Zürcher Nachtleben in Aufruhr«Durch die Stadt initiiert, mutierte die Langstrasse zur Partymeile»
Bruno Bötschi
5.4.2025
«Rein ökonomisch ist die Clubkultur in Zürich auf zwei Ebenen interessant: Erstens als Teil der Kreativwirtschaft und Zweitens aus Sicht des Standortmarketings»: Philipp Meier. Das Bild zeigt den Eingangsbereich des Club Hive an der Geroldstrasse in Zürich.
Bild:Keystone
Das Nachtleben in Zürich ist im Umbruch. Behauptet wird, es kämen immer weniger junge Leute. Und weil immer weniger Alkohol getrunken wird, fehlen Einnahmen. Ein Interview mit Szene-Kenner Philipp Meier.
Philipp Meier gilt als eine der prägende Figuren des Zürcher Nachlebens.
Die Clubkultur in Zürich befindet sich in einem Umbruch, nachdem kürzlich die Zukunft, einem der innovativsten Clubs der Limmatstadt, seine Türen geschlossen hat.
«Das Nachtleben wurde in den vergangenen Jahrzehnten total mainstream und in vielen Belangen enttabuisiert», sagt Philipp Meier im Interview mit blue News.
Und weiter: «Durch die Stadt initiiert, mutierte die Langstrasse zur Partymeile und es gibt nach wie vor alternative und illegale Locations.»
Philipp Meier, du warst als Klubkurator in Zürich tätig und hast selber viele Jahre lang Partys organisiert. Wie hat sich aus deiner Sicht in den vergangenen 20 Jahren das Nachtleben verändert?
Puh, Rückblicke sind nicht so mein Ding. Mich interessieren viel mehr Gegenwart und Zukunft. Deshalb überrollt mich diese Einstiegsfrage wie ein überladenes Lovemobil.
Sorry, ich wollte dich mit meiner Einstiegsfrage nicht überrollen ...
... aber apropos Streetparade: Die wirkt mit ihren überdimensionierten Tieflader-Lastwagen-Soundmobilen wie aus der Zeit gefallen. Da passen die muskelbetriebenen Sound-Wägelchen der Critical Mass viel besser zum heutigen Zeitgeist.
Das Spannende dahinter: Die Critical Mass gibt es in Zürich fast so lange wie die Streetparade. Aber erst durch die Klimakrise gewann diese gemeinsame Velofahren an Relevanz und Zuspruch. Dadurch wird die Critical Mass quasi zur Streetparade der heutigen Jugendbewegungen und -kulturen.
Wie hat sich das Club- und Nachtleben in Zürich sonst noch verändert?
Das Nachtleben wurde in den vergangenen Jahrzehnten total mainstream und in vielen Belangen enttabuisiert. Durch die Stadt initiiert, mutierte die Langstrasse zur Partymeile und es gibt nach wie vor alternative und illegale Locations.
Die heutige Generation scheint Orte wieder etwas ungehemmter anzunehmen, die lange eher uncool waren, also zum Beispiel die Rote Fabrik oder das Dynamo. Und mit der Zentralwäscherei, kurz ZW, erhielt auch die Ecke mit Geroldstrasse und Hardbrücke einen neuen alternativen Hotspot.
Ich bin nicht so sicher, ob das auf die Jungen beschränkt ist. Die Corona-Zeit hat die Menschen ganz allgemein auf sich zurückgeworfen und dabei einige Gewohnheiten infrage gestellt – unter anderem auch das konstante Feiern gehen.
Das verstärkte nicht nur den Trend, das sogenannte Vorglühen zum eigentlichen Bestandteil des Ausgangs zu machen – also das Zuhause oder draussen zusammen was trinken – sondern auch, viel ausgewählter oder bewusster an Partys zu gehen.
Weil immer mehr Menschen nicht mehr bis frühmorgens im Club herumhängen wollen, werden heute öfter Day-Raves organisiert. Ein anderer Trend ist, dass die Gäste weniger oder gar keinen Alkohol konsumieren. Zu welcher Gruppe Menschen gehörst du?
