Donna Leon: «Sie sprachen von einer neuen Methode der Drogendealer»

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23.5.2018

Donna Leon über ihren 27. Brunetti-Krimi: «Meine Freunde sprachen von einer neuen Methode der Drogendealer, im Viertel ihre Geschäfte abzuwickeln, vor aller Augen und wohl auch mit dem Wissen der Polizei. Ich wusste sofort, ich war auf eine Goldader gestossen, und hatte damit den Ausgangspunkt für mein neues Buch.»
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Krimifans aufgepasst: Donna Leon publiziert heute mit «Heimliche Versuchung» den 27. Fall ihrer berühmten Romanfigur Commissario Brunetti. Ein Interview mit der Bestseller-Autorin.

Als eine Bekannte von Paola in der Questura vorspricht, glaubt Commissario Brunetti im neuen Roman «Heimliche Versuchung» zunächst, sie mache sich unnötig Sorgen um ihre Familie. Da wird ihr Mann im Koma ins Krankenhaus eingeliefert. Ein Überfall und Verbindungen ins Drogenmilieu liegen nah. Konkrete Anhaltspunkte fehlen.

Und doch stösst der Commissario aller­orten auf Betrügereien, ja sogar auf ein Leck in der Questura. Fakten bekommt er keine zu fassen, geschweige denn einen Täter. Aber sein Gerechtigkeitssinn lässt ihm keine Ruhe. Woran Gesundheitswesen und Gemeinwesen kranken – nicht nur in Italien.

Bluewin: Frau Leon, in «Heimliche Versuchung» begegnet Commissario Brunetti einem Drogenhändler, einem zwielichtigen Apotheker, einem Teenager in Nöten und einer geplagten Mutter. Wo haben Sie diese Leute kennengelernt?

Donna Leon: Wie es in kleinen Städten öfter passiert, stellte ich mich dazu, als sich Freunde auf der Strasse unterhielten. Sie sprachen von einer neuen Methode der Drogendealer, im Viertel ihre Geschäfte abzuwickeln, vor aller Augen und wohl auch mit dem Wissen der Polizei. Wenn das kein Stoff für eine Geschichte war. Ich wusste sofort, ich war auf eine Goldader gestossen, und hatte damit den Ausgangspunkt für mein neues Buch. Und während ich daran schrieb, weitete das Thema sich aus bis hin zu Machenschaften, die sich in einer Apotheke zutrugen.

Einmal mehr hat Sie der venezianische Alltag inspiriert?

Je näher meine Geschichten an der Wirklichkeit sind, desto besser. Auf viele meiner Themen bin ich im Gazzettino gestossen, jener Fundgrube für Klatsch, die ich wie jeder Venezianer täglich mit Vergnügen studiere. Oft löst ein einziger Artikel in dieser Lokalzeitung eine Lawine von Gerüchten aus. Den Besuchern, die von der Geschichte und Schönheit Venedigs überwältigt sind, ist kaum je bewusst, dass die Stadt nur 54'000 Einwohner hat − mit einer einzigen Einnahmequelle: dem Tourismus.

Donna Leon über ihre Romanfigur: «Brunetti mag die griechischen und römischen Klassiker. Mehr denn je sucht er bei ihnen Erkenntnisse über menschliches Tun und Hoffen.»
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Hinzu kommen Überalterung, eine hohe Arbeitslosigkeit, enorme Schwierigkeiten, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Kurz: So unglaublich schön diese Stadt auch ist, sie hat dieselben Probleme wie jede andere Kleinstadt. Der Alltag in Venedig unter scheidet sich kein bisschen vom Alltag anderswo, nur dass er sich hier inmitten grandioser Schönheit abspielt.

Im vorigen Roman hat Brunetti eine Auszeit genommen. Ist er jetzt wieder an der Arbeit?

Ja, in «Stille Wasser» hat er eine Art Ferien in der Lagune gemacht, jetzt ist er wieder mittendrin im Getümmel und bekommt es mit einer Ermittlung zu tun, die immer grössere Ausmasse annimmt.

Privat lädt er seine Batterien mit Lesen auf?

Brunetti mag die griechischen und römischen Klassiker. Mehr denn je sucht er bei ihnen Erkenntnisse über menschliches Tun und Hoffen. Immer wieder findet er Hinweise darauf, dass die Menschen von damals uns sehr ähnlich waren, dass sie dieselben Sorgen und Schwächen hatten wie wir. Dies ist ein Trost für ihn, wenn auch ein schwacher.

