Auswanderer-Kolumne Der (vielleicht) letzte Text über mein Leben in Portugal

Bruno Bötschi

1.2.2026

Im Februar 2022 zog blue News Kolumnistin Michelle de Oliveira zusammen mit ihrer Familie nach Portugal.
Im Februar 2022 zog blue News Kolumnistin Michelle de Oliveira zusammen mit ihrer Familie nach Portugal.
Bild: Privat

Seit vier Jahren lebt die blue News Kolumnistin in Portugal. Die anfängliche Aufregung ist einem ganz normalen Alltag gewichen. Das ist schön, wirft aber auch eine grosse Frage auf.

Michelle de Oliveira

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Vor vier Jahren zog blue News Kolumnistin Michelle de Oliveira zusammen mit ihrer Familie nach Santa Cruz an der portugiesischen Atlantikküste.
  • Seit dem Wegzug aus der Schweiz hat sie so Einiges erlebt: Erstaunliches, Erschreckendes und Herzerwärmendes.
  • Das Leben in Portugal ist mittlerweile aber auch ihr ganz normales Leben. So normal, dass sich de Oliveira manchmal fragt: Wünschen wir uns bald wieder eine Veränderung?

Sind es eigentlich vier oder fünf Jahre? Das fragten mein Mann und ich uns neulich – und mussten einen Moment überlegen.

Tatsächlich ist es ziemlich genau vier Jahre her, dass wir von Zürich nach Santa Cruz, einem kleinen Dorf an der portugiesischen Atlantikküste, ausgewandert sind.

Obwohl mir dieser Begriff schon immer eine Nummer zu gross war. Auch wenn ich in der Schweiz abgemeldet bin, keine AHV und keine Pensionskasse einzahlen kann und offiziell «Auslandschweizerin» bin.

Zur Person: Michelle de Oliveira
Bild: Privat

Michelle de Oliveira ist Journalistin, Yogini, Mutter und immer auf der Suche nach Balance – nicht nur auf der Yogamatte. Ausserdem hat sie ein Faible für alles Spirituelle. In ihrer Kolumne berichtet sie über ihre Erfahrungen mit dem Unfassbaren, aber auch aus ihrem ganz realen Leben mit all seinen Freuden und Herausforderungen. Sie lebt mit ihrer Familie in Portugal.

Für mich war es immer mehr ein «Umziehen» als ein «Auswandern», sicherlich auch deshalb, weil Portugal die Heimat meines Mannes ist.

Mittlerweile finde ich den Begriff aber wirklich unpassend. Auswandern verbinde ich automatisch mit Aufbruch, Ausnahme und Aufregung – hier herrscht mittlerweile vor allem ganz normaler Alltag.

Das Leben in Portugal tickt eine Spur langsamer

Ein meist wunderbarer Alltag, wohlverstanden. Es gibt so vieles, was ich nicht mehr missen möchte:

Der Anblick des Meeres, die Nähe zur Natur, die Ruhe, die Sonne, die (ausser gerade im Januar) häufiger scheint, die milderen Temperaturen.

Die langen Strandspaziergänge mit unserem Hund. Die Tatsache, dass Kinder im öffentlichen Raum einen festen Platz einnehmen, dazugehören und auch einmal laut sein dürfen.

Dass das Leben hier für uns eine Spur langsamer tickt. Dass wir zwei Länder als unsere Heimat bezeichnen können. Vieles, was zu Beginn neu und gewöhnungsbedürftig war, bemerke ich kaum noch. Sie gehören jetzt zu meinem Alltag, zu meinem Leben.

Ich habe mich daran gewöhnt, dass die kalten, regnerischen Wintertage mühsam und feucht sind und dass ich, wenn ich mich wenigstens ein bisschen aufwärmen will, besser nach draussen gehe.

Die meisten Häuser – auch unseres – haben keine Heizung und sind so schlecht isoliert, dass der Wind durchpfeift und kleine Elektroöfen nur bedingt helfen.

Das kollektive Jammern wärmt die Seele

Wenn die Temperaturen nachts auf drei, vier Grad sinken, macht das Aufstehen am Morgen in einem heruntergekühlten Haus wirklich keinen Spass.

Aber: Es geht hier fast allen gleich, das kollektive Jammern darüber wärmt immerhin die Seele etwas.

Es ist für mich normal, dass ich im öffentlichen Raum Portugiesisch sprechen muss und manchmal richtig gut und manchmal überhaupt nicht verstanden werde. Dass meine Kinder ihre Schulaufgaben auf Portugiesisch machen und ich beim Konjugieren der Verben nur mit der Unterstützung aus dem Internet fehlerlos helfen kann.

Dass ich grösser bin als die meisten Menschen und dass meine rothaarigen Kinder eine Attraktion sind. Dass ich als Vegetarierin in Restaurants häufig ratlos angeschaut werde, man mir dann einen Salat mit Crevetten oder Speckwürfeln anbietet und erstaunt sagt: «Ach, das isst du auch nicht?»

Wünschen wir uns bald wieder eine Veränderung?

Es ist normal, dass ich hier sehr viel Auto fahre und fast nie die öffentlichen Verkehrsmittel benutze. Für die Kinder zählte das Tramfahren in den letzten Schweiz-Ferien zu den Höhepunkten, sie reden regelmässig davon und freuen sich schon auf das nächste Mal.

Ich wundere mich nicht mehr, wenn eine Schafherde die Strasse blockiert und für Stau sorgt. Ich trinke Espresso, während ich am Tresen im Kaffee stehen bleibe. Ich sage oft «Vai correr tudo bem» – Es wird alles gut gehen.

Auch für meine Familie und meine Freund*innen in der Schweiz ist es einfach so: Ich lebe hier.

Wir sehen uns viel seltener, sind uns aber dank Textnachrichten, Sprachnotizen und Videotelefonie so nah wie es nur geht. Und geniessen die gemeinsame Zeit umso mehr.

Das Leben in Portugal ist mittlerweile einfach unser alltägliches, normales Leben. So gewöhnlich, dass es mir scheint, es gäbe kaum noch darüber zu schreiben.

So normal, dass wir uns manchmal fragen: Wünschen wir uns bald wieder eine Veränderung?


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