Bötschi fragt Georgine Kellermann «Der liebe Gott hat die falsche Verpackung für mich gewählt»

Bruno Bötschi

29.6.2024

«Das Doppelleben kostet in der Tat viel Energie und es war nie reizvoll. Ein Doppelleben ist vertane Zeit, während man die Rolle spielen muss»: Georgine Kellermann.
«Das Doppelleben kostet in der Tat viel Energie und es war nie reizvoll. Ein Doppelleben ist vertane Zeit, während man die Rolle spielen muss»: Georgine Kellermann.
Bild: Keystone

Mit 62 machte Georgine Kellermann öffentlich, trans zu sein. Jetzt blickt sie in ihrer Autobiografie zurück. Ein Gespräch über ihr Doppelleben, fehlenden Mut – und warum sie trotzdem ein glückliches Leben hat.

Bruno Bötschi

29.6.2024

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Der deutsche Journalist Georg Kellermann führte beruflich jahrzehntelang ein Doppelleben, denn privat lebte Georgine Kellermann schon lange als Frau.
  • Kellermann fuhr in Pumps mit dem Auto bis in die Tiefgarage und war im Büro dann wieder ein Mann. Mit 62 Jahren, also vor vier Jahren, machte sie öffentlich, trans zu sein.
  • In der Autobiografie «Georgine – Der lange Weg zu mir selbst» erzählt die Autorin jetzt darüber, wie ein Mensch es schaffen kann, sich mit der Vergangenheit zu versöhnen – und in der Gegenwart glücklich zu sein.
  • «Es ist aber nicht so, dass ich das Leben als Georg nicht gemocht hätte – seit meinem Outing ist es aber noch viel schöner geworden», sagt Georgine Kellermann im Gespräch mit blue News.
  • Der zweite Teil des Gesprächs mit Georgine Kellermann erscheint am Sonntag, 16. Juni.

Frau Kellermann, sind Sie ein mutiger Mensch?

Ich bin nicht mutig – aber ich spüre, wenn ich vorsichtig sein muss.

Über 40 Jahre führten Sie ein Doppelleben, im Beruf waren Sie als Mann unterwegs, privat lebten Sie als Frau – nerven Sie sich heute manchmal darüber, dass Sie nicht mutiger waren und Ihr Coming-out früher gewagt haben?

Ich glaube, das hat nichts mit Mut zu tun, sondern mit Vorsicht. Versetzen Sie sich einmal zurück in die Zeit vor 40 Jahren, dann werden Sie merken, dass es damals für mich nicht möglich gewesen wäre, zu sein, wer ich bin, und beruflich das weiter zu tun, was ich getan habe.

Ich stelle mir ein Doppelleben kompliziert vor – allein schon der häufige Kleiderwechsel. Kostete das viel Energie – oder war es vielleicht auch hin und wieder reizvoll?

Ein Doppelleben kostet in der Tat viel Energie. Und es war nie reizvoll. Ein Doppelleben ist vertane Zeit, während man die Rolle spielen muss. Es ist aber nicht so, dass ich das Leben als Georg nicht gemocht hätte – seit meinem Outing ist es aber noch viel schöner geworden.

In Ihrer Autobiografie «Georgine – Der lange Weg zu mir selbst», die dieser Tage erschienen ist, schreiben Sie, dass Sie schon vor Ihrer Pubertät gespürt hätten, dass Sie anders sind als andere Kinder. Können Sie diese Gefühle in Worte fassen?

Zum Autor: Bruno Bötschi
blue News

blue News-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland. Er stellt ihnen ganz viele Fragen – immer direkt, oft lustig und manchmal auch tiefsinnig. Dabei bleibt bis zur allerletzten Frage immer offen, wo das rasante Pingpong hinführt.

Es fällt mir schwer, dies in Worte zu fassen – und ich bin sicher, ich hätte auch als Kind Schwierigkeiten gehabt, diese Gefühle mit Worten auszudrücken. Ich denke, um diesen Zustand erklären zu können, braucht es einen gewissen Erfahrungsgrad.

