Darum hassen viele Kinder Tagesschulen

28.6.2018 - 13:37, Marianne Siegenthaler

Angeblich sind sie klüger, sozialer, konzentrierte, integrierter und können sogar die Schuhe besser binden: Kinder, die eine Tagesschule besuchen.
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Daheim «Zmittag» essen? Damit soll bald Schluss sein für viele Schülerinnen und Schüler, wenn mancherorts in der Schweiz Tagesschulen eingeführt werden. «Bluewin»-Redaktorin Marianne Siegenthaler fragt sich, was die betroffenen Kinder davon halten.

Angeblich sind sie klüger, sozialer, konzentrierte, integrierter und können sogar die Schuhe besser binden: Kinder, die eine Tagesschule besuchen, sind sozusagen bessere Kinder.

Grund genug, das Modell in möglichst vielen traditionellen Schulen umzusetzen. Die Kinder sind dann von morgens bis abends versorgt, die Mamis können endlich wieder in ihren Beruf einsteigen und Karriere machen. Die Väter müssen kein schlechtes Gewissen mehr haben, weil sie nicht Teilzeit arbeiten, um bei der Kinderbetreuung mitzuhelfen.

Lehrpersonen lernen Schülerinnen und Schüler auch ausserhalb des Unterrichts kennen, was die Beziehung enorm verbessert. Und nicht zuletzt freut sich auch das Bundesamt für Gesundheit. Endlich kommt weniger Salz, Zucker, Fett, Fleisch und anderes Böses auf den Teller und Übergewicht und Unkonzentriertheit ist bei den Kindern und Jugendlichen bald kein Thema mehr.

Rechnung ohne Betroffene gemacht

Blöd nur, hat man die Rechnung ohne die Betroffenen gemacht. Als meine Tochter noch zur Schule ging, gab es da zwar keine Tagesschule, aber einen Mittagstisch. So waren die Kinder praktisch den ganzen Tag über in der Schule betreut. Und ich hatte mehr Freiheiten in der Gestaltung meines Arbeitstags.

Allerdings war dann recht schnell fertig mit Mittagstisch. «Das Essen ist grusig und manche essen mit den Fingern, wäck. Und zum Harry-Potter-Lesen ist es viel zu laut, denn da schreien immer alle rum. Ich komme lieber wieder heim zum Zmittag.» Das ist ein paar Jahre her, und ich dachte, meine Tochter ist wohl die Ausnahme. Ist sie nicht.

Für die Tagesschulkinder gibt es aber kein Pardon. Konkret: Max hat keine Wahl, er muss mit den anderen Kindern essen gehen.
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Inzwischen gibt es eine Umfrage, die die Begeisterung für Tagesschulen massiv in Frage stellt. Im Zürcher Kreis 9 wurden Schülerinnen und Schüler kurz vor der Abstimmung «Tagesschule 2025» befragt. Zur Info: Die Stadtzürcher haben am 10. Juni den Kredit gutheissen, somit kann die Stadt ab 2019 weitere 24 Schule gestaffelt in Tagesschulen überführen.

Und jetzt kommt der Hammer: Sage und schreibe 68 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler wollen gar keine Tagesschule. Hoppla! Was tun? Eilends wurde eine Informationsveranstaltung einberufen – worauf 76 Prozent die Tagesschule ablehnten.

Für Tagesschulkinder gibt es kein Pardon

Wen wundert’s? Stellen Sie sich vor, Sie müssten nicht nur acht Stunden täglich im Büro, im Ladengeschäft oder in der Werkstatt verbringen. Nein. Sie würden zusätzlich gezwungen, mit Ihren Arbeitskolleginnen und -kollegen in die Kantine zu gehen. Und das Tag für Tag. Möglicherweise haben Sie Glück und mögen Ihre Arbeitskollegen. Dann ist der «Zwangszmittag» zu ertragen. Wenn nicht, dann suchen Sie sich einfach einen anderen Ort, wo Sie zumindest während Ihrer Mittagspause Ruhe vor den Kollegen haben.

Für die Tagesschulkinder gibt es aber kein Pardon. Konkret: Max hat keine Wahl, er muss mit den anderen Kindern essen gehen. Auch mit Jan-Dimitri, der ihm immer nach dem Turnen die Kleider versteckt. Und mit Laura, die sich über seine Frisur lustig macht. Und mit Oliver, der mit Schlägen droht, wenn rauskommt, dass er die Klotür mit wasserfestem Filzstift vollgekritzelt hat.

2017 kamm eine Studie mit 2000 Schülern in Tagesschulen aus 13 Kantonen nach zwei Jahren zum Schluss, dass es keine Unterschiede in der sozialen und emotionalen Entwicklung zwischen Tagesschülern und anderen Kindern gibt.
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Und auch Marie, die sich in grossen Gruppen – egal, ob Kinder oder Erwachsene – nicht wohl fühlt, muss da durch. Auch wenn sie viel lieber daheim wäre und die Katze streicheln würde. Und wem kann man erzählen, dass die Lehrerin eine blöde Kuh ist, der Kevin gemein war und auf der Strasse ein toter Fuchs liegt? Niemandem. Und das ist traurig.

Kantinenessen schmeckt vielen nicht

Und dann ist da noch die Sache mit dem Essen. Eine Online-Umfrage von vitagate.ch hat ergeben, dass 69 Prozent der User das Kantinenessen ganz und gar nicht schmeckt. 

Da liegt es doch auf der Hand, dass das Essen auf dem Mittagstisch für Kinder und Jugendliche auch nicht überall Anklang findet. Gerade Kinder sind erfahrungsgemäss recht heikel, und «gesunde» Nahrungsmittel meiden sie oft wie der Teufel das Weihwasser. Blumenkohl, Salat & Co. bleiben dann auf dem Teller liegen, und auch auf Quorn-Schnitzel oder Tofu-Burger verzichten manche Kinder noch so gerne.

Statt ausgewogen ernährt sind sie dann hungrig beziehungsweise essen Müsliriegel, Schoggistängeli oder Chips, die sie vorsichtshalber  auf dem Schulweg schon mal gekauft haben. Wenn dann das Essen endlich vorüber ist, geht der Stress erst richtig los. Denn statt einfach mal seine Ruhe zu haben, steigt der Geräuschpegel massiv an.

Kein Wunder, schliesslich will sich jeder behaupten, und wenn er dazu schreien muss. Und herumrennen. Und sich produzieren. Und andere bei irgendwelchen Beschäftigungen stören. Einfach nervig. Da ist doch manch ein Kind geradezu froh, wenn der Unterricht wieder beginnt.

Schulleistungen sind nicht besser

Übrigens: Die Studie aus dem Jahr 2010, die die angeblichen Vorteile der Tagesschule wie bessere Schulleistungen und Sozialverhalten attestiert hat, wurde inzwischen widerlegt. 2017 kommt eine Studie mit 2000 Schülern in Tagesschulen aus 13 Kantonen nach zwei Jahren zum Schluss, dass es keine Unterschiede in der sozialen und emotionalen Entwicklung zwischen Tagesschülern und anderen Kindern gibt.

Und auch die Schulleistungen waren nicht besser. So gesehen ist die Tagesschule nicht mehr und nicht weniger als einfach ein Modell, bei welchem Kinder den ganzen Tag betreut sind, was für Eltern und in der Regel Mütter mehr Freiheit bedeutet. Wenn’s dem Kind gefällt, kein Problem. Wenn nicht, sind Eltern gefordert.

Und glauben Sie mir: Wer je sein Kind wie ein Häufchen Elend am Mittagstisch in der Schule hat höckeln sehen, der findet eine andere Lösung.

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