Hüttenwartin über den Klimawandel «Die Berge sind wunderschön, sie können aber auch brutal sein»

Noemi Hüsser (Text), Adrian Kammer (Video)

1.8.2025

Hüttenwartin über den Klimawandel in den Bergen: «Die Berge sind wunderschön, sie können aber auch brutal sein»

Hüttenwartin über den Klimawandel in den Bergen: «Die Berge sind wunderschön, sie können aber auch brutal sein»

Mitten in der idyllischen Bergwelt rund um die Tschiervahütte zeigt sich der Klimawandel mit voller Wucht. Hüttenwartin Caroline Zimmermann erlebt dort, wie sich die Alpen und damit auch ihr Alltag in der Hütte verändern.

22.07.2025

Ein gigantischer Felssturz veränderte das engadiner Val Roseg – und den Alltag auf der Tschiervahütte. Hüttenwartin Caroline Zimmermann erlebt dort, wie der Klimawandel die Alpen und ihren Alltag verändert.

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Noemi Hüsser (Text), Adrian Kammer (Video)

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Caroline Zimmermann lebt seit 25 Jahren jeden Sommer auf der Tschiervahütte, wo sie die Schönheit der Berge, aber auch deren Wandel durch den Klimawandel erlebt.
  • Der Klimawandel beeinflusst die Arbeit auf der Hütte: Die Saison wird kürzer, Wetterextreme erschweren die Planung, der Permafrost taut auf und macht Berge instabil.
  • Besonders deutlich wurde dieser Wandel im April 2024 durch einen massiven Bergsturz, der Spuren im Val Roseg im Kanton Graubünden hinterliess und Touren auf umliegende Gipfel veränderte.
  • Auch wirtschaftlich wird es schwieriger, da viele Gäste kürzer bleiben und nicht mehr alle Gipfel besteigen.

Auch nach 25 Jahren gibt es Momente, in denen Caroline Zimmermann von den Bergen überrascht wird. Etwa, wenn im Juli mehrere Zentimeter Schnee fallen. Dann steht sie auf der Terrasse der Tschiervahütte, wirft eine Handvoll Schnee in die Luft, die ihr Hund Jack noch in der Luft fängt, und sagt: «Dass es im Juli so schneit, ist sehr, sehr selten.»

Caroline Zimmermann ist Hüttenwartin der Tschiervahütte, am Fusse des Piz Tschierva bei Pontresina GR. «Die Bergwelt ist wunderschön hier», sagt sie auf der Terrasse vor ihrer Hütte, und erzählt davon, wie es sie schon als Kind mit den Eltern in die Berge zog.

Nach ihrer Lehre zur Augenoptikerin hat sie neun Jahre lang auf verschiedenen Hütten im Engadin und Berner Oberland gearbeitet – bis sie auf der Tschiervahütte blieb. Heute ist sie 53 Jahre alt und seit 25 Jahren jeden Sommer hier, von Juni bis Oktober. Im Winter arbeitet sie in St. Moritz in einem Fünfsternhotel als Floristin.

Wer einen Job schon so lange macht, der weiss auch von den Veränderungen, die in der Zeit passieren. Zimmermann weiss von Ansprüchen der Gäste, die höher geworden sind: Sie wollen weniger Massenlager, dafür mehr Privatsphäre und mehr Luxus. Oder davon, dass im Vergleich zu früher die Menschen heute viel mehr E-Mails schreiben.

«Wir sind extrem vom Wetter abhängig»

Caroline Zimmermann

Hüttenwartin Tschiervahütte

Und Caroline Zimmermann spürt hier, auf 2584 Metern über Meer, auch sehr konkret die Auswirkungen des Klimawandels. Es sind Temperaturen, die steigen, es ist das Wetter, das immer unberechenbarer wird. Dieses Jahr stieg die Nullgradgrenze im Juni seit Messbeginn 1954 erstmals über 5000 Meter.

«Wir sind extrem vom Wetter abhängig», sagt Zimmermann. Wenn es nach einem sehr heissen Juni plötzlich schneit, werden die Berge gefährlicher. Bergsteiger*innen müssen Touren absagen oder verschieben. Für Zimmermann wird so die Planung schwieriger. Denn auch wenn Gäste kurzfristig umdisponieren – das Essen muss trotzdem eingekauft, zur Hütte geflogen und vorbereitet werden.

Caroline Zimmermann ist seit 25 Jahren Hüttenwartin der Tschiervahütte.
Caroline Zimmermann ist seit 25 Jahren Hüttenwartin der Tschiervahütte.
Bild: Noemi Hüsser

Wenn es wärmer wird, wird auch die Saison allgemein kürzer, die Bedingungen am Berg sind nicht immer ideal. Zimmermann muss dann innert kürzester Zeit das Maximum an Übernachtungen rausholen. «Aber das ist nie die Menge an Übernachtungen, die man haben sollte, um davon leben zu können», sagt sie.

