Interview zum ValentinstagDie grosse Liebe einer Ex-Bundesrätin – und andere romantische Einblicke
Bruno Bötschi
18.2.2026
Liebe kann überall sein – und muss sich nicht zwangsläufig zwischen zwei Menschen abspielen.
Bild:IMAGO/Zoonar
Autorin Barbara Schmutz erforscht in ihrem neuen Buch die Liebe. Ihre Erkenntnis: Sie kann überall sein. Ein Gespräch über das grösste aller Gefühle, wie die Jugend heute liebt – und warum Liebeskummer krank macht.
Autorin Barbara Schmutzsucht die Liebe. In ihrem Buch «Alles Liebe» spricht sie mit einem Zoodirektor über die Liebe zu Tieren, mit einem Abt über die Liebe zu Gott und einer ehemaligen Bundesrätin über ihre Liebe zur Musik.
«Ich glaube, man kann mit Menschen, die einen kaum kennen, nicht über ein so intimes und persönliches Thema wie die Liebe sprechen, wenn man nicht bereit ist, sich seinem Gegenüber ebenfalls ein Stück weit zu öffnen», sagt Schmutz im Gespräch mit blue News.
Die 18 Gespräche mit 23 Menschen in Buch offenbaren, was Liebe alles sein und was sie bewirken kann.
Barbara Schmutz, das Weltgeschehen ist aktuell kompliziert und schwierig. Deshalb möchte ich heute mit Ihnen vor allem über die positiven Seiten der Liebe reden. Ist das okay für Sie?
Ich bin einverstanden, auch wenn die Liebe natürlich nicht nur positive Seiten hat.
Für viele Menschen ist der Valentinstag der Tag der Liebe – für Sie auch?
Überhaupt nicht. Meist realisiere ich erst durch die vielen Blumen, die überall herumstehen, dass Valentinstag ist. Es wäre fast schon ein Armutszeugnis für uns und für die Liebe, wenn wir sie nur am 14. Februar feiern würden, so, als müsste man uns mit einem Feiertag zurufen: «Hey Leute, denkt doch wieder einmal an die Liebe.» Aber der Valentinstag kann Anstoss sein, öfter darüber nachzudenken, was die Liebe ist.
Was ist die Liebe?
Liebe ist ein grosses Gefühl. Sie ist kompliziert, Herausforderung und Leidenschaft zugleich. Sie kann Glück und Unglück bringen.
Liebeskummer kann einen Menschen sogar krank machen, heisst es in Ihrem Buch.
Das stimmt. Und doch negieren wir meist den damit verbundenen Schmerz, erklärt die deutsche Autorin Michèle Loetzner in meinem Buch «Alles Liebe». Weil Liebeskummer oft nicht richtig ernst genommen und bagatellisiert werde.
Sind Sie gleicher Meinung wie Frau Loetzner?
Ja, ganz klar. Im Englischen heisst Liebeskummer «lovesickness». Wer darunter leidet, spürt den Schmerz nicht nur im Herzen, sondern hat auch das Gefühl, der Boden werde einem unter den Füssen weggezogen. Es geht einem richtig mies. Das kenne ich aus eigener Erfahrung. Und habe es auch erlebt, als eine Freundin Liebeskummer hatte. Damals wurde mir klar, wie unverzichtbar meine Unterstützung ist, wann immer sie sie braucht.
«Liebe ist ein grosses Gefühl. Sie ist kompliziert, Herausforderung und Leidenschaft zugleich. Sie kann Glück und Unglück bringen»: Barbara Schmutz, Autorin des Buches «Alles Liebe».
Bild:Dominique Meienberg
Frau Schmutz, was fasziniert Sie an der Liebe?
Die Liebe betrifft uns alle auf irgendeine Art und Weise – also auch jene, die keine romantische Ader haben oder asexuell sind. Diese Menschen verlieben sich vielleicht nicht in andere Menschen, aber sie haben möglicherweise ein Haustier, dass ihr ein und alles ist. Oder sie verlieben sich in ein Objekt.
Für Ihr Buch «Alles Liebe» haben Sie mit 23 Menschen über die Liebe gesprochen. Wie haben Sie entschieden, das Buch zu schreiben: Mit dem Herz oder dem Kopf?
Wohl mit beidem. Ich habe mir überlegt, mit welchen Menschen ich gerne über die Liebe sprechen würde. Gleichzeitig war mir klar, dass ich in diesen Gesprächen auch bereit sein muss von mir selbst zu erzählen. Ich glaube, man kann mit Menschen, die einen kaum kennen, nicht über ein so intimes und persönliches Thema wie die Liebe sprechen, wenn man nicht bereit ist, sich seinem Gegenüber ebenfalls ein Stück weit zu öffnen.
