Kolumne «Bloss kein Welpe» – und dann biss er mich ins Gesicht

Bruno Bötschi

17.5.2026

«Was wäre, wenn wir einen zweiten Hund adoptieren würden?», fragt sich die blue News Kolumnistin Michelle de Oliveira.
«Was wäre, wenn wir einen zweiten Hund adoptieren würden?», fragt sich die blue News Kolumnistin Michelle de Oliveira.
Bild: Privat

Die blue News Kolumnistin spielt mit dem Gedanken, einen zweiten Hund zu adoptieren. Aber auf keinen Fall einen Welpen, da war sie sich sicher. Dann hat sie Tofu kennengelernt.

Michelle de Oliveira

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • blue News Kolumnistin Michelle de Oliveira überlegt, ob ihre Hündin Phoebe einen Zweithund bekommen soll – aber bitte keinen Welpen.
  • Als de Oliveira den jungen Streuner Tofu vorübergehend bei sich aufnimmt, wird aus dem Testlauf schnell ein Härtetest.
  • Der Welpe bringt Chaos ins Haus, fordert Phoebe heraus und stellt den Familienalltag komplett auf den Kopf.
  • Trotz Erschöpfung und Nervenverlust wächst die Bindung zu Tofu schnell und überraschend stark.

Seit gut zwei Jahren gehört zu meiner Familie ein Mitglied auf vier Pfoten: Phoebe, eine Podengo-Hündin aus dem Tierheim. Ich war überglücklich, als sie bei uns einzog. Ich hatte mir einen Hund gewünscht, seit ich wusste, dass es Hunde gibt.

Trotz aller Freude war die Anfangszeit mit Phoebe anstrengend und es kam mir zuweilen vor, als hätten wir ein drittes Kind. Obwohl ich diesen Vergleich nur mit Vorbehalten mache.

Doch wie auch bei den Menschenkindern ist alles nur eine Phase, man wächst miteinander und irgendwann stellte sich uns die Frage:

Was wäre, wenn wir einen zweiten Hund adoptieren würden? Ein Hunde-Geschwisterchen für Phoebe? Oder sollte sie doch lieber ein Einzelkind bleiben?

Beissen, Knurren und über den Boden rollen

Dafür spricht, dass sie jemanden hätte, mit dem sie richtig spielen kann. Mit Beissen, Knurren und über den Boden rollen.

Zur Person: Michelle de Oliveira
Bild: Privat

Michelle de Oliveira ist Journalistin, Yogini, Mutter und immer auf der Suche nach Balance – nicht nur auf der Yogamatte. Ausserdem hat sie ein Faible für alles Spirituelle. In ihrer Kolumne berichtet sie über ihre Erfahrungen mit dem Unfassbaren, aber auch aus ihrem ganz realen Leben mit all seinen Freuden und Herausforderungen. Sie lebt mit ihrer Familie in Portugal.

Sie hätte einen Rudelgefährten, abgesehen von uns Menschen. Ausserdem gibt es hier so unfassbar viele Hunde, die auf ein Zuhause hoffen.

Das Tierheim, aus dem Phoebe stammt, ist überfüllt und macht regelmässig verzweifelte Adoptionsaufrufe. Es gibt aber auch Gegenargumente:

Jeder Hund hat eigene Bedürfnisse und bringt Herausforderungen mit sich, braucht Platz und muss betreut werden, wenn wir nicht da sind.

Dennoch begleitete mich der Gedanke an einen zweiten Vierbeiner weiter. Der zweite Hund, der läuft doch einfach so mit, im übertragenen wie auch im wortwörtlichen Sinne, dachte ich. Vor einer Weile bekamen wir dann die Chance, das Leben mit zwei Hunden zu testen.

Freunde adoptierten einen streunenden Welpen

Freunde adoptierten einen streunenden Welpen und tauften die Kleine auf den Namen Tofu. Kurz darauf mussten sie verreisen. Natürlich bot ich sofort meine Hilfe an, und wenige Tage später bissen mir spitze Welpenzähne freudig in Zehen, Waden, Hände und ins Gesicht.

Tofu war erst rund drei Monate alt, aber schon grösser als Phoebe. Sie war noch nicht stubenrein und pinkelte in den ersten Tagen vor lauter Aufregung und aufgrund fehlender Kontrolle unzählige Male ins Haus – und das, obwohl ich gefühlt den halben Tag mit ihr spazieren ging. Aber die Welt da draussen war viel zu spannend, um Zeit mit Unwichtigem wie Pinkeln zu verbringen. Das sparte sich Tofu für zu Hause.

Genauso wie eine gute Portion Energie, der Phoebe überhaupt nichts abgewinnen konnte. Der ständige Spieldrang der neuen Mitbewohnerin nervte sie gewaltig, ebenso die Tatsache, dass Tofu ihr das Körbchen streitig machte. Phoebe knurrte, fletschte die Zähne, zwickte Tofu in die Beine und Ohren.

Ohne Erfolg.

Tofu liess nicht locker, und so tollten die beiden kämpfend durchs Haus, bis ich die Streithähne trennte. Ich band Tofu mit der Leine an mir fest, damit Phoebe wenigstens für eine Weile Ruhe hatte.

Ein wildes Hundduo: Tofu (links) und Phoebe.
Ein wildes Hundduo: Tofu (links) und Phoebe.
Bild: Privat

Etwa an Tag 5 wünschte ich mir das Gleiche: einfach nur Ruhe. Keine winselnde, wimmernde oder knurrende Geräuschkulisse, keine Gassi-Runden alle zwei bis drei Stunden, keine unruhigen Nächte, keine kämpfenden Hunde, die alles umstiessen, was nicht festgenagelt war. Ich schwor mir:

Bloss keinen Welpen. Niemals einen Welpen. Welpen sind unfassbar süss, wenn man ihnen auf der Strasse begegnet und sie kurz streichelt.

Zu Hause sind die grössten Halunken, rauben einem den letzten Nerv, und man wünscht sich seinen Erzfeinden einen Hund, der nie aus dem Welpenstadium herauswächst.

Flappende Ohren und tollpatschigen Bewegungen

Die Gleichzeitigkeit der Gefühle, die ich bereits von den Menschenkindern kenne, blieb aber nicht aus. Tofu nervte. Aber eben nicht nur. Ich hatte sie vom ersten Moment an geliebt:

ihre flappenden Ohren, ihre tollpatschigen Bewegungen, das freudige Trommeln ihres Schwanzes, sobald ich mich ihr näherte.

Sie hatte mich als Mama auf Zeit auserkoren, folgte mir auf Schritt und Tritt, machte ihren Mittagsschlaf auf mir, legte sich auf meine Füsse, während ich kochte und blickte mich aus bernsteinfarbenen Augen an, als wäre ich das Beste auf der Welt.

Selbst Einzelgängerin Phoebe gewöhnte sich mit der Zeit an die Ferienschwester und rückte sogar etwas zur Seite, damit Tofu ihren Kopf auch ins Körbchen legen konnte.

Nach zehn Tagen wurde Tofu von ihrer Familie abgeholt. Die ersehnte Ruhe kehrte ein, aber auch eine eigenartige Leere. Ich vermisste Tofu schrecklich. Tofu, mein pelziger Schatten, mein kleiner Wirbelwind. Ob wir eines Tages einen zweiten Hund haben werden, weiss ich nicht.

Aber sagen wir so: Würde mir ein heimatloser Welpe vor die Füsse fallen, könnte ich wohl nicht nein sagen.

Trotz allem.


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