Als ich Kind war, existierte das Wort «trans» noch gar nicht und Menschen wie ich gab es damals erst vereinzelt. Ende der 1970er-Jahre wurde das Thema «trans» zum ersten Mal in den Zeitungen besprochen – und das oft in süffisanter Form …

… wahrscheinlich so ähnlich wie früher die Medien in ihren Berichterstattungen über die CSD- und Pride-Veranstaltungen oft nur Dragqueens und andere schrille Paradiesvögel zeigten, obwohl die queere Community genauso vielfältig ist wie der Rest der Menschheit.

Das irritierte mich auch immer, obwohl ich die bunte und schrille Art von vielen Dragqueens grossartig finde. Vor meinem Outing nahm ich jedoch nie an queeren Demonstrationen teil.

Wieso nicht?

Wäre ich da hingegangen, hätte ich es als Georgine getan. Doch das traute ich mich nicht.

In Ihrer Autobiografie beschreiben Sie, wie Sie sich als Teenager am Kleiderschrank Ihrer Mutter ausgetobt haben – bis Sie erwischt wurden.

Das Erwischtwerden war vor allem deshalb ein Drama, weil ich in dem Moment realisierte: Ich darf nicht ich sein. Mir wurden keine Konsequenzen angedroht, aber mir war sofort klar: Diese Geschichte ist vorbei.

Wieso?

Bereits am nächsten Tag sprachen meine Eltern nicht mehr über den Vorfall. Es war so, als wäre nichts passiert. Jahre später erklärte mir meine Mutter, dass sie damals nichts über das Thema «trans» gewusst habe. Für mich hörte sich das wie eine Entschuldigung an. Die war aber nicht nötig.

Warum nicht?

Meine Mutter ist 1930 auf die Welt gekommen. Sie konnte nicht wissen, dass es unterschiedliche Identitäten gibt.

«Habe ich mir schon gedacht. Mutter machte immer so komische Andeutungen», soll Ihr Vater trocken gesagt haben, als Sie ihn Mitte der 80er-Jahre zu einem Essen einluden und sich vor ihm outeten.

Wir haben an dem Abend sehr lecker gegessen, bis ich irgendwann sagte: «Hör mal, Papa, ich bin eine Frau.»

Hatten Sie das so geplant?

Nein.

Was machte die Reaktion Ihres Vaters mit Ihnen?

Das war keine böse Absicht. So war der Vati einfach.

«Das Erwischtwerden war vor allem deshalb ein Drama, weil ich in dem Moment realisierte: Ich darf nicht ich sein»: Georgine Kellermann.
«Das Erwischtwerden war vor allem deshalb ein Drama, weil ich in dem Moment realisierte: Ich darf nicht ich sein»: Georgine Kellermann.
Bild: Keystone

Im Vorwort Ihres Buches schreiben Sie, niemand von Ihren Freundinnen und Freunden habe Sie abgelehnt oder enttäuscht, nachdem Sie Ihnen Ihr Geheimnis erzählt hatten. Überraschte Sie das?

Ich war begeistert darüber, dass meine Sorgen unbegründet waren – überrascht hat es mich aber nicht wirklich. Mit jedem Mal wurde das Outing zudem einfacher.

Wann spürten Sie, dass Sie einem Menschen Ihr Geheimnis erzählen können?

Das war einfach ein Gefühl. Das Vertrauen überwog das Misstrauen.

Viele trans Menschen erleben nach Ihrem Coming-out Zurückweisung – etwa in der Arbeitswelt. Sie waren ARD-Korrespondent in Washington und Paris. War dies der Hauptgrund, dass Sie jahrelang im Beruf als Mann lebten, weil Sie glaubten, Ihren Job zu verlieren?

Ja, das war meine grösste Sorge. Ich mochte meinen Korrespondenten-Job für mein Leben gern und fürchtete, dass dies als Georgine nicht mehr möglich sein würde. Ich habe einmal mit einem Komiker, der ebenfalls für die ARD tätig war, gesprochen. Er sagte mir, dass man ihm einst abgeraten habe, sein Schwulsein öffentlich zu machen.

Hat Sie diese dieses Gespräch darin bestätigt, in jungen Jahren Ihre Seele nicht nach aussen gekehrt zu haben?