Beeindruckend ist die Liebesgeschichte von Lilian Senn und Heiko Schmitz, die vor ihrer Beziehung mehrere Jahre ohne Dach über dem Kopf lebten. Lilian sagt im Buch: «Wenn man lange auf der Strasse lebt, legt man sich einen Panzer zu. Den kann man nicht einfach ablegen und sein Herz entblössen. Dafür braucht es Zeit. Heiko liess mir Zeit, mein Herz zu öffnen.»
Dieses Interview wird auch mir noch lange in Erinnerung bleiben. Ein besonderer Moment war, als Heiko offenbarte, wie schwierig es für ihn war, Gefühle für Lilian zuzulassen. Es brauchte ganz viele Gespräche, bis er sich endlich eingestehen konnte, dass er sich in sie verliebt hat.
Auf Ihre Frage «Wann verhungert die Liebe?», sagt Heiko: «Wenn man dem anderen keine Wertschätzung mehr zeigt, wenn man ihm gegenüber gleichgültig wird.»
Da kann ich Heiko zustimmen. Es tut weh, wenn vom Gegenüber nichts mehr kommt und man realisieren muss, dass diese Liebe vorbei ist.
Sie haben während den Recherchen zu Ihrem Buch Liebe an Orten gefunden, wo manch eine*r sie nicht vermuten würde. Sie sprachen mit einer Ex-Bundesrätin, mit einer plastischen Chirurgin, einem Abt, einem Psychoanalytiker, einem Rockmusiker und vier Teenager*innen über die Liebe. Nach welchen Kriterien wählten Sie Ihre Gesprächspartner*innen aus?
Ich wollte in meinem Buch nicht nur über die romantische Liebe sprechen. Es gibt Menschen, die lieben es Politik zu machen – und andere sind der Meinung, Demokratie brauche Liebe. Während der Corona-Pandemie antwortete Schriftsteller Lukas Bärfuss in einem «Tages-Anzeiger»-Interview auf die Frage «Wie sehen Sie die Spaltung?»: «Das ist die falsche Frage. Besser: Wie stärken wir die Demokratie und das Vertrauen in unsere Institutionen? Ich würde behaupten: durch Empathie und Kritik. Beides bedarf Sorgfalt, Aufmerksamkeit, letztendlich Liebe». Ich hätte gerne mit Lukas Bärfuss über das Thema «Liebe» gesprochen. Leider hatte er keine Zeit.
Dafür konnten Sie mit Ex-Bundesrätin Simonetta Sommaruga über die Liebe reden. Die ehemalige Bundesrätin spricht im Buch über ihr Verhältnis zur Politik – noch eindrücklicher finde ich die Schilderungen über ihre Partnerschaft. Sommargua trat Ende 2022 aus dem Bundesrat zurück, nachdem ihr Mann kurz davor einen Schlaganfall erlitten hatte.
Nach ihrem Rücktritt konnte man in der «Sonntagszeitung» lesen, dass Simonetta Sommaruga für ihren Mann aus dem Bundesrat zurückgetreten sei. Als ich sie darauf ansprach und sagte, dass klinge nach einer grossen Liebe, erklärte sie, dass es in jeder Liebe auch einen Verzicht gebe, er gehöre zur Liebe. Sie sagt auch, dass der Rücktritt aus dem Bundesrat kein einfacher Entscheid gewesen sei. Doch ihr sei wichtig gewesen, dass sie ihn nicht für jemand anderen gefällt habe. Das habe es einfacher gemacht, als wenn sie sich zum Rücktritt gezwungen gefühlt hätte.
Für Autorin Barbara Schmutz kann der Valentinstag Anstoss sein, öfter darüber nachzudenken, was die Liebe ist.
Bild:IMAGO/Zoonar
Im Leben von Simonetta Sommaruga gibt es neben der Liebe zu ihrem Mann und zur Politik noch eine dritte grosse Leidenschaft: die Musik.
Die Musik sei für ihr inneres Gleichgewicht zentral, sagt Simonetta Sommaruga, die ausgebildete Pianistin ist. Wenn sie Klavier spiele, sei es, als höre sie in sich hinein. Ein besonderer Moment in unserem Gespräch war, als sie von ihrem Besuch am WEF in Davos erzählte: 2020 traf sie dort unter anderem den US-amerikanischen Cellisten Yo-Yo Ma und musizierte mit ihm. Die persönlichen Mitarbeiterinnen schafften es trotz all des Trubels, dass sich die beiden spätabends allein in einen Saal zurückziehen konnten, um gemeinsam Schubert zu spielen. Simonetta Sommaruga sagt, dieser magische Moment halle bis heute nach.
