Mobbing bei Erwachsenen nimmt zu

24.9.2018 - 16:13, dpa/mit

Durch die Anonymität im Netz sinkt die Hemmschwelle, andere zu mobben.
Source: Getty Images

Wie verbreitet sind Mobbing und Cybermobbing bei Erwachsenen? Wer ist  betroffen? Was sind die Motive der Täter? Eine Studie sucht Antworten für ein Problem, das längst nicht nur Teenager betrifft.

Mobbing - und vor allem Cybermobbing - wird oft als Problem von Jugendlichen angesehen. Doch eine Studie zeigt, dass das Thema längst in der gesamten Gesellschaft angekommen ist.

Wie verbreitet sind Mobbing und Cybermobbing bei Erwachsenen? Und ist die Zahl der Fälle gewachsen?

«Die Studie zeigt, dass sich das Problem verschärft hat», sagt Uwe Leest vom Bündnis gegen Cybermobbing, das die Erhebung durchgeführt hat. Rund 35 Prozent der Befragten in der Schweiz gaben an, bereits Opfer von Mobbingattacken geworden zu sein, egal ob zum Beispiel am Arbeitsplatz oder in Chats und sozialen Netzwerken. 8,6 Prozent erklärten, bereits im Internet diffamiert, beleidigt, genötigt oder belästigt worden zu sein .

Wieso ist die Zahl so hoch?

«Ein Grund ist natürlich, dass die mobile Internetnutzung massiv gewachsen ist», sagt Daniel Süss, Professor für Medienpsychologie in Zürich. Gemobbt werden kann praktisch jederzeit und von überall. Beispiele gibt es zuhauf, ob erniedrigende Bilder und intime Videos, die im Kollegenkreis verbreitet werden, der stalkende Ex-Partner oder das gefälschte Facebook-Profil. Für Experten gehören Mobbing und Cybermobbing längst zusammen. Attacken in der realen Welt vermischen sich zunehmend mit dem Internetmobbing, welches das analoge Mobbing ergänzt oder gar ersetzt.

Vorgesetzte mobben besonders oft

«Im Internet wird es den Tätern einfacher gemacht», sagt Leest. Die Angriffe seien radikaler und intensiver, und durch die Anonymität sinke die Hemmschwelle. «Die Tränen, die im Netz geweint und die Wunden die dort geschlagen werden, die sieht man nicht.» Und: Internetmobbing hat eine besondere Dynamik und ist schwer kontrollierbar. Inhalte können schnell gespeichert, verändert oder weitergeleitet werden. Jeder dritte Cybermobber gab übrigens an, es «nur so zum Spass» zu machen.

Die Folgen sind für die Opfer weitreichend und können schlimmstenfall bis zum Suizid gehen.
Bild: Getty Images

Mehr als jede zweite Attacke (57 Prozent) findet am Arbeitsplatz statt, egal ob online oder offline. Dort sind Vorgesetzte an fast der Hälfte der Mobbingfälle beteiligt. Aus Sicht der Opfer ist Neid oder eine auffällige Erscheinung am häufigsten der Auslöser. Aus Sicht der Täter ist es der Ärger über die Betroffenen.

Frauen sind öfter Opfer

Eine erstaunliche Zahl, die nachdenklich stimmt: 80 Prozent der Täter sind zuvor schon mal selbst gemobbt worden. Insgesamt werden Frauen besonders häufig attackiert. Bei ihnen besteht der Studie zufolge ein 1,5 Mal höheres Mobbingrisiko als bei Männern. Frauen würden durch ihre kommunikativere Art eine grössere Angriffsfläche bieten, sagt Leest. Zudem würden Männer Attacken eher verschweigen. «Hier gehen wir von einer höheren Dunkelziffer aus.»

Erschreckend sind auch die Zahlen bei jungen Menschen (20 bis 25 Jahre), die fast doppelt so häufig von Cybermobbing betroffen sind, wie der Durchschnitt. «Das sind die ersten Vertreter der Generation Smartphone in der Arbeitswelt», so Leest. Aus ihrer Jugend hätten sie ein Verhalten verinnerlicht, das nicht entsprechend sanktioniert worden sei. «Wenn wir nichts dagegen tun, wird sich diese Welle weiter vergrössern.»

12 Prozent sind suizidgefährdet

«Mobbing hat sowohl körperliche, als auch psychische Auswirkungen», sagt die Schweizer Ärztin Karola Hausmann. Die Betroffenen kämpfen mit Magen-Darm-Probleme, mit Depressionen, Persönlichkeitsveränderungen oder einem verringerten Selbstvertrauen. Laut der Studie stufen sich zwölf Prozent der Betroffenen selbst als suizidgefährdet ein.

Hinzu kommen wirtschaftliche Folgen. Die Opfer weisen den Zahlen zufolge jährlich fast vier Krankheitstage mehr auf und wechseln doppelt so häufig ihren Arbeitsplatz. «Nicht zu vernachlässigen ist die innere Kündigung», sagt Wissenschaftler Süss. Die Leute seien zwar präsent, aber nicht mehr produktiv und kreativ.

Das Bündnis gegen Cybermobbing fordert flächendeckende Mobbingberatungsstellen, anonyme Hotlines und ein einheitliches (Cyber-)Mobbinggesetz. «Die Täter müssen sehen, dass sie für ihre Verhalten sanktioniert werden können», sagt Leest.

Aber auch Unternehmen könnten handeln, etwa indem sie starre Hierarchien oder ein konkurrenzorientiertes Klima abschaffen. Zudem müsse in der Firmenkultur mehr Zivilcourage entwickelt werden, sagt Süss. «Wir reden immer nur über die Täter und Opfer.» Ebenso wichtig seien aber die Zeugen, die unbeteiligt dabei seien. Sie müssten lernen, beherzt einzugreifen.

Brauchen Sie Hilfe? Hier können Sie darüber reden:
Dargebotene Hand:Tel. 143, 143.ch
Online-Beratung für Jugendliche mit Suizidgedanken: U25-schweiz.ch

Angebot der Pro Juventute: Tel. 147, 147.ch
Kirchen: Seelsorge.net

Sind Gamer alle krank? WHO löst Kontroverse um Online-Spielsucht aus
Millionen Menschen spielen täglich Videospiele. Harmloser Spass oder ist das schon eine grassierende Krankheit? Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagt: Krank!
Zwar gibt es die Fälle: Anfang letzten Jahres starb ein 35-Jähriger in Virginia Beach in den USA bei einem «World of Tanks»-Marathon. Er war so ins Gamen vertieft, dass er Essen und Trinken vernachlässigte.
Um solche Fälle zu diagnostizieren, hat die WHO in ihrem neuen Handbuch ICD-11 drei Kriterien für Spielsucht genannt:
1. Entgleitende Kontrolle etwa bei Häufigkeit und Dauer des Spielens, 2. Wachsende Priorität des Spielens vor anderen Aktivitäten und 3. Weitermachen auch bei negativen Konsequenzen.
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