Leihen statt kaufen – diese Genferin denkt Luxusmode neu

Von Gabriella Alvarez-Hummel

15.12.2020

Es gehe ihr nicht primär um Nachhaltigkeit, sondern um gesunden Menschenverstand, sagt die 33-jährige Unternehmerin Nadia Khattab.
Bild: zVg

Wieso ein teures Designerkleid kaufen, wenn man es auch ausleihen kann? Was in den USA völlig normal ist, will die Genferin Nadia Khattab in der Schweiz etablieren. Sie hat eine Vermittlungs-Plattform für Luxusmode gegründet. 

In der neuen Serie «Morgenmenschen» porträtieren wir Personen, die Lösungen für eine enkeltaugliche Zukunft bieten, entwickeln und erkämpfen. Menschen, die bereits heute die Welt von morgen leben. Hoffentlich.

Corona hat ihr einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Nadia Khattabs Start-up La Garde-Robe florierte: 10'000 aktive Kundinnen, 500 Luxus-Outfits, die zum Vermieten von Privatpersonen zur Verfügung gestellt werden. Aber wenn keine Events stattfinden, ja nicht einmal Hochzeiten oder Silvesterpartys, bleiben Paillettenfummel und Cocktailkleid unbeachtet in den Schränken hängen.

Nachhaltigkeit war in Nadia Khattabs Leben zunächst einmal kein Thema. Die heute 33-Jährige studierte Finance in Paris und arbeitete sieben Jahre lang im Öl-Handel. Dann wurde sie Mutter. Mit dem Kind in ihren Armen wuchs auch ihr Bedürfnis nach Unabhängigkeit und einem eigenen Business. «Entschuldigen Sie den Ausdruck, aber die Schweiz ist ein Entwicklungsland in Sachen Innovation», sagt sie, und ergänzt: «So viele Konzepte, die in anderen Ländern selbstverständlich sind, gibt es bei uns nicht.»

Nachfrage sofort da

Die Idee zur Online-Kleidervermietung namens La Garde-Robe entsprang einem persönlichen Bedürfnis: «In Genf zu shoppen ist teuer. Gleichzeitig ist der Schweizer Markt für den Retailbereich nicht attraktiv, weil er zu klein ist. Viele Marken kommen so gar nicht erst zu uns.»

Die dunkle Seite der Mode

• Die Modeindustrie ist für 8–10 % der CO2-Emissionen weltweit verantwortlich. Das ist mehr als Flug- und Schiffsverkehr zusammen.
• Sie verursacht 24 % der weltweit eingesetzten Insektizide und 11 % der Pestizide.• 500 Milliarden USD an Kleidung landen jährlich unverkauft und unrecycelt auf Müllhalden.
«The True Cost»: Fast-Fashion-Doku aus dem Jahr 2015, die unter anderem viele Mode-Influencerinnen zur fairen Mode brachte.

In den USA und anderen Ländern sei es völlig normal, Kleidung für besondere Events zu mieten. «Es macht einfach keinen Sinn, ein Kleid für nur einen Abend zu kaufen. Das hat nicht mal was mit Nachhaltigkeit zu tun, sondern einfach mit gesundem Menschenverstand.»

Nur kurze Zeit später hingen bereits Dutzende Kleider zum Vermieten von Freundinnen und Bekannten in Nadia Khattabs Wohnzimmer. Ihr Freund sei ziemlich genervt gewesen, konnte aber kaum etwas einwenden, denn: La Garde-Robe, die Sharing-Plattform für Luxus-Kleider, lief von Beginn weg gut. Tägliche Anrufe kamen rein. Viele, die Kleider vermieteten, mieteten selbst auch welche und umgekehrt. Die Nachfrage war da. Nun ging es daran, zu skalieren.

Nachhaltigkeit steht nicht im Vordergrund

«Aus heutiger Sicht war das erste Jahr geprägt von Marktrecherche», sagt Nadia Khattab. Feedbacks einholen, A/B-Testing und den richtigen Preis finden, der bei den Kundinnen und bei Nadia ein gutes Gefühl hinterlässt. «Anfangs hörte ich Podcasts zum Thema aus den USA. Aber es brachte mir nichts. Das Schweizer Ökosystem ist völlig anders als jedes andere. Wir mussten selbst herausfinden, was bei uns funktioniert.»

Weil Nadia Khattab ihre Kundschaft so gut kennt, weiss sie auch, dass der Nachhaltigkeitsaspekt nicht die treibende Kraft hinter ihrem Geschäft ist. Nachhaltige Mode sei noch immer eine extreme Nische. Viel wichtiger sei es, ein sexy Produkt anzubieten. Eines, das auch Menschen interessiert, die nicht explizit nach nachhaltiger Mode suchen. Im Fall ihrer Plattform geht jedoch beides Hand in Hand: «Es ist nachhaltiger, dafür zu sorgen, dass ein Luxuskleid auch wirklich oft getragen wird, als ein Fair-Fashion-Outfit nur wenige Male zu tragen.»

Griff nach den Mode-Sternen

La Garde-Robe ist organisch gewachsen. Grosse Investitionen seien keine nötig gewesen. Doch wegen der tiefen Nachfrage während der Corona-Pandemie musste die Gründerin einen Nebenjob annehmen. Für dieses Jahr wäre die Marketing-Offensive in die Deutschschweiz geplant gewesen.

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Gabriella Alvarez-Hummel ist freie Journalistin. Die «Morgenmenschen»-Serie verbindet zwei ihrer Faibles: Porträts und Enkeltauglichkeit.

Was die Zukunft bringt, steht momentan noch in den Sternen. Was Nadia Khattab allerdings nicht davon abhält, nach ihnen zu greifen. Sie will La Garde-Robe zu einer Multi-Service-Plattform heranwachsen lassen, die in jeder Hinsicht dafür sorgt, dass Kleider bis zu ihrem Lebensende und darüber hinaus genutzt werden.

Eine, auf der man seine Kleider flicken lassen, upcyceln, vermieten, weiterverkaufen kann. Das wäre ein wichtiger Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft: Wenn ein Produkt so lange wie möglich genutzt wird und am Ende die Einzelteile weiterverwendet oder recycelt werden.

«Ich liebe die Geschichte um La Garde-Robe, nun muss ich dafür sorgen, dass wir überleben und weitermachen können.» Bis dahin, so sagt sie, backt sie fleissig weiter Bananenbrot.


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