Sprachpfleger Blindes Rechtschreibprogramm: Her mit dem Korrektor!

Mark Salvisberg

20.3.2019

«Stammgäste, die immer wieder kommen»? Da traut der Sprachpfleger seinen Augen nicht.
«Stammgäste, die immer wieder kommen»? Da traut der Sprachpfleger seinen Augen nicht.
Bild: iStock

Ein Zyklon wütet, und ein Redaktor will «Zyklopen-Opfer» schreiben. Solches weiss der Sprachpfleger zu verhindern, denn Korrekturprogramme vermöchten dies nicht, meint er.

Auch erfahrene Autoren sind nur Menschen. Ein Korrekturprogramm wappnet sie gegen das Gröbste, doch es entdeckt meist nur einfache Fehler wie «Autoban» oder «Goflball», nicht aber geradezu rufschädigende Albernheiten wie «Er verlor fast das linke Augenlicht», «der Vater gibt nicht locker» oder «Die Stadt bietet Veloverleiher zur Kasse».

Deshalb greift die schreibende Zunft auf den Korrektor zurück. Die geschulten Spezialist(inn)en tauchen nochmals tief in den Text ein und revidieren unpassende Wörter und Formulierungen: Hatte er ein «schweres Los gezogen»? Nein: Ihm war ein «schweres Los beschieden».

Der Kontext macht den Nonsens

Die Korrektoren sind für Rechtschreibung, Grammatik und vermehrt auch Stil zuständig, bemerken hingegen häufig auch sachliche Irrtümer. Und sie rücken schiefe Bilder gerade wie «alte Werbung in neuen Schläuchen» (besser: Diese Werbung ist alter Wein ...) oder «Stammgäste, die immer wieder kommen» (Stammgäste heissen so, gerade weil sie wieder kommen).

Auch zweifelhafte Fügungen werden verbessert: «Der Markt befindet sich in Wartestellung auf frische Signale» (korrekt: Der Markt wartet auf ...), «Die Kinder haben Trennungsängste von ihren Angehörigen» (... haben Ängste wegen der Trennung von ihren Angehörigen) oder «Dort sahen wir die tonnenweisen Schneemassen liegen» (Dort sahen wir den Schnee tonnenweise liegen. Adverbien, hier «tonnenweise», können nicht wie ein Adjektiv zwischen Artikel und Nomen gesetzt werden, das heisst nur dann, wenn Letzteres ein Verbalnomen ist: die kiloweise Herausgabe von Äpfeln).

Engagement im Zeichen des Unmöglichen

Der Gelehrte Carl Faulmann (1835–1894) sagte einst über den Korrektor: «Er darf sich vom Inhalt nicht gefangen nehmen lassen, um nicht Formfehler zu übersehen, und er darf nicht mechanisch lesen, weil der Sinn wesentlich zur richtigen Auffassung der Worte gehört ...»

Unsere Zunft wird weiter alles daransetzen, keine ungewollte Satire durchzuwinken. Sonst lesen Sie in den News womöglich von verbogenen Sehnsüchten, von Detektiven, die Unmengen von Drogen fahnden, oder von einem drohenden Unterton, der übersehen wurde; von der Jagd nach der Terror-Milz etwa oder dass man einen schwedischen Ökonomen zu Europas bestem Finanzminister gekürzt hat.

Zur Person: Mark Salvisberg war unter anderem als Werbetexter unterwegs. Der Absolvent der Korrektorenschmiede PBS überarbeitet heute
täglich journalistische Texte bei einer grösseren Tageszeitung.

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