Ich bin nach wie vor eher der Nachtmensch, konnte aber schon immer auch unberauscht eine Nacht durchtanzen. Day-Raves sind übrigens oft auch deshalb interessant, weil dort die einen nüchtern auftauchen und andere es eher als Afterhour verstehen.
«Das ausgelassene und üppige Nachtleben in Zürich mit dem Leuchtturm Streetparade waren neben Hochschulen und geografischer Lage mit die wichtigsten Faktoren, dass sich Google und all die anderen Tech-Firmen in der Stadt ansiedelten»: Philipp Meier, prägende Figur der Zürcher Clubszene.
Bild:instagram.com/metakoenig
Wie wichtig ist die Clubkultur für eine mittelgrosse Stadt wie Zürich?
Rein ökonomisch ist die Clubkultur in Zürich auf zwei Ebenen interessant: erstens als Teil der Kreativwirtschaft, also wegen der Arbeitsplätze und dem Umsatz, und zweitens aus Sicht des Standortmarketings.
Meine These ist nach wie vor: Das ausgelassene und üppige Nachtleben mit dem Leuchtturm Streetparade waren neben Hochschulen und geografischer Lage, sprich an Gewässern und mit Nähe zu Natur und Bergen, mit die wichtigsten Faktoren, dass sich Google und all die anderen Tech-Firmen in Zürich ansiedelten.
Die Clubkultur übernimmt jedoch auch gesellschaftliche und kulturelle Funktionen. Da, wo die einen als Ausgleich zu Alltag und Leistungsgesellschaft beispielsweise Sport treiben, feiern andere Partys. Und der Club kann nach wie vor ein interessantes, transdisziplinäres Experimentierfeld zwischen Musik, sozialer Skulptur und darstellenden und bildenden Künsten sein.
Im Interview mit tsüri.ch sagtest du vor wenigen Tagen, dass in Zürich «eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Nachtlebens» fehle. Kannst Du das noch etwas konkreter erklären?
Es fehlt eine Anerkennung dessen, was ich in meiner letzten Antwort ausführte. Deshalb ist es beispielsweise bezeichnend, dass einer der jüngsten Fix-Sterne der Städtischen Clubkultur – die Zentralwäscherei – keine Initiative des Präsidialdepartements ist, das für die Kultur zuständig wäre, sondern meines Wissens ein Zusammenspiel von Finanz- und Sozialdepartement. Weil dadurch inhaltlich womöglich eine grössere Freiheit entsteht, ist das nicht nur schlecht. Leider fehlt aber so auch ein konkretes Förderformat für Clubkultur.
Manche behaupten, dass Clubbing in den letzten Jahren politischer geworden sei. Wahr oder nicht?
Uff, wer sagt das? Kommt das daher, weil kritischer hingeschaut wird, wer hinter dem DJ-Pult steht und wie sich die Menschen auf dem Dancefloor verhalten?
Falls das so gemeint ist, scheint es mir wichtig zu betonen, dass es auch politisch ist, in diesen Belangen nicht kritisch hinzuschauen. Es ist quasi politisch total verludernd, wenn nur Cis-Dudes hinter den Plattentellern stehen und Frauen auf dem Dancefloor sexualisiert belästigt werden.
«Durch die Stadt initiiert, mutierte die Langstrasse zur Partymeile»: Philipp Meier.
Bild:Keystone
Wirklich wahr, dass die grösste Macht im Nachtleben eigentlich die Türsteher*innen haben?
Wenn meine These stimmt, dass die Menschen nicht mehr aus Prinzip oder standardmässig ausgehen, sondern gezielter und bewusster Partys feiern, dann wird die Stimmung im Club wichtiger. Und diese Stimmung lässt sich durch eine bewusstere Türpolitik steuern.
Wie sieht eine positive Türpolitik aus?
