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24. In der Schweiz erhält jede zehnte Mutter nach der Rückkehr aus dem Mutterschaftsurlaub die Kündigung, wie eine Studie des Gewerkschaftsdachverbandes Travail.Suisse zeigt.

25. Über 62 Prozent der berufstätigen Frauen reduzieren nach der Mutterschaftspause ihr Pensum. Nur 14,9 Prozent der Väter geben hingegen Arbeitstage auf.

26. Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, ist nach wie vor mehrheitlich ein Frauenproblem: Laut Bundesamt für Statistik wechseln Mütter nach der Geburt doppelt so häufig ihre Stelle wie Väter.

27. Mütter nennen organisatorischen Aufwand (feste Abholzeiten in Kindertagesstätten und Ähnliches), Vorgesetzte ohne Verständnis für die Vereinbarung von Familie und Beruf sowie Unklarheiten bezüglich Platz und Zeit für Stillen und Abpumpen der Muttermilch als erschwerende Faktoren beim Wiedereinstieg in den Beruf nach der Geburt.

28. Frauen geben als häufigste Gründe für ein Teilzeitpensum Kinderbetreuung und familiäre Verpflichtungen an. Bei Männern sind es Ausbildung und Studium.

29. Frauen in der Schweiz erhalten einen Drittel weniger Pensionskassen-Rente als Männer.

30. Bei der AHV beträgt die Frauen-Renten-Lücke lediglich 2,7 Prozent. Weil bei der Schweizer Altersvorsorge nicht nur das Einkommen zählt, sondern auch Erziehungsarbeit und Erwerbslücken aufgefangen werden.

31. Fast 11 Prozent der Schweizer Frauen müssen direkt beim Renteneintritt Ergänzungsleistungen beantragen, um über die Runden zu kommen. 

32. Derselbe Lohn wie die Männer? Davon können Schweizer Sportlerinnen nur träumen. Selbst wenn sie vom selben Verband für die gleiche Arbeitsleistung aufgeboten werden, ist die Entlöhnung bei den Frauenteams tiefer.

33. 84 Verbände sind Mitglied bei Swiss Olympic. Bei vier Verbänden sitzt eine Frau auf dem Präsidentenstuhl.

34. 15 Prozent der Sportübertragungen berichten über Frauen. Die Berichtenden sind zu 89 Prozent männlich.

Gesichtsschutz fuer Angestellte und Kundin zum Schutz gegen das Coronavirus im Coiffeurladen MYNT in Basel am Samstag, 2. Mai 2020. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)
Frauen zahlen für einen Kurzhaarschnitt beim Coiffeur gut 20 Prozent mehr als Männer.
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35. Mit der 2017 erfolgten Ratifizierung der Istanbuler Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt von 2011 hat sich die Schweiz verpflichtet, Massnahmen gegen geschlechtsspezifische und häusliche Gewalt und für die Gleichstellung der Geschlechter umzusetzen. Doch noch ist der Schutz vor Gewalt unzureichend. Mancherorts sind Errungenschaften wie Frauenhäuser, Beratungsstellen und Gleichstellungsbüros durch Sparmassnahmen auf kantonaler und lokaler Ebene auch wieder gefährdet – häufig mit dem Argument, sie seien nicht mehr nötig.

36. Sexuelle Belästigung findet zu einem grossen Teil im öffentlichen Raum statt. 56 Prozent der Frauen wurden schon einmal auf der Strasse bedrängt.

37. Die Schweiz diskriminiert laut dem Kinderhilfswerk Terre des Hommes geflüchtete Frauen systematisch.

38. Bei der am weitesten verbreiteten Spital-Zusatzversicherung «Spital allgemein ganze Schweiz» herrscht Intransparenz. Nebst Preisunterschieden variieren auch die Leistungen zwischen den Anbietern stark. Frauen zahlen zudem beim selben Versicherer bis zu 80 Prozent höhere Prämien als Männer. Das zeigte eine Analyse von comparis.ch. 

39. In der Regel zahlen Frauen für einen Kurzhaarschnitt beim Coiffeur gut 20 Prozent mehr als Männer.

40. Ein ähnliches Bild gibt es auch in der Kosmetikabteilung oder in der chemischen Reinigung: Frauen müssen für dieselben Dienstleistungen oft mehr bezahlen als Männer.

41. 117 Männer und fünf Frauen haben in der Schweiz einen Michelin-Stern, Auszeichnung als Koch.

42. Nur eine von vier Ausstellungen in den grössten Schweizer Museen und Kunsthäusern ist einer Frau gewidmet.

43. Die Schweiz hat überdurchschnittlich viele Nobelpreise gewonnen gemessen an der Einwohnerzahl. Einer Schweizerin wurde der Preis bisher jedoch noch nie verliehen.

Revellers participate in the traditional carnival parade in Basel, Switzerland, Monday, April 14, 2011. (KEYSTONE/Ennio Leanza)....Fasnaechtler nehmen am Cortege (Umzug) am ersten Tag der Basler Fasnacht teil am Montag, 14. April 2011 in Basel. (KEYSTONE/Ennio Leanza)
Bis heute nehmen viele Basler Fasnachtsvereine keine Frauen auf.
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44. Am Sechseläuten in Zürich können Frauen keine Zünfterinnen werden und dürfen beim Essen im Zunfthaus nicht dabei sein.

45. 2014 marschierte die Gesellschaft zu Fraumünster erstmals in corpore am Sechseläuten als Gäste der Gesellschaft zur Constaffel mit. Gemäss einer Vereinbarung wird die Gesellschaft zu Fraumünster einstweilen bis 2022 als Dauergast der Gesellschaft zur Constaffel am Sechseläuten-Umzug teilnehmen. Als Gegenleistung stellt sie bis 2022 kein Gesuch um Aufnahme in das Zentralkomitee der Zünfte Zürichs.

46. An der Spitze der Basler Fasnacht steht zwar seit 2019 erstmals eine Frau. Bis heute nehmen viele Fasnachtsvereine, wie etwa die prestigeträchtige Schotten-Clique, aber keine Frauen auf.

47. Die Stadt Frauenfeld feiert jeweils am dritten Montag im Januar den Bechtelistag. Der Brauch geht bis ins Mittelalter zurück. Frauen müssen nach wie vor draussen bleiben.

48. Verbindungen waren lange Zeit eine reine Männersache. Frauen waren höchstens als Begleitung und Bedienung geduldet. Seit August 1968 sind in den Schweizer Studentenverbindungen auch Frauen zugelassen. Die Autonomie der Vereine lasse es den Verbindungen frei, ob sie Frauen aufnehmen wollen oder nicht.

49. Um die Gleichberechtigung macht sich auch die Organisation Equal Measures 2030 Sorgen – allerdings auf globaler Ebene. Laut ihrem 2018 veröffentlichten Bericht hat noch kein einziges Land der Welt die Gleichstellung der Geschlechter erreicht. Dies, obwohl die Vereinten Nationen genau das in ihren Zielen zur nachhaltigen Entwicklung, die bis 2030 erreicht werden sollen, festgehalten haben. Die Schweiz landet mit 85 von 100 möglichen Punkten auf Platz 12.

50. Und zu guter Letzt noch dies: Neurowissenschaftlich kann rein optisch kein Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen festgestellt werden, der von den 49 erwähnten Gründen irgendetwas erklären würde.


Weitere Quellen: beobachter.chschweizer-illustrierte.ch und srf.ch

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