Eselsbrücken in der Sprache – eine tierisch gute Idee

Mark Salvisberg

30.9.2020 - 18:00

Von wegen stur und dumm: Esel sind äusserst clever. 
Bild: Getty Images

Werden hohe Wellen geworfen oder geschlagen? Heisst es Maroni oder Marroni? Wie gut, dass es Methoden gibt, dank denen Wörter in unserem Gedächtnis haften bleiben. Tricks für Esel? – Im Gegenteil.

Menschen – vom Schüler bis zur Nobelpreisträgerin – lernen besser mit Eselsbrücken, und manch einer konstruiert sich eigene. Sei es, um sich Musiknoten zu merken, den Ablauf einer Prozedur oder ... deutsche Wörter.

Warum heisst es Eselsbrücke? Offenbar sind Esel dermassen wasserscheu beziehungsweise vorsichtig, dass sie selbst einen seichten Bach nicht durchschreiten wollen, weil sie wegen dessen Oberflächenspiegelung den Boden nicht sehen. Die «dummen» Esel brauchen also eine Brücke, um weiterzukommen. – So wie wir alle. Eine Eselsbrücke enthält idealerweise ein kreatives Element, etwas, was Sachliches mit Emotionalem oder Bildhaftem verbindet. Nachstehend eine kleine Auswahl.

Verschiedenerlei Gedankenstützen

Wie soll man sich Folgendes merken? Zurzeit bedeutet jetzt, aber zur Zeit heisst in der Zeit von ... Das Einfachste ist, sich zu vergegenwärtigen, dass zurzeit ein einzelnes Wort ist, ein Wort wie jetzt. Bei zur Zeit ... handelt es sich um zwei Wörter; sie beziehen sich ausschliesslich auf eine bestimmte Zeit oder Epoche (zum Beispiel zur Zeit Albert Einsteins).

Sehr häufig liest man, etwas werde hohe Wellen «werfen». Es heisst aber: hohe Wellen schlagen. Wie prägen wir uns dies ein? Am besten mit einer lautmalerischen Eselsbrücke: Hohe Wellen tönen nämlich, wenn sie brechen, wie ein sch – ein sch wie schlagen.

«Das s bei das muss einsam bleiben, kann man dafür dieses schreiben.» – Jener Reim hilft einem, das und dass nicht mehr zu verwechseln. Nicht schlecht. Ich denke aber, dass dass vor allem aus Flüchtigkeit geschieht und nicht aus Unwissenheit. (Wie soeben passiert.)

Manchmal kommt eine Eselsbrücke zufällig zustande. Als Jugendlicher konnte ich mir einfach nicht merken, ob wir in der Schweiz Maroni oder Marroni schreiben. Richtig wäre: Marroni. Ich stand wie der Esel am Berg und jammerte: «Ich brauche endlich einen Rettungsring!» Ach, Rettungsring – zwei Mal r! Ich habe es danach nicht mehr vergessen.

Memo-Trick mit Verfallsdatum

Und zum Schluss eine Merkhilfe von gestern: «Trenne nie das s vom t, denn es tut den beiden weh.» Also das mit dem Schmerz hatte ich den Ortho-Grafen von und zu Duden nie abgenommen. Mit der Rechtschreibreform hiess es dann aber plötzlich: Leis-tung, Meis-ter et cetera. Geht doch. Schön, lieber Duden, dass du für Sprechsilben-konformes Trennen zugänglich warst. Du hast mir und Millionen anderen Eseln, die s und t nicht trennen wollten, nach langen Jahren doch noch recht gegeben.

Zur Person: Mark Salvisberg war unter anderem als Werbetexter unterwegs. Der Absolvent der Korrektorenschmiede PBS überarbeitet heute täglich journalistische Texte bei einer Tageszeitung.

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