Durchaus. Mir ist auch bewusst, dass die Toleranz in der Gesellschaft irgendwann erschöpft ist. Ich spüre das auch heute wieder, wenn gewisse Kreise sagen, es reiche jetzt mit dem Thema «trans». Deshalb bin ich der Überzeugung, dass es gut ist, wenn man mit seinen Forderungen hin und wieder eine gewisse Vorsicht walten lässt.

Ich sage meinen trans Freundinnen jeweils, wenn sie unfair kritisiert werden, sie sollen einfach sagen: «Und übrigens, ich zahle Steuern wie jeder andere Mensch in diesem Land auch.»

(Lacht) Das ist völlig richtig.

Ihr Coming-out hatten Sie mit 62, also vor vier Jahren, nach einer Begegnung mit einer Arbeitskollegin am Bahnhof. Die Frau erkannte Sie trotz Make-up und Frauenkleidern. Was ist damals in Ihrem Kopf geschehen?

Nachdem die Kollegin mich gefragt hat «Herr Kellermann, sind Sie verkleidet?», antwortete ich reflexartig mit: «Nein, ich bin eine Frau.» Als die Kollegin nach einer Sekunde des Verarbeitens mit dem Wort «Cool» antwortete, klang das wie eine Bestätigung.

Kurz danach outeten Sie sich über eine Facebook-Seite. War das auch ein Reflex?

Nein, darüber habe ich während der Zugfahrt von Düsseldorf zum Frankfurter Flughafen sehr genau nachgedacht. Gleichzeitig fing ich mit dem Erstellen der Facebook-Seite an. Kurz bevor ich aus dem Zug gestiegen bin, ging ich nochmals in mich – und dann habe ich entschieden: Das mache ich jetzt. Kaum war die Seite online, gab es auch bereits die ersten Likes. Aus Erzählungen weiss ich zudem, dass im Hintergrund die Drähte sofort heissgelaufen sind und sich einige Menschen gefragt haben: Ist sie das wirklich? Oder ist alles ein Fake?

Woher nahmen Sie nach 62 Jahren plötzlich diesen Mut dazu?

Ich weiss es nicht.

«Mir ist auch bewusst, dass die Toleranz in der Gesellschaft irgendwann erschöpft ist. Ich spüre das auch heute wieder, wenn gewisse Kreise sagen, es reiche jetzt mit dem Thema ‹trans›»: Georgine Kellermann.
«Mir ist auch bewusst, dass die Toleranz in der Gesellschaft irgendwann erschöpft ist. Ich spüre das auch heute wieder, wenn gewisse Kreise sagen, es reiche jetzt mit dem Thema ‹trans›»: Georgine Kellermann.
Bild: Ullstein

Was fühlten Sie am Morgen, als Sie zum ersten Mal als Leiterin des WDR-Landesstudios Essen, also als Frau, zur Arbeit gegangen sind?

Es fühlte sich wie Fliegen an. Ich weiss noch, dass ich mit dem Auto ins Büro fuhr. An die Musik im Radio kann ich mich nicht mehr erinnern, aber daran, dass ich völlig gelassen war. Ich sog jede Sekunde der Fahrt auf.

Wie haben Sie Ihre Arbeitskolleg*innen empfangen?

Es war wie immer: Ich machte die Türe auf und wir grüssten uns gegenseitig. Ich habe auch nicht registriert, dass ich speziell beobachtet worden wäre. An diesem Montag wurde bei uns auf der Redaktion ein neues Dienstplan-Modell umgesetzt. Deshalb hatten viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter neue Aufgaben zu übernehmen und nicht gross Zeit, über Georgine nachzudenken. Am nächsten Tag haben wir dann aber eine Konferenz organisiert.

Hatten die Mitarbeiter*innen viele Fragen an Sie?

Zuerst gab es Applaus.

Wurde geklatscht, weil man musste?

Es war ein sehr warmherziges Klatschen. Und das hat sich bis heute auch nicht verändert. Natürlich gab es auch Fragen … oder besser gesagt: Es gab viele Ermunterungen – auch von Menschen, mit denen ich bis dahin nur wenig zu tun hatte. Das war besonders schön.

