Die indirekte Rede – häufig direkt ein Problem

Mark Salvisberg

19.9.2019 - 06:31

Was korrekt ist, ist nicht automatisch immer verständlich. 
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Die Minister versprachen, sie schüfen lieber gleich Klarheit, damit sie wieder Respekt genössen. Schmerzt Sie das? Der Sprachpfleger stellt sie vor, die indirekte Rede – und ihre bunten Blüten.

Sicher, ich hätte der obenstehenden indirekten Rede mit einem dass-Satz ausweichen können – oder noch eleganter mit zwei Nebensätzen: Die Minister versprachen, lieber gleich Klarheit zu schaffen, um wieder Respekt zu geniessen. Und zugegeben, letztere Variante ist moderner. So oder so: Begebenheiten indirekt wiedergeben zu können, ist unerlässlich.

Welche Optik gilt?

Wer textet, sollte bestrebt sein, darzulegen, aus welchem Blickwinkel eine Aussage zu betrachten ist. Wenn geschrieben steht, Der Financier erklärt, dass ihm das Geld ausgegangen ist, so nimmt der Verfasser die Worte des Financiers durch die Form des Indikativs (Wirklichkeitsform) tendenziell für bare Münze. Wer den Sachverhalt dahingestellt lassen möchte, wählt die indirekte Rede: ... dass ihm das Geld ausgegangen sei. Es kann also durchaus eine politische Dimension annehmen, ob man eine Aussage stehen lässt oder durch die Lupe des neutralen Konjunktivs 1 betrachtet.

Indirekte Rede – man nehme ...

Um den Konjunktiv 1 zu erhalten, nehme man die Grundform des Verbs und schneide diese in kleine Stücke, genauer: Man entfernt Vor- und Schlusssilbe. Zu diesem Wortstamm, zum Beispiel beim Verb schenk(en), streue man ein e: schenk-e. Also: Sie sagt, sie schenke ihrem Bruder ein Buch. Je nach Person wird die jeweilige Endung beigefügt. Die zahlreichen Personalformen in allen Zeiten sind, zu unser aller Glück, im Internet abrufbar.

Was aber tun Sie, wenn sich die Form des Indikativs nicht von derjenigen des Konjunktivs 1 der indirekten Rede unterscheidet? Wie in diesem Beispiel: Sie sagten, sie haben Bücher verschenkt. Hier empfehle ich Ihnen den Konjunktiv 2: Sie sagten, sie hätten Bücher verschenkt.



Vermehrt angewandt wird in solchen Fällen auch die würde-Form. Diese sollte aber zurückhaltend gebraucht werden, denn die indirekte Rede hat gewöhnlich eigene Ausprägungen. Zur Veranschaulichung ist würde im folgenden Fall suboptimal: Er sagt, der neue Chef würde uns immer unterstützen. Das tönt nach Bedingung, und ich möchte reflexartig zurückfragen: «Wenn ihr was tätet?» Vornehmlich sollte die korrekte, eigenständige Form verwendet werden: Er sagt, der neue Chef unterstütze uns immer.

Vorsicht, Schwulstgefahr!

Eigenständige Formen in Ehren, aber solche Sätze wirken lächerlich: Er meinte, die Kinder büken Kuchen und lüden einige Gäste ein. Hier ist es nun doch angebracht, dem Problem «würdevoll» zu begegnen: Er sagte, die Kinder würden Kuchen backen und einige Gäste einladen.

Zur Person: Mark Salvisberg war unter anderem als Werbetexter unterwegs. Der Absolvent der Korrektorenschmiede PBS überarbeitet heute
täglich journalistische Texte bei einer grösseren Schweizer Tageszeitung.

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