Chli Dräck uf de Zunge – sprachliche Verunreinigungen

Mark Salvisberg

13.11.2019 - 00:00

Unsauberes liegt uns auf der Zunge.
Bild: Getty Images

Permanent prallen Wörter auf unser Trommelfell. Kein Wunder, dass unsere Sätze oft unsauber klingen. «Kontaminationen», sagt der Sprachpfleger – und weist auf feine Unterschiede hin.

Was für eine Leistung unseres Gehirns, gelernte Wörter spontan zu druckreifen Sätzen zu formen. Leider sind nur die wenigsten von uns imstande, die Masse von Redewendungen stets «umweltverträglich» zu trennen.

Stattdessen machen wir’s wie mit den Kleidern: Eine Wendung wird fahrlässig mit einer anderen kombiniert, und zusammengefügt wird häufig, was nicht zusammengehört.

Das Fehlerkarussell dreht sich

Wenn da zum Beispiel steht Der Stürmer bewahrte kühles Blut und schoss das 1:0, versteht zwar jeder, was gemeint ist, doch die Redensart ist nicht lupenrein. Ich nehme an, dass rund ein halbes Dutzend Wendungen im Kopf jenes Sportredaktors herumgeisterte: kühl bleiben, kaltes Blut bewahren, kaltblütig sein, einen kühlen Kopf behalten und ruhig Blut. Richtige Formulierungen wären demnach: Der Stürmer blieb kühl, bewahrte kaltes Blut, war kaltblütig genug. Zugegeben, das war schwierig.



Das Thema Lebenssaft lädt weiter zum Kontaminieren ein: Der Wahlkampfleiter hatte Blut gerochen. Auch diesmal erschliesst sich uns der Sinn, aber vielmehr hatte er entweder Blut geleckt oder Lunte gerochen. Die «perfekte» Kontamination.

Wir bleiben brutal, aber weiterhin strikt bildlich: Mit diesem Termin setzte ihm sein Vorgesetzter das Messer an die Brust. Nicht ganz: Er setzte ihm die Pistole auf die Brust oder aber das Messer an die Kehle. Interessanterweise dringt die Botschaft als solche auch hier durch, trotz stilistischem Mangel.

Die Fehler klingen fast schon korrekt

Das Sicherheitsbedürfnis der Schweizer Bevölkerung wiegt höher als die privaten Interessen des Angeklagten. Wieder eine klassische «Verunreinigung»: Entweder heisst es wiegt schwerer oder wird höher gewichtet. Der Verständlichkeit tut das aber noch immer keinen Abbruch.

«Jetzt ist aber Schluss!», rief er. Er musste sich mal Luft verschaffen. – Nein: Er musste sich (oder seinem Ärger) Luft machen. Verwandt damit: sich Erleichterung verschaffen, einmal Luft holen.

Er wies den Medienvertreter vor die Tür. – Knapp verfehlt. Es heisst Er wies dem Medienvertreter die Tür. Oder aber: Er schickte ihn vor die Tür.

Vermengungen gibt es auch auf der Wortebene. Sie werden häufig bewusst kreiert: Britannien und Exit: Brexit! Dominique Rinderknecht und Tamy Glauser verschmelzen zu Tamynique.



Mit diesen Beispielen musste ich Sie einfach für dieses Thema sensibilisieren. Ich kann halt nicht über meine Haut springen. Ups! Ich kann nicht über meinen Schatten springen oder Ich kann nicht aus meiner Haut. Aber verstanden hätten Sie’s, stimmt’s?

Zur Person: Mark Salvisberg war unter anderem als Werbetexter unterwegs. Der Absolvent der Korrektorenschmiede PBS überarbeitet heute
täglich journalistische Texte bei einer grösseren Tageszeitung.

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