Leben im DauerstressDiese europäische Stadt schockt im weltweiten Stress-Ranking
Jenny Keller
11.1.2026
Lange Wege und hohe Lebenshaltungskosten treiben den Stress in der irischen Hauptstadt Dublin laut einer Studie spürbar in die Höhe. (Archivbild)
imago stock&people
Eine neue Studie zeigt, wie stark Pendelzeiten, Wohnkosten und Alltagstempo den Stress in Städten antreiben, und warum ein vermeintlicher Sympathieträger plötzlich ganz vorne im Stress-Ranking auftaucht.
Grün, freundlich, musikalisch. Diese europäische Hauptstadt geniesst eigentlich ein sympathisches Image. Umso überraschender fällt eine neue internationale Auswertung aus: Ausgerechnet eine Stadt, die viele mit Lockerheit und Lebensfreude verbinden, landet im globalen Stress-Ranking ganz weit oben – Dublin.
Untersucht wurden für die Stress-Studie über 170 Grossstädte weltweit. Bewertet hat der Geldtransferdienst Remitly fünf Faktoren, die den Alltag messbar belasten können: Pendelzeiten, Lebenshaltungskosten, Gesundheitsversorgung, Kriminalität und Luftverschmutzung. Daraus ergibt sich ein Stress-Index von 0 bis 10. Je höher der Wert, desto grösser der Druck.
An der Spitze des Rankings steht New York City mit einem Stresswert von 7.56. Hohe Preise, dichter Verkehr, ständige Beschleunigung. Das überrascht kaum. Die Stadt ist bekannt dafür, viel zu verlangen. Direkt dahinter auf Platz 2 folgt bereits Dublin.
Dublins hohe Wohnkosten lösen Stress aus
Mit einem Stresswert von 7.55 liegt die Hauptstadt Irlands praktisch gleichauf mit der amerikanischen Megacity. Ein Wert, der selbst viele deutlich grössere Metropolen hinter sich lässt.
Der Stress in Dublin hat keine einzelne Ursache, sondern entsteht aus einer Kombination mehrerer Faktoren. Die Pendelzeiten zählen mit über 30 Minuten für zehn Kilometer zu den längsten in Europa. Gleichzeitig sind die Wohnkosten in den vergangenen Jahren stark gestiegen, das Verhältnis zwischen Einkommen und Immobilienpreisen liegt deutlich über dem langjährigen Durchschnitt.
Anders als in lateinamerikanischen Städten spielen Kriminalität oder Sicherheit hier zwar eine geringere Rolle. Der Druck entstehe aber durch Knappheit, Wettbewerb und Kosten. Wer wohnt, pendelt und arbeitet, spüre ihn täglich.
Auf Platz drei des Rankings folgt Mexico City mit einem Stresswert von 7.38. Dort sind es vor allem Sicherheitsfragen, extreme Staus und die Grösse der Metropolregion, die belasten. Mehr als 22 Millionen Menschen teilen sich Raum, Zeit und Infrastruktur.
Entspannt leben im holländischen Eindhoven
Was das Ranking gut aufzeigt: Stress ist kein global einheitliches Phänomen. In Nordamerika und Europa dominiert eher finanzieller Druck, in Teilen Lateinamerikas die Sicherheitslage.
Weitere Städte in Lateinamerika wie das brasilianische São Paulo zeigen ähnliche Belastungsmuster: Verkehr, hohe Kriminalität und Sicherheitsbedenken prägen den Alltag der Menschen, während in Nordamerika besonders die hohen Kosten für Wohnen und Lebensunterhalt Stress erzeugen.
Ganz am anderen Ende der Skala steht Eindhoven. Die holländische Stadt mit knapp 250'000 Einwohnerinnen und Einwohnern erreicht einen Stresswert von nur 2.34 und gilt als die entspannteste Stadt der Welt. Kurze Wege, niedrige Kriminalität und eine sehr gut zugängliche Gesundheitsversorgung machen den Unterschied. Holland liegt hier laut World Index of Healthcare Innovation 2024 auf Platz 4 weltweit – die Schweiz übrigens auf Platz 1.
Hauptstadt Australiens punktet mit guter Luft
Ganze vier der zehn stressärmsten Städte liegen in den Niederlanden. Auch Utrecht, Groningen und Rotterdam schneiden sehr gut ab.
Aber nicht nur Europa kann ruhig und entspannt. Canberra landet mit einem Stresswert von 2.80 auf Platz drei der entspanntesten Städte. Die australische Hauptstadt punktet mit sauberer Luft, berechenbaren Pendelzeiten und viel Raum. Die Luftverschmutzung liegt im globalen Vergleich bei einem Spitzenwert – was hier positiv gemeint ist. Nur die höheren Kriminalitätswerte als in den niederländischen Städten verhindern eine bessere Platzierung in der Rangliste.
Ein Blick auf die Einzelfaktoren zeigt einige Extreme: In der indischen Millionenstadt Kolkatta (früher Kalkutta) brauchen Pendlerinnen und Pendler beispielsweise im Schnitt über 34 Minuten für zehn Kilometer, so lange wie in keiner anderen Stadt. San Antonio in den USA schafft dieselbe Strecke in gut zehn Minuten.
Gesundheitsversorgung als entscheidender Stressfaktor
Auch bei der Gesundheitsversorgung zeigt sich, wie stark Strukturen den Stress prägen. Städte mit gutem Zugang zu medizinischer Versorgung schneiden insgesamt besser ab. Ganz vorne liegt die Hauptstadt Taiwans, Taipei, das dank eines nahezu flächendeckenden Gesundheitssystems mit 99 Prozent Abdeckung den höchsten Wert im Ranking erreicht.
Wer weiss, dass ärztliche Hilfe schnell und bezahlbar verfügbar ist, schläft offenbar entspannter. Am anderen Ende steht Kairo in Ägypten: Zwar gibt es dort öffentliche und private Angebote, doch das breit zugängliche System gilt wegen Unterfinanzierung und Personalmangel als schwach und erhöht den Alltagsdruck spürbar.
Ähnlich deutlich sind die Unterschiede bei der Sicherheit. Die südafrikanische Stadt Pretoria verzeichnet mit einem Kriminalitätsindex von 81.9 den höchsten Wert im Vergleich. Das subjektive Sicherheitsgefühl ist niedrig, tagsüber wie nachts. Das Gegenstück dazu findet sich am Golf: Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten kommt auf einen Index von nur 11.0 und zählt damit zu den sichersten Städten der Welt.
Basel mit stressig hohen Kosten
Bei den Kosten gibt es für die Schweiz einen Spitzenplatz – allerdings keinen, um den man uns beneidet. Basel ist mit einem Lebenshaltungskostenindex von 119.6 die teuerste Stadt im gesamten Ranking. Am anderen Ende der Skala steht das indische Jaipur, wo das Leben zwar besonders günstig ist, dafür aber die Luftqualität massiv leidet: Die Feinstaubbelastung liegt dort fast zehnmal über den WHO-Richtwerten.
Remitly betont, dass Stress individuell empfunden wird. Die Studie bilde strukturelle Rahmenbedingungen ab, keine persönlichen Lebensentwürfe. Trotzdem zeigt sich ein Muster: Wo Wege kurz, Kosten kontrollierbar und die Luft sauber ist, sinkt der Druck.
Anders gesagt: Manche Städte verlangen ihren Bewohnerinnen und Bewohnern deutlich mehr ab als andere.