Als Max Küng ein Funkloch von betörender Schönheit fand

Max Küng

29.12.2019 - 00:00

Nicht nur für Mauer-Freaks ein lohnenswerter Anblick: Die Trockensteinmauern bringen Ordnung in die Sache.
Bild: Max Küng

Auf der letzten Etappe seiner Suche nach Funklöchern ist Max Küng ins Vallée de Joux gereist. Unfassbar ist es gewesen, was nicht nur an diesem ganz aussergwöhnlichen Funkloch gelegen hat.


Das Beste aus diesem Jahr: Zum Jahresende bringt «Bluewin» die Lieblingsstücke des ablaufenden Jahres noch einmal. Dieser Text erschien zum ersten Mal am 18. Juni 2019.


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Combe des Amburnex, Kanton Waadt

Im vorhergehenden Teil brachte mich die Suche nach Funklöchern in einen dunklen Kinosaal und dort in einen Film mit dem Titel «Ad Astra». In dem Science-Fiction-Streifen reist Brad Pitt als Astronaut Roy McBride auf der Suche nach seinem 20 Jahre zuvor verschollenen Vater zum Neptun.

Die Reise ist – man kann es sich unschwer vorstellten – beschwerlich. Lange. Mühsam. Umständlich. Zuerst geht es per Linienflug zum Mond. Dort dann per Mondfahrzeug auf dessen dunkle Seite, wo es per Rakete weiter zum Mars geht, von wo McBride dann gen Neptun aufbricht.

Nicht minder mühsam ist die Reise in den Jura, wenn man mit dem Auto unterwegs ist, genauer die Autobahn A1 zu Stosszeiten zwischen Zürich und Bern befährt. Was für eine ermüdende Strecke, wie zäh der Verkehr, wie altmodisch und blöd diese Art der Fortbewegung! Heiter kann einen da nur der Umstand stimmen, dass man die A1 nicht als Pendler täglich zu fahren hat, sondern bloss ein gelegentlicher Ausflügler ist.

Im milden Herbst schwer vorstellbar: Die Talsenke im Jura gehört zu den kältesten Gegenden des ganzen Landes.
Bild: Max Küng

Die Funkloch-Mission führte mich für diesen fünften und abschliessenden Teil also in den Jura, genauer ins Vallée de Joux, ein abgeschlossenes Hochtal, in dem zwei Seen liegen. Der kleinere der Geschwistergewässer ist der etwas plumpe Lac Brenet, der grössere der Lac de Joux, der elegant und schlank im Tal liegt (neun Kilometer lang, ein Kilometer breit).

Zwischen den Seen liegt der Ort namens Le Lieu – und dort, an der Adresse Rue du Mont d'Or 3 ein Museum, das ganz und gar dem Käse Vacherin Mont-d’Or gewidmet ist. Ein Vacherin, der frisch aus dem Ofen und dank der Hitze dort drin innerlich verflüssigt serviert wird, ist geschmacklich kaum zu toppen … – aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Bekannt ist das Vallée de Joux auch für anderes. Etwa sein raues Klima – in Le Sentier beispielsweise beträgt die mittlere Januar-Temperatur minus 4,2 Grad, die mittlere Juli-Temperatur 13,7 Grad.

Ein Traum von einem Strässchen: Sanft windet es sich durch die Talsenke. Begegnungen mit Menschen sind rar. Wunderbar.
Bild: Max Küng

Auch berühmt: Die im Tal ansässigen Uhrenmanufakturen des oberen Segments (Audemars Piguet, Jaeger-LeCoultre, Blancpain). Zudem viel gerühmt: Das Holz des sogenannten Risoud-Waldes, der mit seiner undurchdringlichen Urwald-Dichte nicht nur die natürliche Grenze zu Frankreich bildet, sondern dank den harten klimatischen Bedingungen in Kombination mit einem äusserst kargen und karstigen Boden Bäume hervorbringt, die in einer solch spärlichen Regelmässigkeit wachsen, dass es sich perfekt für den Bau von Geigen und Gitarren eignet.

Aber kam ich der Geigen und Gitarren wegen ins Tal?

Also liess ich den Wald namens Risoud rechts liegen (obwohl das Wandern in ihm einen durchaus magischen Aspekt bereithält, wie ich aus der Vergangenheit weiss), passierte die Seen, dann einen Ort mit dem schönen Namen L’Orient, und bog eine Ortschaft weiter, in Le Brassus, links ab.