Am sichtbarsten aber wurde der Klimawandel an einem einzigen Morgen: am Sonntag, 14. April 2024, um 6.56 Uhr. Dann kam der Berg. 5,5 Millionen Kubikmeter Eis und Gestein lösten sich am Piz Scerscen, donnerten ins Tal und rissen unterwegs weitere 3 Millionen Geröll mit sich.

Caroline Zimmermann war zu dem Zeitpunkt nicht in der Hütte, es war noch nicht Saison. Freunde von ihr haben ihr Bilder geschickt. Zuerst dachte sie, es sei einfach wieder mal ein bisschen Geröll heruntergekommen. Das sei schon öfters passiert. «Aber als ich das Ausmass gesehen habe, hat es hat mich erschreckt.»

Auftauender Permafrost spielte eine Rolle

Weil das Startgebiet des Bergsturzes in einem Permafrostgebiet lag und am abgebrochenen Fels direkt nachher Wasser austrat, ging man schnell davon aus, dass auftauender Permafrost eine Rolle gespielt haben könnte. Permafrost ist dauerhaft gefrorener Boden, der das ganze Jahr eine Temperatur von 0 °C oder darunter aufweist. Er funktioniert so etwa wie Leim, der einen Berg zusammenhält.

Wird es durch den Klimawandel wärmer, taut der Permafrost auf. Ein Bericht des Schweizerischen Permafrostmessnetz zeigte kürzlich, dass 2024 das wärmste Jahr für den Permafrost seit Beginn der Messungen vor 25 Jahren war. In zehn Metern Tiefe sind die Temperaturen um bis zu 0.8 Grad Celsius gestiegen.

Ein paar Monate nach dem Felssturz, im August 2024, veröffentlichte das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung einen Bericht, in dem es bestätigt, dass durch das Auftauen von Permafrost Wasser in den Fels eingedrungen ist, was zum Bergsturz beitrug.

Die Tschiervahütte blieb vom Bergsturz zwar verschont, und auch Verletzte gab es keine. Doch seither ist die Umgebung bei der Tschiervahütte eine andere. Wer heute zur Hütte hochwandert – dem Fluss entlang, durch Wälder mit von Flechten überwachsenen Bäumen, vorbei an Tagesausflügler*innen auf E-Mountainbikes – merkt davon zunächst zwar wenig.

Doch weiter oben, je tiefer ins Val Roseg eintaucht, desto sichtbarer wird das Ausmass des Bergsturzes. Der fast sechs Kilometer lange Schuttkegel. Die Bäche, die sich ihren Weg durch das Gestein suchen. Der Gletscher, abgebrochen und von Geröll überdeckt.

Seit dem Bergsturz wird auch von Touren auf den Piz Scerscen und den Piz Roseg abgeraten, der Weg führt durchs Bergsturzgebiet. Das hat direkte Auswirkungen auf die Tschiervahütte: Früher blieben Bergsteiger*innen oft mehrere Tage, machten verschiedene Hochtouren. Heute bleiben die meisten nur noch eine Nacht.

Mehr als acht Millionen Kubikmeter Eis und Geröll sind im April 2024 ins Val Roseg hinuntergestürzt.
Mehr als acht Millionen Kubikmeter Eis und Geröll sind im April 2024 ins Val Roseg hinuntergestürzt.
Bild: Noemi Hüsser

Damit zeigt sich eine Realität, die in den letzten Jahren immer deutlicher geworden ist: Selbst die Berge – einst Symbol für Beständigkeit und Ruhe – verändern sich. Und manchmal stürzen sie ins Tal. In Blatten, in Brienz, im Lötschental und im Val Roseg.

Und es braucht Wege, mit diesen Veränderungen umzugehen, und mit den Bergstürzen, die immer mehr zum Alltag in den Alpen gehören. Für Hüttenwartin Caroline Zimmermann ist das nichts Neues. Zu ihrer Faszination für die Berge gehörte schon immer auch der Respekt vor ihrer Kraft – schon lange vor dem Bergsturz.

«Man merkt, wie alles extrem instabil wird»

Caroline Zimmermann

Hüttenwartin Tschiervahütte

«Die Berge sind wunderschön, sie können aber auch brutal sein», sagt Zimmermann und erzählt davon, wie jedes Jahr mindestens eine Person am Berg verunglückt, die bei ihr in der Hütte übernachtet hat. Menschen, mit denen sie am Abend vorher teilweise noch gesprochen hat, gelacht hat. «Natürlich geht mir das nahe», sagt sie. Aber Angst? Nein. «Sonst könnte man ja gar nichts mehr tun.»

