Von Fake-Freundin bis Schlussmachen Diese Schweizer Agentur liefert Alibis, wenn das Leben kompliziert wird

Carlotta Henggeler

30.12.2025

Ob toxische Beziehung oder Zoff mit dem Chef: Wer Probleme hat, die er oder sie nicht alleine lösen kann, meldet sich zum Beispiel bei einer Alibi-Agentur. 
Ob toxische Beziehung oder Zoff mit dem Chef: Wer Probleme hat, die er oder sie nicht alleine lösen kann, meldet sich zum Beispiel bei einer Alibi-Agentur. 
Bild: IMAGO/YAY Images

Was genau macht eine Alibi-Agentur? Und wie läuft das ab, wenn jemand anderes für einen Schluss macht? Beni Keller ist Inhaber einer solchen Agentur und erklärt, warum Lügen nicht immer verwerflich ist.

Carlotta Henggeler

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Die Agentur Freiraummanager.ch bietet Alibi-Dienstleistungen an, um Menschen in belastenden Lebenssituationen Schutz, Zeit und Handlungsspielraum zu ermöglichen.
  • Rund 2'500 Schauspieler*innen helfen bei inszenierten Szenarien – jedoch nur bei legalen und ethisch vertretbaren Aufträgen, die vorher sorgfältig geprüft werden.
  • Der wachsende Bedarf entsteht laut CEO Keller durch steigende gesellschaftliche Erwartungen und die Angst vor Verurteilung, verstärkt durch Social Media.

Herr Keller, Ihre Lifestyle-Agentur bietet Alibis für verschiedenste Situationen an. Was sind das für Situationen?

Oft geht es um Doppelleben oder Vorwände, die Menschen in komplexen Situationen brauchen. Eine Klientin wurde zum Beispiel von ihrem Chef sexuell belästigt. Aus Angst um ihre Karriere wollte sie sich intern aber nicht wehren. Sie wollte ihm aber dennoch einen Denkzettel verpassen – ohne rechtliche Grenzen zu überschreiten oder ihn zu verletzen. Der Vorgesetzte erhielt von uns daraufhin diskret inszenierte, erotisch beschriftete Päckli. Plötzlich war das ganze Team sensibilisiert. Das reichte, damit er vorsichtig wurde.

Ist das tatsächlich die beste Lösung für einen solchen Fall?

Eine moralische Lösung wäre eine offizielle Meldung gewesen. Aber die Realität ist selten ideal. Menschen stecken oft in Zwickmühlen.

Haben Sie weitere Beispiele?

Ein anderes betrifft einen Profifussballer, der sich nicht outen kann. Für Events begleitet ihn eine vermeintliche Freundin – ein Rollenspiel, das ihm Zeit verschafft und ihm den Rücken freihält, bevor grosse Matches oder Turniere anstehen.

Wo ziehen Sie als Agentur die moralische Grenze? Gibt es Anfragen, die Sie kategorisch ablehnen?

Alles Illegale, ohne Ausnahme. Straftaten vertuschen? Unmöglich. Vor Gericht Alibis herstellen? Ebenso nicht. Aber in Geschäftsbeziehungen, Freundschaften, Partnerschaften oder Familien ist die Lage oft komplexer. Manche müssen sich kurzfristig aus einer Situation zurückziehen, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben. Aber: Wenn die Motivation nicht stimmig ist, lehnen wir ab. So etwa der Fall eines Mannes, der wollte, dass wir mit seiner schwangeren Freundin Schluss machen. Das ist schlicht nicht unser Auftrag. Dagegen helfen wir durchaus Menschen beim Schlussmachen, die Opfer von Straftaten, Manipulation, Gewalt oder toxischem Verhalten sind und die Beziehung aus eigener Kraft nicht mehr beenden können.

Wie läuft das ab, wenn Sie für jemanden Schluss machen? Wie entsteht der Erstkontakt und sagen Sie der betroffenen Person offen, dass Sie im Auftrag handeln?

Nach der Kontaktaufnahme durch die Person, die Schluss machen will, besprechen wir die Vorgehensweise. Die Botschaft wird entweder telefonisch oder persönlich überbracht. Bei Letzterem suchen wir die Person, mit der Schluss gemacht werden soll, im öffentlichen Raum auf, am Arbeitsplatz oder zuhause. Situativ und abhängig von Eskalationsrisiken kommen wir auch in Begleitung, erarbeiten taktische Vorgehensweisen und planen Massnahmen, wie zum Beispiel ein spontaner Umzug.