Unschöne Reaktionen gab es keine?

Nein.

Es heisst, dass trans Menschen eine Art zweite Pubertät durchlaufen würden. Nicht nur eine körperliche, sprich durch eine allfällige Hormontherapie, sondern auch durch das, was sie neu lernen müssen: Was sind die Codes unter Frauen? Gibt es Regeln in der Umkleidekabine? Wer brachte Ihnen das alles bei?

Ich sage immer, der liebe Gott hat die falsche Verpackung für mich gewählt. Deshalb setze ich alles daran, die nicht auch noch an Orten wie Schwimmbädern oder Saunen vorzuführen. In einem offenen See gehe ich schwimmen. Das kriege ich hin. Aber in Frauen-Umkleidekabinen gehe ich nicht.

Das heisst, Sie würden auch nicht in eine Frauen-Badeanstalt gehen?

Das würde ich nur tun, wenn dort wirklich alle Frauen sagen würden: «Georgine, komm mit.»

Werden Sie heute als Frau von Ihren Mitmenschen anders behandelt?

Im direkten Kontakt merke ich davon nichts. Wenn ich hingegen die Kommentare unter der Berichterstattung über meine Biografie lese, frage ich mich manchmal: Wie kann ein normaler Mensch so etwas Schreckliches schreiben?

In Ihrer Autobiografie schreiben Sie über einen Vorfall in München. Im Oktober 2021 waren Sie dort zu den Medientagen eingeladen, um über die Sichtbarkeit von Transgender und Queerness in den deutschen Medien zu sprechen.

Den Weg zurück von der Veranstaltung ins Hotel ging ich zu Fuss. Auf der Strasse war viel Verkehr. Für die Autos ging es nur im Schritttempo voran. Im Stau näherte sich ein Mannschaftsbus der Münchner Polizei. Ich spürte, dass ich für Fahrer und Beifahrer von besonderem Interesse war. Die Polizisten liessen mich nicht aus den Augen und hatten offensichtlich Spass. Erst wollte ich weitergehen. Doch dann entschied ich, dass ich mir dieses Verhalten nicht bieten lassen wollte.

Wie ging es weiter?

Ich drehte mich um und ging geradewegs auf den Bus zu. Das Fenster wurde daraufhin schnell geschlossen. Wegfahren konnten die Polizisten nicht, der Stau hinderte sie daran. Ich klopfte also an die Scheibe und bat, das Fenster wieder zu öffnen. Als die Scheibe unten war, sagt ich zu den Polizisten, dass ihr Verhalten absolut respektlos sei. Niemand im Bus sagte etwas. Dann bin ich weitergegangen.

Später verfassten Sie dazu auf X folgenden Tweet: «Ist das normal, liebe Polizei München, dass sich die Beamten im Mannschaftsbus über Menschen wie mich lustig machen? Ich bin hingegangen und habe ihnen gesagt, dass ihr Verhalten respektlos ist ... Danke!»

Tausende von X-Usern versahen meinen Tweet mit einem Herzchen. Die Solidarität war überwältigend und auch die Polizei München meldete sich bei mir: «Es ist weder normal noch akzeptabel, sich über irgendjemanden lustig zu machen. Wir würden der Angelegenheit gerne nachgehen. Bitte senden Sie uns dafür doch den Ort … wo sich die Situation ereignet hat.»

Haben Sie das getan?

Nein.

Warum nicht?

Es ging mir nicht darum, die Menschen aus dem Bus zu disziplinieren. Es ging mir darum, für mehr Respekt zu werben und dafür, dass alle Menschen ihre Lebensentwürfe leben können.

Hat sich einer der Polizisten aus dem Mannschaftswagen später bei Ihnen gemeldet?

Nein – aber das verstehe ich.

Die Beamten hätten damit Grösse bewiesen.

Das stimmt. Für mich ist diese Sache aber so oder so gut ausgegangen.


Der zweite Teil des Gesprächs mit Georgine Kellermann erscheint am Sonntag, 16. Juni, auf blue News.

«Georgine – Der lange Weg zu mir selbst», Georgine Kellermann, 288 Seiten, Ullstein Verlag, ca. 27 Fr.


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