«Kann nicht mehr Entertainer spielen» Jetzt spricht der Wirt, der sein Lokal in Zürich für immer schliesst

Bruno Bötschi

19.1.2026

«Ich hatte nie Berührungsängste mit Menschen, egal aus welchem Milieu sie kommen»: Daniel Hofstetter, Besitzer der Bar Daniel H. in Zürich.
«Ich hatte nie Berührungsängste mit Menschen, egal aus welchem Milieu sie kommen»: Daniel Hofstetter, Besitzer der Bar Daniel H. in Zürich.
Bild: Boris Müller

Er eröffnete vor 28 Jahren die Bar Daniel H. im Kreis 4 in Zürich. Diese Woche gab er bekannt, dass das Traditionslokal im April schliesst. Daniel Hofstetter sagt Adieu und verrät, was er am Tresen fürs Leben gelernt hat.

Bruno Bötschi

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Die traditionsreiche Bar Daniel H. im Kreis 4 in Zürich muss nach fast 30 Jahren die Tür Anfang April für immer schliessen.
  • «Ich habe je länger desto mehr Mühe damit, hinter dem Tresen zu stehen und den fröhlichen Entertainer zu spielen, während ich mir im Büro überlegen muss, wie und wann ich die offenen Rechnungen bezahlen kann», sagt Gastgeber Daniel Hofstetter.
  • Ein Gespräch über veränderte Ausgehgewohnheiten, sinkende Umsätze beim Alkohol und fehlende junge Gäste.

Daniel Hofstetter, Sie haben vor 28 Jahren die Bar Daniel H. eröffnet. Diese Woche haben Sie bekannt gegeben, dass Sie Anfang April Ihr Lokal schliessen werden. Wie geht es Ihnen?

Es fühlt sich komisch an. Die Bar ist auch irgendwie mein Daheim. Im April wird etwas enden, das mich mein halbes Leben lang beschäftigt hat. Ich bin stolz, dass wir die Bar so lange erfolgreich führen konnten. Bis am Mittwoch, als blue News über die Schliessung berichtete, schien alles noch weit weg zu sein. Nachdem Bruno Meyer (Anmerkung der Redaktion: Co-Gastgeber der Bar Daniel H.) und ich gleichentags die Pressemitteilung verschickt hatten, wurde es mir aber so richtig bewusst: Jetzt ist das Ende nah. Natürlich macht mich das traurig, weil so viel meiner Lebenszeit in diesem Ort steckt.

In Ihrer Pressemitteilung heisst es, dass neue Ausgehgewohnheiten und steigende Kosten es unmöglich machen, das Lokal weiterzuführen.

Die vergangenen Jahre liefen nicht zufriedenstellend. Das Ausgehverhalten der Menschen hat sich seit der Corona-Pandemie verändert. Ich spreche insbesondere von Tagen unter der Woche, also von Dienstag bis Donnerstag. Heute kommen werktags deutlich weniger Gäste zu uns als noch vor der Pandemie. Früher hatten wir an einem normalen Mittwoch oft um 20 Uhr bereits so viel Umsatz in der Kasse, wie wir das heute regelmässig erst kurz vor Mitternacht schaffen.

Die Bar Daniel H. ist nicht nur ein Zürcher Traditionslokal, sondern auch einer der ältesten queerfreundlichen Orte in der Stadt. In drei Jahrzehnten haben Sie als Gastgeber viel erlebt. Wie blicken Sie auf die Zeit zurück?

Insgesamt mit viel Stolz, aber auch mit Wehmut. Als ich 1998 die Bar Daniel H. eröffnete, gehörten wir zu den Trendsettern. Damals war der sogenannte Chreis Cheib – anders als heute – noch kein Ausgehquartier.

Was ist Ihr Credo als Gastgeber?

Saufen, zahlen, gehen (lacht schallend).

Und ernsthaft?

Liebe, Freude und Harmonie. Am meisten Freude macht es mir, wenn unsere Gäste das Lokal mit einem Lächeln im Gesicht verlassen – und noch schöner ist es natürlich, wenn sie einige Tage später wiederkommen.

Im Daniel H. konnte es passieren, dass ein SVP-Nationalrat neben einer Dragqueen an seinem Bier nippte. Wie haben Sie das hinbekommen?

Ich hatte nie Berührungsängste mit Menschen, egal aus welchem Milieu sie kommen. Solange ein Gast gegenüber uns Mitarbeitern und den anderen Gästen anständig bleibt, kann er bei uns tun und lassen, was er will.

Die Ausgehbranche jammert, dass deutlich weniger Alkohol getrunken werde als früher. Merken Sie das auch?