Ist es aus Ihrer Sicht nicht feige, das Schlussmachen zu delegieren – oder gibt es Situationen, in denen das sogar sinnvoll sein kann?

Mit Feigheit hat das nichts zu tun. Teilweise haben Personen Angst, weil sie etwas Belastendes über den Partner herausgefunden haben. Nehmen wir an, der Partner hat Straftaten begonnen, hat das Vertrauen erheblich missbraucht oder ist zuhause gewalttätig. In solchen Situationen empfehlen wir sogar ausdrücklich, Hilfe zu beanspruchen, weil viele Personen im Affekt schlechte Entscheidungen treffen. Eine externe, objektive Perspektive hilft, gute und nachhaltige Lösungen zu finden.

Wie prüfen Sie, ob tatsächlich so ein Fall vorliegt, und nicht einfach jemand seine Verantwortung abgeben möchte?

Dass jemand seine Verantwortung abgeben will, ist menschlich. Deshalb prüft das Team die Fälle gründlich. Wir brauchen dafür Indizien: Chatverläufe, Fotos, schriftliche Belege. Wir handeln nicht aufgrund einer einzigen Aussage. Und im Zweifel lehnen wir ab.

Wie oft lehnen Sie Fälle ab?

Wir lehnen zirka jeden 5. Fall ab. Pro Jahr lässt sich das nur schwer beziffern. Entscheidungen werden nie allein gefällt. In Zweifelsfällen holen wir Meinungen von mehreren Beteiligten oder internen Experten. Wir wägen ab, bis es stimmig ist. Unser Ethikkodex sei kein starres Regelwerk, sondern eine Mischung aus Vernunft, universellen Prinzipien und situativer Einschätzung.

Zur Person

Beni Keller (41) ist CEO der Alibi-Firma Freiraummanager. Er absolvierte Ausbildungen in Management und Marketing und führte neue Geschäftsmodelle in der Schweiz ein. Als er den Job in der Alibi-Agentur angeboten bekam, nahm er an, weil er auf der Suche nach einer Arbeit näher am Menschen war. Die erste Alibi-Agentur wurde 1999 in Oldenburg (DE) gegründet und ist heute in mehreren Ländern vertreten, in der Schweiz gibt es aktuell eine. Freiraummanager arbeitet mit einem kleinen, spezialisierten Netzwerk aus Fachpersonen sowie einer Vielzahl von Schauspielerinnen und Schauspielern zusammen. 

Geht auch mal etwas schief?

Ja, es gab Fälle, in denen ein Klienten die Situation selbstverschuldet und entgegen unserer Ratschläge verschlimmert haben. Zum Beispiel, wenn ein Klient sich nicht an die vereinbarte Storyline hält, Unterlagen nicht rechtzeitig liefert oder Dinge zu Hause herumliegen lässt, die vertraulich sind und von anderen entdeckt werden. Dafür können wir kaum Verantwortung übernehmen.

Ihre Klienten befinden sich oft in emotionalen Ausnahmezuständen, oder?

Ja, manche Klienten können sich emotional nicht gut abgrenzen – ihnen fehlt die Objektivität, sie lassen sich rasch zu etwas hinreissen, was ihnen selbst schaden könnte oder sind zu unvorsichtig. Wenn unsere Lösungsvorschläge nicht weiterhelfen, bieten wir auch Sessions mit Therapeuten oder Coaches an, um Klarheit für eine möglichst gute und nachhaltige Entscheidung schaffen zu können.

Haben Sie ein Beispiel?

Erst kürzlich änderte eine Klientin innerhalb kurzer Zeit mehrmals ihre Anforderung an uns. Sie war sehr aufgelöst und wusste nicht, welchen Weg sie einschlagen soll. Wir rieten ihr, mit Hilfe eines professionellen Coaches zuerst ihr Motiv zu reflektieren und Klarheit über ihr Ziel zu schaffen, bevor Massnahmen definiert und umgesetzt werden.

Sie arbeiten mit rund 2’500 Schauspieler*innen zusammen. Wofür?