Je nach Location gibt es an der Türe idealerweise zwei unterschiedliche Aufgaben. Türsteher*innen, die vor allem für die Sicherheit zuständig sind, und Leute in ziviler Kleidung, die die Gäst*innen auf Augenhöhe empfangen.
Diese wurden früher Selekteur*innen genannt, weil sie oft einzig aufgrund des äusseren Erscheinungsbildes der Gäst*innen entschieden haben, wer in den Club reingehen darf. Heute heisst das eher Empfang oder Awareness. Die Mitarbeitenden an der Türe sollten eingespielt sein und vor allem soziale und emotionale Kompetenzen haben.
Geht es noch etwas konkreter bitte?
Heutzutage geht es immer öfter darum, in einem sehr kurzen Austausch herauszufinden, in welchem Zustand die Gäste sind, und ob sie sich im Club rücksichtsvoll verhalten. Das geschieht häufig über die Begrüssung und je nach Location mit Fragen und anderen Hinweisen. Dabei wird relativ genau beobachtet, wie sich die Menschen verhalten. Wenn sie beispielsweise gelangweilt oder abwesend wirken oder sich über das Gesagte lustig machen, dann sinkt die Chance, in den Club reinzukommen.
Das Ziel dieses Einlass-Prozedere ist, dass sich die Menschen im Club wohlfühlen – das heisst unter anderem kein Sexismus, Rassismus, Queer-Hass, kein Betatschen und Begrabschen, nicht zu viel Raum einnehmen und anderen, aber auch sich selber Sorge zu tragen. Je nach Community oder Themen-Party gibt es weitere, teils viel konkretere Kriterien, die über den Einlass entscheiden – zum Beispiel bei Partys nur für Frauen, erst ab einem bestimmten Alter oder für Queere.
Es gibt queerfreundliche Clubs an der Langstrasse in Zürich, die sich mit neuen Hausregeln vor unliebsamen Gästen besser schützen wollen. Darin steht unter anderem Folgendes: «Wir behalten uns das Recht vor den Einlass für Personen zu verwehren, die ein störendes, respektloses oder anderweitig unangemessenes Verhalten zeigen». Was hältst du davon?
Das klingt vernünftig und sollte für alle Clubs gelten.
Je nach Location gibt es an der Türe idealerweise zwei unterschiedliche Aufgaben. Türsteher*innen, die vor allem für die Sicherheit zuständig sind, und Leute in ziviler Kleidung, die die Gäst*innen auf Augenhöhe empfangen.
Diese wurden früher Selekteur*innen genannt, weil sie oft einzig aufgrund des äusseren Erscheinungsbildes der Gäste entschieden haben, wer in den Club reingehen darf. Heute heisst das eher Empfang oder Awareness.
Die Mitarbeitenden an der Türe sollten eingespielt sein und soziale und emotionale Kompetenzen haben. Heutzutage geht es immer öfter darum, in einem sehr kurzen Austausch herauszufinden, in welchem Zustand die Gäste sind, und ob sie sich im Club rücksichtsvoll verhalten.
Viele Gäste, die von Türsteher*innen abgewiesen werden, beginnen zu diskutieren. Wie hoch ist da die Erfolgschance?
Sehr klein. Es kommt in Ausnahmefällen höchstens auf den Grund der Abweisung und die ergänzten Argumente an. Je nachdem, wie insistiert wird, bestärkt das diskutieren sogar die Abweisung.
Früher fuhren viele zum Partymachen und Raven nach Berlin. Wo ist das Nachtleben heute am aufregendsten?
Ich ging nie zum Raven nach Berlin – mir reicht das Angebot Zürich.
Wann warst du zum letzten Mal in einem Club tanzen?
Ich gehe fast jedes Wochenende an mindestens eine Party. Am letzten Samstag war ich in der Zentralwäscherei. Da fanden auf demselben Gelände zwei verschiedene Partys statt. Ich tanzte unter anderem zu Psy-Trance, altem Acid und breakigem Dub.
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