Immobilienkönig und Messie«Bruno Stefanini ist mir lieber als ein Milliardär, der Privatjets kauft»
Bruno Bötschi
10.3.2025
«Er hat sich politisch positioniert zwischen einem Kapitalisten und einem Chaoten»: Filmemacher Thomas Haemmerli über Bruno Stefanini.
Bild:zVg
Immobilienkönig Bruno Stefanini war ein Messie. Es wurde ihm vorgeworfen, er lasse seine über 2000 Wohnungen verkommen. Thomas Haemmerli drehte einen Film über den italienischen Immigrantensohn aus Winterthur.
Der Winterthur Immobilienkönig Bruno Stefanini war ein besessener Sammler. Manche würden auch behaupten, er sei ein Messie gewesen.
Seiner Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG) gehören nicht nur bedeutende Kunstwerke, sondern auch historische Objekte wie der Rolls Royce von Hollywood-Schauspielerin Greta Garbo.
Reich geworden ist der Sohn eines italienischen Einwanderers und einer Schweizerin aber mit Immobilien. Allein in Winterthur gehörten dem 2018 verstorbenen Stefanini gegen hundert denkmalgeschützte Gebäude.
Der Dokumentarfilm «Die Hinterlassenschaft des Bruno Stefanini» von Regisseur und Autor Thomas Haemmerli erzählt vom Konflikt mit Hausbesetzer*innen und Armeeabschaffern sowie von seiner Sammlerwut.
Thomas Haemmerli, während ich deinen Dokumentarfilm «Die Hinterlassenschaft des Bruno Stefanini» angeschaut habe, fragte ich mich irgendwann: Wieso beschäftigt sich der Haemmerli gerne mit schrecklichen Menschen?
Hahaha – zwar hiess mein letzter Film «Die Gentrifizierung bin ich» im Untertitel «Beichte eines Finsterlings». Das war eher ironisch gemeint. Ich hadere nicht mit mir selbst, und auch Bruno Stefanini ist mir nicht unsympathisch. Sonst hätte ich nicht so viel Zeit auf ihn verwendet.
Sicher, er hatte unangenehme Seiten. Und er irritiert, weil er so ambivalent und widersprüchlich ist. Mich fasziniert das zusammen mit den Themen Bauen, Sammeln und Messie, die sich in seiner Biografie finden.
Der Immigrantensohn Bruno Stefanini galt privat als gesellig und humorvoll. Kanntest du ihn persönlich?
Nein. Aber nachdem ich Hunderte Seiten private Briefe und Tagebuchblätter gelesen habe und mit seinem Umfeld sprach, ist es fast als hätte ich ihn gekannt. Er war in vielem so extrem, dass es haufenweise skurrile Anekdoten gibt, was mir erlaubte, einen lustigen und unterhaltsamen Film zu machen.
Zur Person: Thomas Haemmerli
zVg
Thomas Haemmerli ist Regisseur und Autor. Früher besetzte er Häuser und stritt gegen Immobilienunternehmer und höhere Offiziere wie Bruno Stefanini. Jetzt hat er dem Winterthurer Immigrantesohn, Bauunternehmer und Horter den Film «Die Hinterlassenschaft des Bruno Stefanini» gewidmet, der mit Humor Stefaninis Werdegang vor dem Hintergrund der Schweizer Sozialgeschichte zeichnet. Und er predigt, wir müssten unsere Städte rabiat verdichten, um dem Wohnungsproblem zu begegnen.
Ich wohnte Ende der 1990er Jahre in Winterthur und kenne Bruno Stefanini als Immobilienkönig, der Häuser verlottern lässt, Mieter*innen schlecht behandelt und Versprechen nicht einhält.
Bruno Stefanini hatte über 2000 Wohnungen und wusste sicher nicht um jeden Einzelfall. Zutreffend ist, dass er nie saniert hat. Das ist typisch für einen Horter, das heisst jemanden, der pathologisch Dinge anhäuft.
Man erwirbt Objekte – in seinem Fall Liegenschaften – macht dann aber nichts mehr damit, sondern holt sich noch mehr. Positiv für die Mieterschaft war, dass die Wohnungen so extrem billig waren.
Stefanini hat sich auch gegen seine Verwaltung gestellt, als die die Mieten erhöhen wollte. Ich traf Leute, die das schätzten. Und Leute, die wie du ungern bei ihm wohnten.
Wer in einer Stefanini-Wohnung lebte, erntete oft Mitleid. 2007 war im «Landbote», die Tageszeitung in Winterthur, folgende Geschichte über ihn zu lesen: «Letztes Jahr erlebte eine Frau, die nach 42 Jahren aus einer Stefanini-Wohnung auszog, folgendes: Die Verwaltung schickte ihr eine Rechnung für zwei Zahngläser, die gefehlt haben sollen. Kostenpunkt: 53.60 Franken. In den Jahrzehnten zuvor hatte Stefanini kaum einen Rappen in die Wohnung investiert.» Eine typische Stefanini-Geschichte, oder?
