Adjektive sind (fast) überflüssig

Mark Salvisberg

23.7.2019 - 00:00

Eigenschaftswörter sind mit Verstand zu gebrauchen.
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Wir alle sollten Eigenschaftswörter mit Bedacht verwenden, mahnt der Sprachpfleger. Sie blähten den Satz meist nur auf und erhöhten die Gefahr von Wiederholungen.

All dies unter einen Hut zu bringen, lese ich oft, sei schon ein «schwieriger Spagat». Ich bin kein Turnexperte, aber ich glaube nicht, dass es einen einfachen Spagat gibt. Lassen wir doch dem Substantiv seine Kraft, die es von Natur aus hat.

Sonst werden sich die Autoren einst bemüssigt sehen, jedem Nomen einige Gramm Hefe in Form eines Adjektivs beizufügen, um es aufzublasen. Wie zum Beispiel im Fall von GAU, grösster anzunehmender Unfall. Grösster! Mehr geht nicht. Aber nein, fast immer wird daraus: der «Super-GAU»!

Unsere Wirtschaft brauche mehr «sichtbare Leuchttürme», meinte kürzlich ein Manager. Die Aufgabe eines Leuchtturms ist ja gerade seine Sichtbarkeit, viele von ihnen strahlen zig Kilometer ins Meer hinaus. Das Wort Leuchtturm hat Power, das Wörtchen sichtbar ist daher fehl am Platz, fort mit dem Hefeteilchen.

Doppelt gemoppelt ist nicht doppelt genäht

Endlich ist der visafreie Tourismus eine «unhinterfragte Normalität». Die geneigte Leserin stutzt zu Recht: Ferienreisen werden nicht hinterfragt, gerade weil sie eine Normalität sind. Eine solche braucht nicht erst durch ein zusätzliches Unhinterfragt-Sein zu ihrem «wahren Image» gepuscht zu werden.

Nachhelfen sollte man auch dieser Formulierung: «Er konnte sich auf sein inneres Gefühl verlassen.» Ich habe das Gefühl, dass Gefühle stets in einem drin entstehen und man alles nur dort wahrnimmt und dieser Prozess nicht ausgelagert werden kann. «Er konnte sich auf sein Gefühl verlassen» – das reicht völlig. Wobei völlig wiederum überflüssig ist.

Geschwätzige Eigenschaftswörter

Apropos überflüssig: Dies gilt tatsächlich für die meisten Adjektive, es sei denn, sie bestechen durch Originalität: «Ein Eilbote morgens um sieben bescherte mir einen knackigen Tagesbeginn.» Unentbehrlich sind sie auch für die Unterscheidung: «Die blaue Jacke oder die grüne?» Geradezu einschläfernd wirken jedoch «das gute Buch» oder «der schöne Tag». Wählen Sie die treffenden Nomen und Verben, so können Sie auf Adjektive weitgehend verzichten – und verhindern die mit ihnen einhergehende Redundanz.

«Er raste schnell über die Hauptstrasse und krachte dann in eine Baumallee.» Das Verb rasen braucht in puncto Tempo nicht gepimpt zu werden, das Wort sagt schon alles: Rasen ist von Natur aus blitzschnell.

Und eine Allee ist an sich schon eine von Bäumen gesäumte Strasse. Also ist Baumallee kein bäumiger Ausdruck, sondern nur der Beweis, dass man auch mit Substantiven einen Ballon von Hefekuchen produzieren kann.

Zur Person: Mark Salvisberg war unter anderem als Werbetexter unterwegs. Der Absolvent der Korrektorenschmiede PBS überarbeitet heute
täglich journalistische Texte bei einer grösseren Tageszeitung.

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