Autsch, eingeklemmter Satz!

Mark Salvisberg

27.5.2020 - 18:15

Man sollte vieles nicht so eng sehen – das gilt auch für den Satzbau. 
Bild: Getty Image

Ein amerikanischer Autor schrieb einst ein Essay über die «schreckliche deutsche Sprache». Diese lässt es zu, dass Verben oder Vorsilben am Schluss eines Satzes quasi endgelagert werden.

Das ist lobenswert: Mark Twain beschäftigte sich mit der deutschen Sprache. Dabei entdeckte er seine Abneigung gegenüber solchen Nebensätzen: «Wenn er aber auf der Strasse der in Samt und Seide gehüllten, jetzt sehr ungeniert nach der neusten Mode gekleideten Regierungsrätin begegnet ...»

Wenn er ... begegnet. Personen und Verben mögen sich besonders. Weshalb muss sich der Leser dann so lange gedulden, bis die beiden sich gefunden haben?

Steckten zwischen der Person und dem Verb nicht derart viele Informationen, hätte Twain sich darüber nicht echauffiert. Er hätte den Satz wohl wie folgt gegliedert: «Wenn er aber auf der Strasse der Regierungsrätin begegnet, die sich, in Samt und Seide gehüllt, jetzt ungeniert nach der neusten Mode kleidet ...»



Der umgebaute Nebensatz ist zwar gleich lang, aber der Inhalt wird schneller verstanden, weil für dessen Verständnis keine grosse Gedächtnisleistung vonnöten ist.

Unappetitliche Happen

In diesem Beispiel wird ein Sachverhalt zwischen Verb und Vorsilbe eingeklemmt: Sehen wir aufgrund der ermutigenden Vorgeschichte des Angeklagten, wie seiner erfolgreichen zweijährigen Anti-Aggressions-Therapie, von weiterer gerichtlicher Verfolgung beziehungsweise einer unbedingten Freiheitsstrafe ab. Nein, dieses Sandwich ist zu mastig, es lädt nicht zum Reinbeissen ein.



Damit das Ganze leichter zu verdauen ist, gliedert man die Satzteile übersichtlich: Der Angeklagte hat eine ermutigende Vorgeschichte, da ist zum Beispiel seine erfolgreiche zweijährige Anti-Aggressions-Therapie. Sehen wir deshalb von weiterer gerichtlicher Verfolgung beziehungsweise einer unbedingten Freiheitsstrafe ab. Die neue Version ist zwei Wörter länger, dafür doppelt so verständlich.

Im Kleinen Gutes tun

Wir begegnen nicht immer den Monstersätzen. Doch nur schon folgende Beispiele kürzerer Aussagen sind bedenklich: Sie meldete sich gestern auf der Website, gleich nachdem die Internetprobleme behoben waren, an. Viel besser: Sie meldete sich gestern auf der Website an, gleich nachdem die ...

Auch dieses «Sandwich» ist leicht zu vermeiden: Kannst du mich, nachdem du mit deiner Mutter gesprochen hast, anrufen? Besser: Kannst du mich anrufen, nachdem du ...

Kommunikation fällt einfach leichter, wenn man das Brot übersichtlich belegt, statt ein unverschlingbares Riesensandwich zu basteln.

Zur Person: Mark Salvisberg war unter anderem als Werbetexter unterwegs. Der Absolvent der Korrektorenschmiede PBS überarbeitet heute
täglich journalistische Texte bei einer grösseren Tageszeitung.

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