Essay

Alle Männer kurz aufstehen, bitte! Danke, Sie können nun gehen

Von Jennifer Unfug

18.12.2020

10.12.2020, Berlin: Eine Schaufensterfigur mit einem Klebeband mit der Aufschrift
222 orangefarbene, mit Klebeband umwickelte Schaufensterpuppen haben am diesjährigen «Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen» in Berlin Blicke vieler Passant*innen auf sich gezogen. Die Installation des Künstlers Dennis Josef Meseg sollte als Aufruf gegen Gewalt an Frauen verstanden werden.
Bild: Keystone

Manche behaupten, die Debatte um sexuelle Gewalt und Belästigungen sei übertrieben. Absolut nicht, findet die Schweizer Slam-Poetin Jennifer Unfug. Ein Versuch, Probleme zu analysieren.

In meinem Umfeld sind die einzigen Personen, die keinen Übergriff erlebt haben, cis-Männer. Für alle anderen stellt sich eher die Frage, wie häufig und wie traumatisch die Übergriffe waren und wie sie damit weiterleben.

Der Schweizerische Bühnenkünstlerverband hat durch eine Umfrage herausgefunden, was allen Beteiligten wohl schon lange klar war: (Sexuelle) Übergriffe passieren auch in der Kunst- und Kulturszene, und das erschreckend häufig. Darauf reagiert der Verband mit einer Kampagne.

Kein Erlebnisbericht

Vermutlich würdest du jetzt am liebsten eine persönliche Geschichte hören. Da muss ich dich leider enttäuschen, liebe*r Leser*in, das wird kein Erlebnisbericht. Ich schulde niemandem allfällige Trauma-Erzählungen.

Zur Autorin: Jennifer Unfug
Bild: Lea Reutimann

Jennifer Unfug ist freischaffende Künstlerin im Spoken-Word-Bereich und lebt in Winterthur. Wenn sie nicht auf Bühnen steht, schreibt sie. Sie beschäftigt sich ausgiebig mit intersektionalem Feminismus, Privilegien und diskriminierungsfreier Sprache.

Dennoch möchte ich betonen, dass ich absolut solidarisch bin mit jeder trans- und cis-Frau, intergeschlechtlichen oder nicht-binären Person (1), die über eigene Erlebnisse berichtet. Ich glaube euch und bewundere eure Stärke, öffentlich darüber zu reden.

Das Schweigen zu brechen ist ein wichtiger Schritt. Aber wie oft müssen wir noch öffentlich unsere Wunden offen klaffen lassen, damit auch der hinterletzte Max Mustermann sich dazu herablässt, anzuerkennen, dass in unserer Gesellschaft etwas nicht stimmt?!

Warum braucht es diesen Essay?

Weil wir in einem patriarchalen System leben. In einer Gesellschaft, die Männer bevorzugt, in der Männer mehr Wert haben. «Aber es gibt doch Frauenquoten und überhaupt werden Frauen in so vielen Bereichen gefördert», mag nun der eine oder andere aufschreien.

Tatsächlich gibt es Bereiche, in denen aktuell Frauen scheinbar gefördert werden. Das ist nach Jahrhunderten der Unterdrückung jedoch mehr als nötig, um irgendwann so etwas wie Gleichberechtigung zu erreichen. Genau das möchten Feminist*innen, nämlich Gleichberechtigung. Nicht die Umkehrung der Unterdrückung, sondern die Unterdrückung abschaffen. Unter dieser leiden übrigens nicht nur Frauen, sondern auch alle, die sich ausserhalb der erfundenen binären Geschlechterordnung verorten.



Das Hauptproblem ist strukturell.  Und da haben wir noch einen Haufen Arbeit vor uns. Da wären beispielsweise die Lohnungleichheit und dass die Kompetenz von allen, die keine cis-Männer sind, viel häufiger infrage gestellt wird.

Die Struktur des Problems oder: Wie kamen all diese Männer in Machtpositionen

Männer haben sich jahrhundertelang gegenseitig gepusht, gelobt, gestärkt und weitergeholfen. So kamen sie in die Positionen der gehypten Künstler, der «genialen» Schriftsteller und auch in die Machtpositionen als Gatekeeper, schlicht weil sie Männer waren und von anderen Männern gefördert wurden.

Das Erbe dieser jahrhundertelangen gegenseitigen Unterstützung: Auch heute wird ein Grossteil der Machtpositionen in Kunst- und Kulturhäusern von Männern besetzt. Opernhausleiter, Chefdramaturgen, Chefdirigenten, Regisseure, Choreografen. Institutionen, die anders geleitet werden, sind auch hier in der Schweiz die Ausnahme. Die künstlerische Arbeit von cis- und trans-Frauen, nicht-binären und intergeschlechtlichen Personen wurde Jahrhunderte lang unterdrückt und unsichtbar gemacht.