Die Menschen treffen sich heute nach der Arbeit viel seltener zum Apéro als noch vor ein paar Jahren – und wenn sie zu dieser Zeit doch einmal zu uns in die Bar kommen, dann oft viel kürzer und mit geringerem oder keinem Alkoholkonsum. Aber wir sind eine Bar und da macht der Alkohol bis zu 85 Prozent des Umsatzes aus – und das, obwohl wir schon lange den Anteil von alkoholfreien Cocktails ausgebaut haben. Damit wir mit sogenannten Mocktails auf genügend Umsatz kommen, müssen die Gäste davon aber deutlich mehr bestellen. Das tun sie leider nicht.

In der queerfreundlichen Bar Daniel H. im sogenannten Chreis Cheib in Zürich waren immer alle Menschen willkommen.
In der queerfreundlichen Bar Daniel H. im sogenannten Chreis Cheib in Zürich waren immer alle Menschen willkommen.
Bild: zVg

Was denken Sie, warum konsumieren vor allem die jungen Leute heute weniger Alkohol als früher?

Das kann ich nicht abschliessend beurteilen, weil ich fairerweise zugeben muss, dass es ein Problem von uns ist, dass wir in den letzten fünf, sechs Jahren nicht genügend junge Gäste anziehen konnten.

Verraten Sie, wie viel Geld ein Gast im Durchschnitt bei Ihnen in den besten Jahren ausgegeben hat – und wie viel es heute sind?

Jesses Gott, das kann ich Ihnen nicht sagen. Die Einnahmen insgesamt sind in den letzten Jahren um 25 Prozent gesunken. Dieser Rückgang hinterlässt nicht nur in der Kasse ein schmerzliches Loch, sondern hat mich auch psychisch belastet. Ich habe je länger desto mehr Mühe damit, hinter dem Tresen zu stehen und den fröhlichen Entertainer zu spielen, während ich mir im Büro überlegen muss, wie und wann ich die offenen Rechnungen bezahlen kann.

Im Nachtleben passiert ständig etwas, man arbeitet mit vielen unterschiedlichen Menschen, es gibt Dramen und Probleme. Was waren die grössten Herausforderungen in Ihrer Zeit als Chef einer der beliebtesten Bars von Zürich?

Ich erinnere mich an einen Gast, den ich davor und danach nie wieder gesehen habe. Er sass plötzlich bei mir an der Bar und erzählte mir mit tränenerstickter Stimme davon, wie innerhalb weniger Stunden sein ganzes Leben komplett zerbrochen ist. Klischee und Realität: Manchmal musste ich als Therapeut, Psychiater oder Beichtvater fungieren. Langeweile kommt in einer Bar selten bis nie auf – wie generell bei den meisten Berufen in der Gastronomie.

Welche Momente sind Ihnen positiv im Gedächtnis geblieben?

Speziell war es, wenn ein Promi bei uns an der Bar ein Bier getrunken hat. Der verstorbene SVP-Nationalrat Alfred Heer sass gelegentlich bei uns am Tresen. Auch Dieter Meier, die Stimme der Elektroband Yello, war schon Gast bei uns. Mir ist jedoch wichtig, dass jeder Gast gleich behandelt wird, egal wie viel Geld er auf dem Bankkonto hat.

Sie haben bestimmt noch andere lustige Geschichten auf Lager, die Sie zum Besten geben können.

Da muss ich kurz überlegen … Also gut: Vor einigen Jahren war Michael von der Heide gemeinsam mit Paola Felix bei uns zu Gast. Michael ist ein langjähriger Freund von mir. An besagtem Abend rief er mich an und fragte, ob er zusammen mit Paola vorbeikommen könne. Paola bräuchte allerdings einen Parkplatz für ihr Auto.

Wie ging es weiter?

Eine Stunde später fuhr Paola Felix mit ihrem Mercedes vor und parkierte auf unserem Parkplatz im Hinterhof. Danach sassen die beiden in unserem Gärtli. Als ich einmal zu ihnen an den Tisch ging, lachte Paola und sagte zu mir im breitesten St. Galler Dialekt: «Das ist so nett von dir, lieber Daniel, dass ich bei dir im Hinterhof parkieren durfte.»

Was wird Ihnen am meisten fehlen, wenn Sie die Tür Ihrer Bar am 4. April zum letzten Mal abschliessen werden?

Natürlich werde ich viele Gäste vermissen, die in all den Jahren zu Freunden geworden sind. Und was ich auch vermissen werde, sind die Gespräche mit sympathischen Überhöcklern, die gelegentlich bis in die frühen Morgenstunden gedauert haben.


Mehr Videos aus dem Ressort

Biker vs. Hundehalter: «Ein Velofahrer schlug meiner Freundin ins Gesicht» – «Es hat einige verrückte Hündeler»

Biker vs. Hundehalter: «Ein Velofahrer schlug meiner Freundin ins Gesicht» – «Es hat einige verrückte Hündeler»

Frei laufende Hunde und Velofahrer*innen – das birgt Konfliktpotenzial. Besonders kompliziert ist auf der Allmend in Zürich. Zusammenstössen und verbale Übergriffe gehören dort zur Tagesordnung. blue News war vor Ort.

26.06.2025