Die Nazi-Jäger haben ein neues Denkmal bekommen

Von Lukas Meyer

2.8.2021

epa06373681 Franco-German journalist Beate Klarsfeld (L) and Romanian-French historian Serge Klarsfeld (R) walk among the Wall of the Names as they arrive for the opening of the 'Combats de la Memoire' exhibition dedicated to their actions and fights at the Shoah Memorial in Paris, France, 07 December 2017. The couple are political activists, known for Nazi hunting and documenting the Holocaust in order to enable the prosecution of war criminals since the 1960s. The exhibition runs from the 07 December to 29 April 2018. EPA/ETIENNE LAURENT
Beate und Serge Klarsfeld an der «Wand der Namen» in der Schoa-Gedenkstätte in Paris.
Bild: Keystone

Beate und Serge Klarsfeld wurden als Nazi-Jäger bekannt und sind bis heute unermüdliche Warner vor Rechtsextremismus und Antisemitismus. Eine neue Graphic Novel erzählt ihr Leben.

Von Lukas Meyer

2.8.2021

Eine Ohrfeige machte Beate Klarsfeld berühmt. Am 7. November 1968 bestieg sie während des CDU-Parteitags in der Berliner Kongresshalle das Podium und verpasste Kurt Georg Kiesinger eine Ohrfeige. Der war nicht irgendwer, sondern der amtierende Bundeskanzler von West-Deutschland – mit nationalsozialistischer Vergangenheit.

«Nazi, Nazi, Nazi», rief Klarsfeld denn auch, bevor sie von der Polizei verhaftet und am selben Tag zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde. Weil sie französische Staatsbürgerin war, musste sie die Strafe nicht antreten.

Dabei war die 1939 in Berlin geborene Beate Künzel lange unpolitisch gewesen. Erst bei einem Au-pair-Aufenthalt in Paris wurde sie mit den Folgen des Holocaust konfrontiert. 1963 heiratete sie den französischen Historiker Serge Klarsfeld, der 1935 in Bukarest geboren worden war und seinen Vater in Auschwitz verlor.

Zusammen machten Beate und Serge Klarsfeld über Jahrzehnte hinweg Jagd auf Nazi-Kriegsverbrecher, die sie in allen möglichen Ländern und Kontinenten aufspürten – viele davon in der Heimat: «Die meisten NS-Verbrecher lebten in Deutschland – unter ihrem eigenen Namen», so Beate Klarsfeld.

Die Graphic Novel von Pascal Bresson und Sylvain Dorange zeichnet die Biografie von Beate und Serge Klarsfeld nach.
© 2020 Pascal Bresson, Sylvain Dorange, La Boîte à Bulles, © der deutschen Ausgabe Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2021

Dabei recherchierten die Journalistin und der Historiker nicht nur, sondern griffen auch selbst ein. Den in Köln lebenden Kurt Lischka planten sie eigenhändig nach Frankreich zu entführen, wo ihm der Prozess wegen seiner Beteiligung an der Deportation von Juden gemacht werden sollte. Das scheiterte zwar, doch die Öffentlichkeit wurde auf den Fall aufmerksam und Lischka später in Deutschland vor Gericht gestellt.

Ihr grösster Erfolg war die Verurteilung von Klaus Barbie: Den berüchtigten «Schlächter von Lyon» machten sie in Bolivien ausfindig. Doch erst nach einem Regierungswechsel wurde er dort 1983 festgenommen, an Frankreich ausgeliefert und wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt.

Späte Würdigung

2012 kandidierte Beate Klarsfeld für Die Linke als deutsche Bundespräsidentin. Sie unterlag mit 126 Stimmen gegen Joachim Gauck, der von CDU, SPD, Grünen und FDP unterstützt wurde und 991 Stimmen erhielt. 2015 bekam das Ehepaar Klarsfeld das Bundesverdienstkreuz verliehen. «Die Deutschen werden dich würdigen, aber erst, wenn du alt bist», meinte Serge Klarsfeld zu seiner Frau schon nach der Ohrfeige für Kiesinger.

German-born, French journalist and Nazi hunter Beate Klarsfeld, leaves the Palace of Justice in West Berlin, April 17, 1969, after the court has postponed her appeal case. Last year, she came on stage slapping West German Chancellor Kurt Georg Kiesinger in the face calling him a Nazi as he was speaking, at a Christian Democrats (CDU) party meeting here in West Berlin, West Germany, November 7, 1968. (KEYSTONE/AP Photo/Herrmann)
Beate Klarsfeld verlässt ein Gericht in West-Berlin im April 1969.
Bild: Keystone

Die Graphic Novel von Pascal Bresson und Sylvain Dorange erschien 2020 auf Französisch und kürzlich auf Deutsch im Carlsen Verlag. Die Künstler sehen Menschen wie die Klarsfeld als Vorbilder, gerade in der heutigen Zeit.

Sie äussern sich bis heute zu aktuellen Themen. Vor wenigen Wochen erst kritisierte Serge Klarsfeld Corona-Skeptiker, die bei einer Demo einen gelben Stern trugen wie einst die Juden unter den Nazis. Das sei ein abscheulicher Vergleich, meinte er. 

«Die Geschichte kennt kein Ausruhen», lautet ein Motto der Klarsfelds.


Bibliografie: Beate und Serge Klarsfeld: Die Nazijäger, Pascal Bresson und Sylvain Dorange, Carlsen Verlag Hamburg, ca. 42 Franken


Regelmässig gibt es werktags um 11:30 Uhr und manchmal auch erst um 12 Uhr bei «blue News» die Kolumne am Mittag – sie dreht sich um bekannte Persönlichkeiten, mitunter auch um unbekannte – und manchmal wird sich auch ein Sternchen finden.