Wo die Rohrpost über Leben und Tod entscheidet

Nicolai Morawitz

21.2.2019

Geradezu majestätisch mutete diese Rohrpostanlage in Bern an.
Museum für Kommunikation, Max Kettel, Genf.

Einst dienten kilometerlange Röhren unterhalb der Schweizer Städte dazu, Sendungen von A nach B zu schicken. Vergangene Zeiten. Doch ganz verschwunden ist die Rohrpost nicht – am Universitätsspital in Basel kann sie heute noch über Leben und Tod entscheiden.

Niedrige Decken, drückende Wärme: In den Kellergewölben des Basler Unispitals schlägt das Herz des rund 7'000 Mitarbeiter zählenden Betriebs: Zwei Angestellte transportieren frische Wäsche in grossen Behältern in Richtung Fahrstuhl. Nicht weit von ihnen entfernt verrichten vollautomatische Transportroboter ihre Arbeit. Sie verkehren Laser gesteuert über fest zugewiesene Transportrouten – möglich ist dies durch modernste Steuertechnik.

Zeitreise in der Röhre

Doch nur ein paar Meter weiter geht es vom 21. zurück ins 20. Jahrhundert. Hinter einer Stahltür verbirgt sich die Zentralanlage der Rohrpost. Von hier aus werden Büchsen von einem Greifarm auf die jeweiligen Rohre verteilt. Es ist ein ausgeklügeltes System, das sich auf rund sieben Kilometern durch das ganze Spital erstreckt. Im Vergleich war die Rohrpost im Unispital ein Spätzünder, ging sie doch erst 1979 in Betrieb. Zu diesem Zeitpunkt hatten Rohrpostanlagen wie etwa in Wien oder in London bereits fast 100 Jahre auf dem Buckel.

Er herrscht über die Rohrpost im Unispital Basel: Werkstattleiter André Gattlen.
Bluewin/mn

Und auch wenn die Rohrpost im Unispital vergleichsweise jung ist, hat sie schon viele Umbau- und Erweiterungsschritte hinter sich. Heute erfolgt die Verteilung automatisch und versendete Behälter können per Computer nachverfolgt werden. Einen Angestellten, der Büchsen von Rohr zu Rohr verteilt, braucht es schon längst nicht mehr.

Treuer Helfer

Doch bei allen Veränderungen bleibt die grundlegende Funktionsweise der Rohrpost unverändert: Transportbüchsen können durch Luftdruck von einem Ort an den anderen geschickt werden. Rund 100 Stationen sind im ganzen Areal des Unispitals verteilt –  die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschicken täglich 3'000 Sendungen. Das können Medikamente, Gewebeproben und auch Blutbeutel sein.

Zwei der Spitalangestellten sind Jonas Göhring und Corine Hager, die im Video zeigen, welchen Dienst die Rohrpost ihnen im Alltag leistet.

Ins verschlungene System der Rohrpost eintauchen

Ins verschlungene System der Rohrpost eintauchen

Ab in die Röhre: Mit der Rohrpost können Spitalmitarbeiter zum Beispiel Tabletten innert kurzer Zeit durch das ganze Gebäude schicken.

21.02.2019

Die Rohrpost im Basler Unispital steht in einer langen Tradition: 1913 wurde die erste Rohrpost der Schweiz überhaupt in Basel eröffnet. Sie verband die Hauptpost mit der alten Börse. Zürich dagegen musste sich noch 13 Jahre gedulden. Erst 1926 konnte eine kleine Untergrundbahn für Güter zwischen dem Hauptbahnhof und der Fraumünsterpost den Betrieb aufnehmen.

Der Abgesang

Heinz Christen ist einer, der sich an die Stadtrohrpost in Basel wie wahrscheinlich kein anderer erinnern kann. Christen war in Basel «Leiter Spezialanlagen» bei der damaligen PTT-Behörde. Ende der 1990er Jahre musste er das über Jahrzehnte mühevoll aufgebaute Rohrpost-Netz wieder zurückbauen. «In den Häusern haben wir die Verteilröhren komplett entfernt», sagt Christen. Im Untergrund der Strassen seien dagegen heute noch einzelne Röhren vorhanden und würden teilweise für neue Versorgungszwecke genutzt.

Der teure Unterhalt und die Digitalisierung hätten letztendlich den Ausschlag für das Ende der Rohrpost gegeben, erinnert sich Christen. Es war ein schleichender Abgesang: Telegramme und Briefe, die mit der Rohrpost transportiert wurden, verloren an Bedeutung. Mit der Zeit seien auch wichtige Bankkunden abgesprungen, die das System für sensible Unterlagen nutzten, so Christen.

Der heute 80-Jährige hat in den 70er Jahren noch die grossen Ausbauschritte miterlebt. Damals sei in Basel zusammen mit dem Fernheiznetz auch die Rohrpost ausgebaut worden. Ein rund 70 Kilometer langes Rohrsystem entstand auf diese Weise.

Idee lebt weiter

Die Distanzen seien so lang gewesen, dass wechselnd mit Druck und Unterdruck habe gearbeitet werden müssen, so der Basler. Grosse Drehkolben pumpten die Luft in die Röhren, ein Luftentfeuchter sorgte für das richtige Klima. Noch heute ist die Begeisterung in Christens Stimme zu hören, wenn er von diesen technischen Errungenschaften spricht.

Er sieht die Technologie zu Unrecht in Vergessenheit geraten, habe sie doch auf ihre Weise «den Umweltgedanken schon mitgedacht». Immerhin mussten die Dokumente nicht auf Autos oder Lkws verladen werden, sondern verkehrten unbemerkt im Untergrund. Diese Idee feiert derzeit unter dem Namen «Cargo sous terrain» ein Comeback und könnte den Güterverkehr im Mittelland in den kommenden Jahrzehnten verbessern.

Serie «Die Letzten ihrer Art»

Nicht nur Sprachen, Kantone und Landschaften sorgen für die Vielfalt der Schweiz – es sind auch Berufe, Orte und Traditionen. Einige von ihnen könnten bald verschwunden sein. «Bluewin» hat deshalb die «Letzten ihrer Art» gesucht. Im Tessin haben wir einen Buchhändler getroffen, der ohne Internet auskommt, sind bei einer der letzten Zinngiesserinnen in der Werkstatt gewesen, und wir haben Erich Baumann gefragt, warum er immer noch Schirme flickt.

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