Typisch daran ist das Rappenspalterische. Der Komiker Viktor Giacobbo, der in einer Stefanini Wohnung lebte, erzählt in meinem Film, wie er 1 Franken 95 für einen Dichtungsring zahlen musste.
Das Mitleid dagegen ist typisch für eine Haltung in den Medien: Früher bemitleidete man Leute, die in Göhner-Blöcken oder Hochhäusern wohnten. Das ist reine Projektion: Denn die meisten Leute wissen selbst gut genug, wo sie mit ihren Mitteln wohnen wollen ...
... das ist eine Behauptung, die nicht belegt ist.
Es gibt Studien, unter anderem die «Rückkehr der Wohnmaschinen», die zeigen, dass Leute, die sehr billig wohnen, oft mehr unter den paternalistischen Zuschreibungen der Medien leiden, die von Sozialgettos und ähnlichem jammern, als an ihrem tatsächlichen Zuhause.
«Bruno Stefanini hatte über 2000 Wohnungen und wusste sicher nicht um jeden Einzelfall. Zutreffend ist, dass er nie saniert hat. Das ist typisch für einen Horter, das heisst jemanden, der pathologisch Dinge anhäuft»: Filmemacher Thomas Haemmerli über Bruno Stefanini.
Bild:zVg
Für viele Winterthurer*innen war der Fall klar: Bruno Stefanini macht Jagd auf Rendite. Er lässt Häuser willentlich mitten in der Altstadt verfallen.
Das ist Unsinn. Ich lebe in Zürich-Wiedikon, da ging früher eine stark befahrene Strasse durch, die Häuser waren schlecht unterhalten, und es lebten hier viele Ausländerinnen und Aussenseiter. Heute ist alles picobello renoviert, wer früher hier lebte ist von Leuten wie mir und der Gentrifizierung verdrängt worden. Wäre es Stefanini um Rendite gegangen, hätte er renoviert und eine andere Klientel angepeilt.
In den falschen Hals bekamen vielen Winterthurer*innen zudem, dass Bruno Stefanini trotz hoher Renditen kaum Steuern bezahlt hat …
Nochmals: Falsch ist, dass Stefanini mit seinen Häusern hohe Renditen erzielt hat. Richtig ist, dass seine Liegenschaften in einer Stiftung waren, die ein Museum fürs Volk errichten wollte, weshalb die Steuern wegfielen.
Das hat übrigens kein Aufsehen erregt, in Winterthur wusste das kaum jemand. Es scheint mir aber ein schwerwiegendes Versäumnis, dass die Stiftungsaufsicht nie tätig wurde.
Das berühmte Sulzer-Hochhaus in Winterthur gehörte ebenfalls zu Stefaninis Portfolio. Es war einmal für kurze Zeit besetzt. Immer wieder wurden dem Immobilienkönig Sympathien für die Besetzerszene nachgesagt. Wahr oder nicht?
Er hat sich politisch einmal positioniert zwischen einem Kapitalisten und einem Chaoten. Sein Elternhaus war antifaschistisch, sein Leben lang hatte er eine starke soziale Ader. Und zuweilen hat er Besetzungen toleriert, eine fast 30 Jahre lang bis an sein Lebensende.
Sein Unternehmen führte Bruno Stefanini als Patriarch. Er kontrolliert jede einzelne Rechnung. Selbst bei einem Spitalaufenthalt brachte ihm seine langjährige Sekretärin und Lebenspartnerin Dora Bösiger die Rechnungen ans Krankenbett.
Dora Bösiger würde ich nicht einfach als seine Lebenspartnerin bezeichnen. Das Verhältnis war komplex. Jedenfalls war Stefanini wie alle Horter in vielem zwanghaft, das war auch bei den Rechnungen so. Das hat zu seinem Reichtum beigetragen. Am Ende seines Lebens war er aber völlig überfordert mit dem Versuch, noch immer alle Rechnungen von Hand zu prüfen.
Im Film zitierst du immer wieder aus Bruno Stefaninis Tagebüchern. Darin schrieb der Immobilien-Tycoon akribisch auf, was er erlebt hat und was er dachte.
Schon als Kind entwarf er Verträge und freute sich über «schöne Geschäfte», die er gemacht habe. Am Ende seines Lebens schreibt da einer, der mit sich selber geizig ist und als Milliardär Coop-Wein für 1.90 Franken die Flasche trinkt und jeden Tag in den Caritas-Laden auf Schnäppchenjagd geht.
