Ein Engadin ohne Menschen

Caroline Fink

9.9.2019 - 00:00

Die Berge von Yukon erinnern an das Engadin, doch die «Wanderwege» sind einzig von Tieren geschaffen.
Bild: Caroline Fink

Nur diese Berge, die Wälder und Wolken. Welche Ruhe hätte es im Engadin, wenn keine Menschen dort leben würden. Die Natur lässt die Träume der Autorin dieser Kolumne wahr werden. Fast.

Ich sitze im Bündner Dorf Ftan beim Frühstück und blicke aus dem Fenster.

Auf Holzställe, Hausdächer und den Kirchturm, der sich weiss in die Höhe reckt. Dahinter, auf der gegenüberliegenden Talseite, ragen die Berge des Unterengadins auf. Mächtige Gipfel wie ewige Wächter, an deren Felsspitzen hie und da eine Wolke hängen bleibt, während sich an ihrem Fuss endlose Teppiche aus Wald ausbreiten.

Ich trinke einen Schluck Kaffee und gehe einem Gedankenspiel nach, das ich hier seit Jahren pflege: Ich stelle mir das Engadin ohne Menschen vor.

Nur diese Berge, diese Wälder und Wolken in einer Zeit vor unserer Zeit. Welche Ruhe, welche Wucht wohnte diesem Tal dann inne? Und wie würde es sich anfühlen, in einer der Lichtungen als einziger Mensch ein Lager aufzuschlagen, durch die Wälder zu ziehen, auf die Gipfel zu steigen?

Teil einer unberührten Welt – der namenlose See in der Wildnis von Yukon.
Bild: Caroline Fink

Dann, vor zwei Jahren, fand ich ganz unerwartet Antworten auf diese Fragen – im Yukon Territory.

Für eine Reportage reiste ich mit dem Schweizer Wildniskenner Kim Pasche in den kanadischen Norden. Stieg im Städtchen Whitehorse in ein Kleinflugzeug, flog zwei Stunden lang über unbewohntes Land, landete auf einem namenlosen See und paddelte wenig später im Kanu ans Ufer, während der Lärm des Propellers in der Stille verschwand.

In der Nähe des Sees schlugen wir ein Lager auf. Umgeben von Tannen, die schlank wie Orgelpfeifen aufragten, vor uns ein Fluss, der durch Schilfteppiche glitt, auf der gegenüberliegenden Talseite Gipfel wie im Engadin.



Meine Utopie war Realität geworden und für zehn Tage schliefen wir hier unter freiem Himmel, wanderten über Hügelzüge, streiften durch Wälder, fingen Fische und räucherten Karibufleisch.

Mit jedem Tag tauchte ich tiefer in diese Welt ein. Und immer mehr dämmerte mir: Diese Welt funktionierte nach ihren Gesetzen, nicht nach den unseren. Hier herrschten nicht wir. Vielmehr wurden wir Teil eines Gefüges, in dem grössere Kräfte wirkten. Gewitter etwa. Oder Grizzlys, die wir mehr als einmal mit rasendem Puls verscheuchten.

Was die Alpen einst waren: Wildes, weites Land, wie es heute im Yukon Territory noch existiert.
Bild: Caroline Fink

Zurück in Ftan, weiss ich: Meine Fantasie des unberührten Engadins existiert am anderen Ende der Welt. Ein Gedanke, der mir gefällt.

Doch viel wichtiger scheint mir die andere Lehre aus Yukon zu sein: Dass es – egal, ob wir unter den Sternen in der Wildnis oder im Bett in Ftan schlafen – nicht «uns Menschen» und «unsere Umwelt» gibt.

Nein, es gibt nur eine Welt, und wir sind Teil von ihr. Und was wir ihr zufügen oder von ihr nehmen, betrifft genauso uns. Ob im Guten oder im Schlechten.

Zur Autorin: Caroline Fink ist Fotografin, Autorin und Filmemacherin. Selbst Bergsteigerin mit einem Flair für Reisen abseits üblicher Pfade, greift sie in ihren Arbeiten Themen auf, die ihr während Streifzügen in den Alpen, den Bergen der Welt und auf Reisen begegnen. Denn von einem ist sie überzeugt: Nur was einen selbst bewegt, hat die Kraft, andere zu inspirieren.

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