Eine gut ausgebaute Strasse bringt den Verkehr in vielen Kurven in die Höhe, zum Col du Marchairuz, dem Pass, der Le Brassus mit Bière verbindet (jenem Ort, der unlängst in den Medien war wegen des dortigen Waffenplatzes respektive den massiven Durchfall- und Erbrechenproblemen von 70 Rekruten des Waffenplatzes).

Doch gute hundert Höhenmeter unterhalb der Passhöhe und nach der Befahrung einer Talsenke auf einer dort kanadamässig schnurgeraden Strasse drosselte ich meine Fahrt, bog auf einen mit Wasserpfützen gespickten Parkplatz ein und stellte das Auto ab. Ich stieg auf ein geländegängiges Velo um, denn dieses Fortbewegungsmittel ist ideal, um die weitere Umgebung zu inspizieren mit seinen vielen Wegen und Pfaden.

Ein paar hundert Meter vom Parkplatz entfernt befindet sich der unscheinbare Eingang zur Combe des Amburnex, eine Talsenke, in der ich eines der grössten Funklöcher hierzulande vermutete. Ich hatte es beim Studium der Netzabdeckungskarte entdeckt: Ein grosser weisser Fleck im Westen unseres Landes.

Mit Worten schwer zu beschreiben, für einen Landschaftsmaler wäre es einfacher: die karge Wiese, die Trockensteinmauer, ein Wald voller Bäume.
Bild: Max Küng

Schon beim Parkplatz stellte ich mit Genugtuung fest, dass das Handysignal äusserst schwach war. Kaum in die Talsenke eingedrungen, schwand der Empfang dann gänzlich. Ich trat in die Zone eines Funklochs ein, das sich in der Tat kilometerweit erstreckt. Trotzdem aber kramte ich mein Smartphone immerzu aus der Tasche. Nicht, um den Empfang zu kontrollieren, auch nicht aus einer alten Gewohnheit heraus, sondern um Fotos zu schiessen, das Unglaubliche, die Schönheit, die Magie der Landschaft festzuhalten, was – wie man weiss – einem Amateurfotografen nur mit einem bedingt befriedigenden Resultat möglich ist.

Dennoch musste ich es einfach immer wieder tun, es versuchen, denn ich wusste: Mit Worten allein wäre dieser umwerfenden Schönheit nur schwer beizukommen.



Die Combe des Amburnex ist auch ein See. Doch sieht man ihn nicht. Man kann ihn nur spüren. Früher, vor langer Zeit, gab es tatsächlich einen richtigen See, doch der ist längst verlandet, bloss im östlichen Teil blieb ein Sumpfgebiet zurück. Der heutige See, der unsichtbare, ist ein sogenannter Kaltluftsee: Das Gelände ist derart geformt, dass die lokal gebildete bodennahe Kaltluft nicht abfliessen kann und derart gefangen sich staut.

Nebel und beissende Kälte sind in der Folge hier oben gute Gäste, die gerne lange verweilen. Dieser Umstand ist für Kälteforscher von grosser Attraktivität, weshalb sie sich schon länger für die Combe des Amburnex begeistern und dort Temperaturen messen und sammeln. Im Januar des Jahres 1985 etwa mass man Werte zwischen minus 45 und minus 47 Grad.

Tiefer also als zwei Jahre später in La Brevine, jenem Ort, der mit den damals gemessenen minus 41,8 Grad den offiziellen Kälterekord des Landes hält (für den man bevölkerte Ortschaften berücksichtigt, nicht aber einsame, menschenleere Kältelöcher wie die Combe des Amburnex).

Steine sind im Jura in der Mehrheit – ansonsten bloss Kühe, Landschaft und ein Himmel, dem man sehr nahe scheint.
Bild: Max Küng

Angenehm mild waren die Temperaturen am Tag meines Besuchs. Kaum war ich von der Passstrasse mit dem Velo in das kleine Strässchen eingebogen, das durch die Combe des Amburnex führt, umschloss mich nicht die sibirische Kälte, sondern bloss die Landschaft – und bald auch ein Gefühl von grosser Einsamkeit.