Beim Lesen Ihres Buches spürte ich immer wieder ein wohlig warmes Gefühl in meinem Bauch. Ihre Gesprächspartner*innen erzählen viele wunderschöne Geschichten über die Liebe.
Ich spürte während der Gespräche viel Vertrauen und Liebe – oft gab es diese speziellen Momente, wie zum Beispiel mit Simonetta Sommaruga. Sie haben mich besonders gefreut, da ich meine Gesprächspartner*innen zuvor nicht persönlich kannte und sie mir trotzdem private Einblicke gewährten. Gerne erinnere ich mich auch an das Gespräch mit den vier Jugendlichen Jana, Joline, Isabelle und Onni. Danach dachte ich: Wenn diese Teenager das, was sie heute unter Freundschaft und Liebe verstehen, später als Erwachsene in ihre Beziehungen einbringen, kommt es gut.
Welche Aussagen der Jugendlichen haben Sie nachhaltig beeindruckt?
Berührt hat mich die Aussage von Jana, die sagt: «Bei der Liebe ist es wie bei einer Kerze: Wenn man eine Glocke über die Flamme stülpt, erlischt das Feuer.» Derweil meinte Joline, dass es für sie viel schöner sei, Geschenke zu machen, als welche zu bekommen.
Gab es Gespräche, die Sie innerlich unruhig werden liessen oder sogar wütend gemacht haben – weil die Person etwas über die Liebe sagte, was Sie selbst nicht glauben wollten.
Nein. Das hat aber auch damit zu tun, dass ich von meinen Mitmenschen weder erwarte noch verlange, dass sie die gleiche Auffassung von Liebe teilen.
Sie sprechen im Buch «Alles Liebe» auch über die Beziehung zu Ihrem Mann Eduard. Hat sich die irgendwie verändert, seit Sie die 18 Interviews zum Thema «Liebe» geführt haben?
Meinem Mann und mir wurde während des Schreibens des Buches immer wieder bewusst, welch grosses Geschenk unsere bald 30 Jahre dauernde Beziehung ist. Das alles ist nicht selbstverständlich. Zu spüren, dass ein Mensch schon so lange an meiner Seite steht, dass er auch in schwierigen Momenten für mich da ist – das gibt mir das Gefühl, bei ihm aufgehoben, bei ihm zu Hause zu sein.
So grundsätzlich: Wie hält man die Liebe lebendig und frisch?
Es ist wichtig, sich immer wieder von Neuem für sein Gegenüber zu interessieren – nachzufragen, wie es dem anderen gerade geht und was ihn aktuell beschäftigt. Aufmerksamkeit zeigt Wertschätzung – und Wertschätzung nährt die Liebe. Wichtig ist zudem, sich gegenseitig Freiräume zu lassen. Ich erwarte von meinem Mann nicht, dass er alles, was ich interessant finde, auch spannend findet – und genauso ist es umgekehrt.
Sagen wir es so: Die Liebe findet einen, wenn die Antennen richtig ausgerichtet sind und das Herz bereit ist, sie zu empfangen. Längst nicht immer spürt man diesen Zustand selbst. Ich habe mich oft dann verliebt, wenn ich es nicht erwartet hatte.
Sollte man einem geliebten Menschen alle Geheimnisse anvertrauen?
Meiner Ansicht nach nein. Einerseits interessiert mein Gegenüber nicht jedes Detail aus meinem Leben, andererseits gibt es Themen, die wir mit uns selbst ausmachen müssen.
Welches Gespräch für dein Buch «Alles Liebe» hat dich nachhaltig beeindruckt?
Spannend finde ich die Offenheit von Abt Christian Meyer. Wenn wir in die Welt hinausschauen, sagt der Vorsteher des Klosters Engelberg, würden wir erkennen, dass die Liebe, die wir heute leben, nicht so ist, wie in der Bibel beschrieben. Menschen können 40, 50 Jahre verheiratet bleiben – und nicht mehr nur 20 Jahre, wie in früheren Zeiten, als die Menschen noch nicht so alt wurden. Wenn es der Kirche mit der Beziehung zu den Menschen ernst sei, so Meyer weiter, brauche sie dringend einen neuen Blick auf die Liebe.
Welche Gesprächspartner*innen haben Sie sonst noch beeindruckt?
Jedes der Gespräche klingt bis heute in mir nach. In jedem finden sich unterschiedlichste Facetten der Liebe. Die Philosophin Federica Gregoratto, die zur Liebe forscht, erklärt, weshalb Liebe politisch ist. Die Schriftstellerin Gabriele von Arnim, die zehn Jahre lang ihren schwerkranken Mann gepflegt hat, erklärt, wie er und sie während dieser Zeit zu einem Gefühl der Innigkeit gefunden haben. Und das sind nur zwei Beispiele dafür, was Liebe alles sein und was sie bewirken kann.
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