Stefanini ist ein Gefangener seiner Ticks und Zwanghaftigkeiten. All das ist eigenwillig und zuweilen bizarr, mir aber sympathischer als normale Milliardäre, die ihr Geld mit Privatjets und grossen Yachten verpulvern.
Du scheinst ein Faible für Messies zu haben: Bereits in deinem autobiografischen Film «Sieben Mulden und eine Leiche» hast du dich mit dem Vermüllungs-Syndrom beschäftigt.
Meine Mutter hinterliess uns eine zugemüllte Messie-Wohnung, und noch heute kriege ich Zuschriften wegen meines Films «Sieben Mulden und eine Leiche», der damals die Gemüter entzweite. Seither beschäftigt mich das Thema.
Bei Bruno Stefanini interessierte mich der Fall eines Horters mit unbeschränkt Geld und Platz. Tragischerweise sah seine Wohnung am Lebensende nicht anders aus als die meiner Mutter.
Was ist deiner Ansicht nach das Besondere am Sammler Bruno Stefanini?
Dass sein Sammlungsgut so schlecht gelagert war – und dass er so breit gesammelt hat. Die meisten, die sammeln, fokussieren sich auf ein Gebiet. Bruno Stefanini hat Waffen, Kunst, Schlösser, Kleider, Möbel sowie Gegenstände historischer Personen angehäuft.
Man muss dazu wissen: Messies oder Horter haben nicht einfach Unordnung, sondern meist vernünftige Beweggründe, warum sie Sachen zusammentragen und behalten.
Irgendwann wird es aber so viel, dass sie mit der Bewältigung ihres Besitzes scheitern. Sie finden sich wieder in einer vermüllten Behausung, die sie selbst stets als Provisorium sehen, das dann eines Tages aufgeräumt werden wird. Oder in Stefaninis Fall: In der Sammlung eines Museums geordnet worden wäre.
1980 gründete Bruno Stefanini die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG). Deren Sammlung umfasst gegen 100'000 Stücke: Das geht von der Uniform von US-Golfkriegsgeneral Norman Schwarzkopf bis zur Pelzmütze des russischen Revolutionsführers Wladimir Iljitsch Lenin. Und alles atomschlagsicher in Bunkern gelagert.
In den 1980ern ging die Angst vor einem Atomkrieg um. Bruno Stefanini tröstete die Vorstellung, dass selbst im Falle eines Atomkrieges seine Sammlung für die Überlebenden bleiben würde.
Die Ironie der Geschichte: In seinen wichtigsten Bunkeranlagen, die er beim Hallwilersee graben liess, machte ihm der Schimmel einen Strich durch die Rechnung. Der Bunker bietet Schutz gegen Atompilze, nicht aber gegen hundskommune Schimmelpilze.
Die grösste Leistung von Bruno Stefanini (ganz links im Bild) sei, so Filmemacher Thomas Haemmerli, «dass er dank effizienter, schlanker Bauweise so viel billige Wohnungen gebaut hat».
Bild:Screenshot
Die Sammlung ist Bruno Stefaninis Lebenswerk. Seine Vision eines Museums scheiterte jedoch. Warum?
Einerseits war er nicht besonders gut im Delegieren. Meist legte er bei allen Transporten selbst Hand an. Andererseits gab es auch eine Kleingeistigkeit der Behörden und viele Einsprachen gegen seine Projekte, sodass er mehrmals aus Trotz sagte: Ich schmeisse den Bettel hin. Ich mache das Museum woanders.
2018 verstarb Bruno Stefanini und hinterliess ein ziemliches Chaos – weil er seine Sammlung nicht inventarisiert hat. Was passiert seither damit?
Die Stiftung SKKG reinigt, dokumentiert und katalogisiert die Sammlung. Weil es in der Schweiz über 1000 Museen gibt, soll kein weiteres dazukommen, dafür werden Objekte und Kunst an andere Museen verliehen.
Wenn Bruno Stefanini heute noch leben würde: Wärst du gerne mit ihm befreundet?
Ich mag schräge Personen. Und mich interessieren Zeitzeugen, deren Lebenserfahrung viele Jahrzehnte umfasst. Die grösste Leistung von Bruno Stefanini ist aber, dass er dank effizienter, schlanker Bauweise so viel billige Wohnungen gebaut hat.
Ich predige schon lange, dass das Wohnproblem nicht in erster Linie von gierigen Immobilienfirmen verursacht wird, sondern dadurch, dass wir wachsen, aber viel zu wenig bauen. Darüber hätte ich mich mit ihm sicher prächtig unterhalten können. Und verbunden hätte uns auch der Sinn für Humor.
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