Auch die Gäste in der Tschiervahütte beschäftigt der Bergsturz. «Macht betroffen» und «eindrücklich» sind Worte, die man von den Bergsteiger*innen in der Hütte hört. Zimmermann sagt, es gebe sogar Menschen, die extra zur Hütte kommen, um sich den Schuttkegel anzuschauen.

Hier sollte man einen Gletscher sehen, aber er ist unter Geröll begraben.
Hier sollte man einen Gletscher sehen, aber er ist unter Geröll begraben.
Bild: Noemi Hüsser

Auch wenn sie nicht auf den Piz Scerscen oder auf den Piz Roseg gehen, sind die Bergsteiger*innen und Wanderer*innen vom Klimawandel in den Bergen betroffen. Touren werden durch lose Steine und das Abschmelzen vom Gletscher schwieriger.  «Man merkt, wie alles extrem instabil wird», sagt Zimmermann. «Heute muss man vorsichtiger sein, wenn man sich an einem Stein festhalten will.»

Auch der Piz Scerscen ist weiterhin in Bewegung. Immer wieder höre man Steine, die über den Gletscher rollen, sagt die Hüttenwartin. Auch das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung schreibt, dass «bisher zwar der grösste Teil, aber nicht die komplette potenziell instabile Felsmasse abgestürzt ist». Es könnte jederzeit wieder etwas kommen.

Die Hütte selbst liegt zwar ausserhalb dieses Gefahrengebiets, ist aber dennoch nicht sicher vor dem Klimawandel. Hinter der Hütte verschiebt sich der Boden, das Wasser ist stärker in Bewegung. «Bei starken Wettergüssen steht der Keller unter Wasser», sagt Zimmermann.

Jede dritte SAC-Hütte ist von Klimawandel betroffen

Der Schweizer Alpen-Club SAC hat letztes Jahr untersucht, wie sich der Klimawandel auf die Berghütten auswirkt. Das Fazit: Von 152 SAC-Hütten könnte über ein Drittel in Zukunft durch tauenden Permafrost instabil werden.

42 Hütten sind zudem potenziell durch Felsstürze bedroht. Auch die Wasserversorgung wird schwieriger werden und Wanderwege und das Umfeld der Hütten werden sich verändern. 2050 wird nur noch von 10 Prozent der 152 Hütten aus ein Gletscher zu sehen sein, bis Ende des Jahrhunderts bei keiner mehr.

Um diese Herausforderungen zu stemmen, müssten laut SAC bis 2040 jedes Jahr 5 Millionen Franken in Anpassungsmassnahmen an den Klimawandel investiert werden – insgesamt über 100 Millionen Franken. «Irgendwann wird sich der SAC überlegen müssen, welche Hütten sich überhaupt noch lohnen», sagt Zimmermann.

Tschiervahütte anfangs Juli 2025: in der Nacht sind mehrere Zentimeter Schnee gefallen.
Tschiervahütte anfangs Juli 2025: in der Nacht sind mehrere Zentimeter Schnee gefallen.
Bild: Noemi Hüsser

Bis dahin ist für die Hüttenwartin klar: Sie macht weiter. Und versucht, sich mit der Tschiervahütte anzupassen. Sie hat auf der Hütte Doppelzimmer eingerichtet, um auch Gäste anzuziehen, die Komfort schätzen – und damit neue Einnahmequellen zu erschliessen. Hinter der Hütte leitet sie das Wasser ab.

«Hier oben sind die Menschen offen, man kommt viel einfacher ins Gespräch»

Caroline Zimmermann

Hüttenwartin Tschiervahütte

«Die Hütte ist wie mein Kind», meint Zimmermann, «ich könnte mir keine andere vorstellen». Aufhören komme erst infrage, wenn sie keine Lust mehr habe. Bis jetzt ist das nicht der Fall – dafür sorgen die Gespräche, die Begegnungen, die Nähe zu den Menschen in der Hütte. «Hier oben sind die Menschen offen, man kommt viel einfacher ins Gespräch», sagt Zimmermann.

Ihre Lieblingszeit des Tages ist übrigens zwischen 10 und 11 Uhr, wenn das Frühstück gemacht, die Hütte geputzt und es ruhig ist. Dann setzt sie sich mit ihrem Team auf die Terrasse und trinkt einen Kaffee.

«Das Leben geht weiter», sagt Caroline Zimmermann. «Und wir müssen schauen, dass wir das Beste daraus machen.»


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