Wir haben Profis und Laien – je nachdem, welches Profil eine Rolle erfordert. Laien werden zum Beispiel bei Testkäufen, bei der Übermittlung von Botschaften, bei Einsamkeitshilfe oder beim Erfüllen von Wünschen eingesetzt. Professionelle Schauspieler engagieren wir bei der Umsetzung von anspruchsvollen Storylines oder als Mietfreund*in.

Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Mitarbeiter gut geschützt sind?

Bevor jemand in den Einsatz geht, werden Leitplanken gesetzt, Verträge unterschrieben, Worst-Case-Szenarien besprochen. Und Sicherheit ist oberstes Gebot: Besonders Schauspielerinnen werden je nach Rolle sehr gut geschützt. Es gibt immer ein Backup, das ist zentral.

Erhalten die Schauspieler*innen psychologische Nachbetreuung, wenn sie in sehr toxische oder gewaltnahe Konstellationen geschickt werden?

Natürlich steht diese Möglichkeit jederzeit zur Verfügung. In der Realität wird dies allerdings kaum beansprucht – ganz einfach deshalb, weil die Situationen in der Regel gut verarbeitbar sind. Wir begeben uns grundsätzlich nie in gewaltsame Konstellationen, und in potenziell toxische Situationen werden nur erfahrene Personen geschickt. Bei unseren Fällen geht es eigentlich vielmehr um Geschichten, die absolut menschlich und somit für alle Beteiligten gut verdaubar sind.

Welche Rollen sind denn so gefragt – neben der Freundin für einen schwulen Sportler?

Es gibt keine klassisch gefragten Rollen, da jede Ausgangslage eine andere Geschichte mit sich bringt. Von der eifersüchtigen Ehe- oder Ex-Frau bis zum verheimlichten, unehelichen Kind, das auf einmal unerwartet auf der Bildfläche auftaucht, kann alles dabei sein.

Gab es Situationen, in denen Konflikte mit Schauspielern eskaliert sind? Ist dabei jemand aufgeflogen?

Nein, es gab noch nie Eskalationen. Unsere Schauspieler sind noch nie aufgeflogen. Aber natürlich gibt es unschöne Reaktionen – etwa, wenn ein Schlussmacher eine Beziehung beendet und dabei auch den Grund offenlegt. Zum Beispiel, dass die betroffene Person den auftraggebenden Partner bestohlen oder betrogen hat. Dann reagieren manche mit Ausreden, Entschuldigungen oder sogar Anfeindungen. Das gehört dazu. Entscheidend ist, dass unser Klient geschützt und sicher bleibt.

Ihre Mitarbeitenden schlüpfen in erfundene Rollen, um Situationen zu inszenieren oder bestimmte Wirkungen zu erzielen. Sie täuschen also bewusst. Haben Sie und Ihr Team dabei nie ein schlechtes Gewissen?

Für alle Beteiligten ist es eine Dienstleistung. Sie schlüpfen in Rollen, um Situationen zu stabilisieren und Menschen zu schützen. Das Team achtet darauf, dass alle psychisch stabil bleiben. 

Was sagen Sie Kritikern, die Ihre Arbeit verwerflich finden?

Diese Kritik ist meist kurzsichtig. Und sie kommt oft von Menschen, die selbst nie in solchen Lebenslagen waren und aus einer moralisch bequemen Komfortzone heraus urteilen. Es ist ein illusorisches Schloss der moralischen Überlegenheit. Die Menschen, die zu uns kommen, haben echte Nöte.

In den letzten Jahren hört man immer mehr über Alibi-Agenturen wie Ihre. Warum sind Ihre Dienstleistungen so gefragt?

Wir Menschen werden heute für alles beurteilt: Für das, was wir tun – und für das, was wir nicht tun. Social Media verstärkt die Angst vor Fehlern, Aggressionen oder Fehlinterpretationen. Viele trauen sich nicht mehr, so zu leben, wie sie möchten. Diese Menschen suchen bei uns Schutz, Zeit und Handlungsspielraum.

Was kosten Ihre Dienstleistungen?

Wir berechnen unsere Preise nach Aufwand, also nach Vorbereitung, Dauer, Anzahl Beteiligter und Komplexität des Szenarios. Manche wollen nur eine einzelne Situation lösen – andere benötigen ein ganzes Konstrukt.


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