Steine sind in der Mehrheit dort oben, sie liegen wild auf den Wiesen oder wurden zu quer durch die Szenerie laufenden schnurgeraden Trockensteinmauern aufgeschichtet, Steine also, dann folgen die Bäume, dann die Kühe, die stoisch in der Landschaft standen und sich von einem daherradelnden Funklochfanatiker nicht weiter stören liessen. Menschen sah ich wenige.



An einem unbefestigten Weg, der vom Strässchen weg mitten durch den Bois du Mileu führt und bald zu einem schmalen, schwarzerdigen Wanderweg wird, waren zwei Holzfäller an der Arbeit. Und dann sah ich noch einen Bauern auf einem Traktor, aber erst ganz am Ende der Combe des Amburnex, beim Crête de Grison, wo der befestigte und frisch gesplittete Weg nach links abknickt und Kurve um Kurve hinunter ins Tal zum Ort Bassins führt (ein Ort übrigens mit einem höchst interessanten und üppigen Wappen, auf dem ein Zunge streckender Bär zu finden ist, ein schleichender Fuchs, ein zwitschernder Vogel auf der Spitze eines Tannenbaumes sowie auch noch ein plätschernder Brunnen).

Ansonsten sah ich bloss Kühe und die Landschaft und einen Himmel, dem man sehr nahe schien. Wieder zückte ich mein iPhone und knipste hundert Bilder, und mit Argwohn dachte ich daran, dass ich diese Landschaft zu Hause im Büro dann doch mit Worten zu beschreiben hätte – wie gerne wäre ich ein Maler gewesen, ein Gustave Courbet beispielsweise, jener grosse Meister, der nur ein paar Dutzend Kilometer nordwestlich auf die Welt kam (in Ornans) und ein paar Dutzend Kilometer – und 58 Jahre später – südöstlich verstarb (in La-Tour-de-Peilz).

Die Strasse, die zum Col du Marchairuz führt, ist gut ausgebaut – und aus verständlichen Gründen auch bei Motorradfahrern sehr beliebt. Unweit von dieser Stelle liegt der Eingang zur Combe des Amburnex.
Bild: Max Küng

Ich kann es nicht anders sagen: Meine Begeisterung für die Landschaft im Jura war bei meinem Besuch, was sie noch immer ist: gross. Noch während ich dort herumstand und das Unfassbare in mich aufsog, nahm ich mir vor, bald wiederzukommen, um all die Strässchen und Wege zu erkunden, für die ein Tag nicht genügt.

Beispielsweise hoch auf den Crête de la Neuve, von wo der Ausblick unschlagbar sein soll: Der gesamte Bogen des Genfersees breite sich dort vor den Augen des Betrachters aus, las ich. Die Savoyer Alpen südlich von Genf seien zu sehen, ebenso die Waadtländer Alpen – und natürlich der Star, der Mont Blanc, der mächtige Mocken.

Ein Funkloch. Ein Kaltluftsee. Ein Ort von betörender Schönheit, gespickt mit über die Landschaft laufenden Trockensteinmauern. Bald würde ich ihn wieder besuchen, das nahm ich mir also vor, während ich auf der A1 bald in einen Stau geriet, der sich als Folge eines Auffahrunfalls gebildet hatte, der mühselige Alltag und seine Folgen mich wieder begrüssten. Vielleicht führe ich sogar diesen Winter wieder hin. Montierte dann die Schneeschuhe an die Füsse. Aber dann einfach nicht die Handschuhe vergessen, dachte ich. Und die lange Unterhose. Das Handy aber schon.

Zum Autor: Max Küng

Max Küng, 1969 geboren, stammt aus Maisprach BL – dort wuchs er auf einem Bauernhof auf. Seit 20 Jahren schreibt er Texte und Kolumnen für «Das Magazin». Er hat Romane und andere Bücher publiziert, zuletzt

erschien die Kolumnensammlung «Die Rettung der Dinge» bei Kein & Aber. Derzeit arbeitet Küng an seinem neuen Roman, dieser wird im Frühling 2020 erscheinen. Max Küng lebt in Zürich. Er ist verheiratet und Vater zweier Söhne. Er fährt gern Velo.

Für «Bluewin» unterwegs

Dies war der fünfte und letzte Teil der «Funkloch»-Serie von Max Küng. Den viertenTeil der Serie finden Sie unter folgendem Link, den dritten hier, den zweiten hier. Und den ersten Teil hier.

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