Die Zeit ist dementsprechend mehr als reif, um den künstlerischen Fokus zu verschieben! Anstatt immer die gleichen Geschichten neu zu inszenieren, wäre eine Auseinandersetzung mit toxischer Männlichkeit als Reflexionsarbeit doch ganz spannend.

#MeToo als Wendepunkt

Erläuterung zur Schreibweise

(1) Der Autorin ist bewusst, dass auch cis Männer Opfer von (sexualisierter) Gewalt werden. Darum geht es in diesem Text aber nicht. – (2) Täter: Bewusst in männlicher Form geschrieben. Ja, es gibt auch Gewalt, die von cis oder trans Frauen, intergeschlechtlichen oder nichtbinären Personen ausgeübt wird, das ist ein anderes Thema. – Weisse (Personen): Kursiv, um darauf aufmerksam zu machen, dass es sich nicht um eine Farbe handelt. Als weiss bezeichne ich Menschen, die keine Probleme durch Rassismus erleben. Dazu gehöre ich selbst auch.Für eine Rassismus kritische Sprache empfehle ich gerne die Bücher «exit RACISM» von Tupoka Ogette und «was weisse Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten» von Alice Hasters.

Die letzten Jahrzehnte lief es so, dass Männer in Machtpositionen ebendiese ausnutzten, um übergriffig zu werden. Wenn eine betroffene Person dann darüber berichtete oder Anzeige erstattete, wurde der Person nicht geglaubt oder sie wurde einfach nicht mehr engagiert.

Diese Zeiten sollten spätestens seit #MeToo der Vergangenheit angehören. Wir lassen uns nicht mehr einschüchtern und bücken uns nicht mehr. Wir stehen zusammen und unterstützen uns gegenseitig. Das anerzogene Konkurrenzdenken zwischen cis-Frauen, das «ich fahre die Ellenbogen aus, weil es angeblich nur Platz für eine von uns hat» ist vorbei. Die Gesellschaft schützt Täter (2) nicht länger mit der «Aber er ist ein Genie»-Flauschdecke. Denn diese war schon immer Teil des Problems.

Wie weiter?

Der einzige Lösungsansatz, den ich mir vorstellen kann: Alle Machtpositionen von cis- oder trans-Frauen, intergeschlechtlichen oder nicht-binären Personen besetzen lassen.

Wie bitte?! Ja, richtig gelesen: Alle Männer raus aus den Machtpositionen, unabhängig davon, ob sie zu «den Guten» gehören. An der Abschaffung der Machtstrukturen an sich können wir dann gern später arbeiten.

Es ist meiner Meinung nach nicht so, dass nicht-männliche Personen per se die besseren Leiter*innen wären, aber in einer patriarchalen Struktur wäre die Abwesenheit von cis-Männern in entscheidungstreffenden Positionen schon einmal ein Anfang. Einer, von dem ich mir erträume, dass beispielsweise nicht mehr über das Aussehen von Künstler*innen, sondern über deren Inhalte debattiert wird.

Und durch wen ersetzen wir all diese Männer?

Am besten durch die marginalisiertesten Personengruppen. Wer nicht zu den Privilegiertesten gehört, muss aufgrund eigener Diskriminierungs-Erfahrungen eine gewisse Sensibilisierung durchleben. Diese ist hilfreich, um Leute nicht zu übergehen: Je weniger Privilegien, desto mehr Bewusstsein für Ungerechtigkeit.



Übrigens verdanken wir viele (wenn nicht sogar alle) der hart erkämpften, emanzipatorischen Rechte genau jenen Personen, die mehrfach von Diskriminierung betroffen sind/waren. Ja, auch weisse, cis-, hetero-Männer ohne Behinderung können sich die genannte Sensibilisierung erarbeiten, es hat für sie und ihr Leben jedoch keinerlei negative Konsequenzen, wenn sie dies versäumen.

Und kaum jemand beschäftigt sich gern kritisch mit Systemen, die das eigene Leben leichter machen.

Bye, Patriarchat

Wir können darüber debattieren, was Übergriffe begünstigt, aber im Endeffekt bleibt ein Übergriff immer die bewusste Entscheidung eines Täters. Ich werde hier keine Rechtfertigungen à la «Männer sind nun mal Männer» zulassen. Es sind weder die körperliche Arbeit auf der Bühne, der Alkoholkonsum nach den Shows noch die Unterbringungssituation, die bedrohen. Es sind die Täter.

Natürlich können wir Bühnenkünstler*innen auf uns selbst und einander achtgeben und vorsichtig sein. Die Verantwortung liegt jedoch nicht bei uns, sondern bei den Tätern und der vorherrschenden Struktur. Und genau darum ist es so wichtig, das Patriarchat zu zerschlagen, damit sich Täter nicht mehr in einer Struktur wiederfinden, die sie verteidigt.

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