Der Strichpunkt – warum niemand das Zeichen setzt

Mark Salvisberg

16.9.2020 - 17:18

Das Semikolon wird nach eigenem Gutdünken gesetzt.
Bild: Getty Images

Böse Zungen behaupten, der Strichpunkt sei nur wegen des Zwinker-Smileys noch nicht tot. Der Sprachpfleger ist anderer Ansicht und wirbt für den Einsatz des «Kompromisszeichens».

Der Strichpunkt (das Semikolon, Mehrzahl Semikola, nicht zu verwechseln mit der Light-Version einer koffeinhaltigen Limonade) ist etwas Besonderes: Mit ihm werden Sätze oder Wortgruppen nicht ganz so hart beziehungsweise nicht ganz so weich voneinander getrennt. Durch diese mässigende Funktion ist er richtiggehend zwischen Punkt und Komma gefallen.

Das Satzzeichen der goldenen Mitte

Der Strichpunkt wird bei gleichrangigen Sätzen verwendet, wenn diese stärker voneinander abgegrenzt werden sollen als mit einen Komma, aber nicht so stark wie mit einem Punkt. Wann dies der Fall ist, liegt im Ermessen des Verfassers. Nachfolgend finden Sie einige Beispiele. Häufig steht der Strichpunkt vor Wörtern wie dagegen, denn, deshalb und doch. Die Sätze müssen nicht dasselbe Subjekt haben:

Das Home-Office hat sich bestens bewährt; denn man arbeitet einfach konzentrierter. Mein Bruder hatte verschlafen; deshalb kam er etwas später. Der normale Kaffee war ausgegangen; so mussten wir mit koffeinfreiem vorliebnehmen.

Bei Aufzählungen fällt die Wahl manchmal auf den Strichpunkt, um Gleichartiges zu verdeutlichen: Für die morgige Party benötigen wir noch Bier, Eistee und Mineralwasser; Cracker, gesalzene Nüsse und Chips; Holzbesteck und Kartonteller.

Der «weiche Punkt» ist aus der Mode gekommen

Wer schreibt, hat offenbar immer weniger Lust, mit «alternativer Zeichensetzung» gefühlte Nuancen sichtbar zu machen. Das zeigen auch die Zahlen: Meine Kurzanalyse des ersten Teils von Goethes «Faust» ergab ein Mehrheitverhältnis des Kommas gegenüber dem Strichpunkt von rund 10:1. Der amerikanische Statistiker Tyler Vigen hat eruiert, dass Jane Austen in ihrem 1811 erschienenen Roman «Sense and Sensibility» in jedem dritten Satz ein Semikolon gesetzt hatte. Fast 200 Jahre später verwendete Stephenie Meyer in ihrem 2005 erschienenen Roman «Twilight» nur in jedem 55. Satz ein solches. Dieses Dazwischen-Zeichen wird heute wohl schlicht als unmodern betrachtet: Nur Anführungsstriche, Apostrophe und Klammern sieht man seltener.

Sicher, das Semikolon kann durch einen Punkt oder ein Komma ersetzt werden. Weder gehen Informationen verloren, noch entstehen Missverständnisse. Es muss somit niemand einen Strichpunkt setzen – genauso wenig aber muss man verschiedenfarbige Hemden oder Röcke tragen. Wie schön, dass man es trotzdem tut und dadurch das Leben facettenreicher gestaltet.

Gross oder klein weiter?

Punkt, Ausrufe- sowie Fragezeichen markieren das Satzende; ergo wird danach grossgeschrieben. Dies ist beim Strichpunkt nicht der Fall; er ist kein Schluss-Zeichen, deshalb geht es wie nach einem Komma klein weiter.

Das Semikolon ist zweifellos ein Merkmal sprachlicher Reichhaltigkeit. Das ist etwas Gutes. Wir alle wünschen uns manchmal etwas Luxus; setzen wir dafür hin und wieder ein Zeichen.

Zur Person: Mark Salvisberg war unter anderem als Werbetexter unterwegs. Der Absolvent der Korrektorenschmiede PBS überarbeitet heute täglich journalistische Texte bei einer grösseren Tageszeitung.

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