In «Heimliche Versuchung» liest er Antigone , eine Tragödie, in der es um Recht und Gerechtigkeit geht und die Figuren am Scheideweg stehen. Brunetti fällt auf, dass jeder Einzelne in dem Stück – genau wie im wirklichen Leben – darauf besteht, selbst zu entscheiden, was recht und billig für ihn ist. Und da die Figuren sehr unterschiedliche Auffassungen davon haben, muss Brunetti zwischen ihren Standpunkten entscheiden.

Brunetti hat Jura studiert. Aber je älter er wird, desto mehr scheint er die Klassiker dem Codice Penale, dem Strafgesetzbuch, vorzuziehen?

Gesetze sind ihrem Wesen nach Auslegungssache. Als Jurist weiss Brunetti, wie vage und interpretationsbedürftig Gesetze sein können. Als Polizist jedoch muss er sie nicht bis ins Letzte aufdröseln, sondern nur für Ordnung sorgen. Doch weil er die Dinge in Frage stellt, weiss er, dass der Buchstabe des Gesetzes noch so klar sein mag: Menschliche Beweggründe sind widersprüchlich, und das Leben ist chaotisch.

Mir fällt auf, dass Brunetti, so wie die Bücher mit den Jahren an Reife gewonnen haben, so hoffe ich jedenfalls, sich immer mehr dafür interessiert, warum die Menschen etwas tun. Genau genommen ist es uninteressant zu erfahren, wer ein Verbrechen begangen hat: Das ist nur ein Name. Viel spannender sind die Motive für ein Handeln, das die Gesellschaft gemeinhin als Verbrechen betrachtet.

Donna Leon über Italien: «Italiener haben nach meiner Beobachtung ihren Staatsapparat nicht sonderlich gern, auch wenn sie ihr Land lieben und äusserst stolz auf ihre Kultur sind.»
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Mehrere Personen in dem Buch verstossen gegen Gesetze, um ihre Familie zu schützen. Als Familienmensch bringt Brunetti dafür Verständnis auf. Aber als Polizist? 

Nach meiner Überzeugung können die meisten Leute so ziemlich alles rechtfertigen, ganz gleich, wie böse es ist; weshalb es gefährlich ist, ihren Geschichten oder Erklärungen ohne Weiteres Glauben zu schenken. Man läuft Gefahr, ihnen ihre Untaten nachzusehen. Brunetti will, wie gesagt, die Hintergründe verstehen; er ist aber auch erfahren und intelligent genug zu wissen, wie leicht die Menschen sich etwas vormachen. Sowie jemand glaubt, grössere Rechte zu haben als ein anderer oder alle anderen, ist er zu sonst etwas imstande und dabei aber aufrichtig der Meinung, kein Unrecht zu begehen.

In «Heimliche Versuchung» nehmen die Italiener es nicht so genau mit dem Geld des Staats?

Italiener haben nach meiner Beobachtung ihren Staatsapparat nicht sonderlich gern, auch wenn sie ihr Land lieben und äusserst stolz auf ihre Kultur sind. Die Steuerlast ist enorm – fast wie in Schweden −, doch Italiener bekommen dafür viel weniger Gegenleistungen. Wenn man sich reingelegt fühlt, ist man auch viel eher bereit, andere reinzulegen. Ich habe den Eindruck, Italiener betrachten ihre Regierung als Feind. Wenn man sieht, wie häufig Politiker vor Gericht stehen, versteht man, warum die Bevölkerung so empfindet.

Brunetti kommt in die Jahre. Wird er auch weiser?

Ja, Brunetti wird älter; ob er auch klüger wird, weiss ich nicht. Nachdenklicher ist er bestimmt, auch wenn das keine Garantie für Weisheit ist: Gedanken sind schliesslich nur Gedanken, sie müssen nicht unbedingt klug oder rich tig sein. Mit Sicherheit neigt er jetzt mehr dazu, in Frage zu stellen, was ihm als Wahrheit aufgetischt wird. Und das ist doch keine schlechte Angewohnheit, oder?

Zur Person: Donna Leon

Donna Leon, geboren 1942 in New Jersey, lebt seit 1965 im Ausland. Sie arbeitete als Reiseleiterin in Rom und als Werbetexterin in London sowie als Lehrerin an amerikanischen Schulen in der Schweiz, im Iran, in China und Saudi-Arabien. Die «Brunetti»-Romane machten sie weltberühmt. Donna Leon lebt heute in der Schweiz und in Venedig.

Buchhinweis: «Heimliche Versuchung», Donna Leon, Diogenes Verlag, ISBN 978-3-257-07019-4, 32 Fr.

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