Frank Baumann: «Die Ehe ist eine hochexplosive Lebensform»

22.5.2019 - 00:00, Bruno Bötschi

1000 Fragen an Tausendassa Frank Baumann
56:39

1000 Fragen an Tausendassa Frank Baumann

Tausendsassa. So wird Frank Baumann immer wieder genannt. Na dann, dachte sich «Bluewin», führen wir mit dem Herrn doch einmal das längste Interview überhaupt: 1000 Fragen.

21.05.2019

Das längste Interview der Schweiz, Teil drei: Frank Baumann, der Tausendsassa, über Beziehungskrisen, seine Harmoniesucht, eine Ohrfeige und die Liebe seines Lebens.

Der erste Teil des «1000-Fragen»-Gespräches kann hier abgerufen werden, der zweite hier. Wer das Interview lieber schaut als liest, guckt sich das obige Video an.

Herr Baumann, die Vornamen Ihrer drei besten Freunde?

Nörbi, Tomas, Heinz.

Für den nächsten Teil des Interviews habe ich mir Hilfe geholt – von Ihrer Familie, von Ihren Freundinnen und Freunden und von einigen prominenten Schweizern. Sie alle haben ganz viele Fragen an Sie – man könnte fast meinen, Sie würden nie miteinander reden ...

Da bekomme ich gerade Schweissausbrüche.

Was ist Liebe?

Gaby.

Wo hockt Gott?

Wenn man das wüsste.

Was bedeutet es, Grossvater zu werden?

Grossartig.

Wie einfach fällt es Ihnen, sich zu entschuldigen?

Einfach.

Was würden Sie nie mehr im Leben tun, was Sie schon getan haben?

Fallschirmspringen.

Auf was sind Sie besonders stolz?

Auf meine Kinder.

Was wäre Ihr Plan, wenn Sie heute im Euromillions-Lotto 50 Millionen Schweizer Franken gewinnen würden?

Das ist eine schöne Vorstellung. Ich würde alles so lassen, wie es ist.

Wären Sie gern ein Westernheld?

Oh ja.

Und wenn Westernheld – welcher bekannte Schauspieler käme Ihrem Ideal am nächsten?

Früher wäre es Clint Eastwood gewesen. Und heute: Sie wollen jetzt vielleicht Tommy Lee Jones hören. Er ist grossartig, weil er sich in keinem Film Mühe gibt, sympathisch zu sein. Aber ich sage: Jeff Bridges. Der ist auch sehr geil.

Wieso wissen Sie, was ich hören will?

Weil ich gut beobachten kann.

Frank Baumann über seine Wurstmaschine: «Ich las in einem Buch: Ein Mann, der noch nie selber eine Wurst gemacht hat, ist kein Mann. Also wusste ich, dass ich hier ein Manko habe und begann mich damit zu befassen, wie man Würste macht und machte an einem Kochevent für Cervelat-Promis mit.»
Bild: Christian Thumshirn

Welche verbotene Droge würden Sie hemmungslos konsumieren, wenn sie völlig ungefährlich und legal wäre?

Wer hat diese Frage gesteckt? Mir kommt keine in den Sinn – ich würde doch gar keine Drogen nehmen wollen, weil ich sowieso schon ein solch nervöser Pinsel bin. Das wäre beängstigend, wenn ich zusätzlich was einwerfen würde.

Was machen Sie, damit Sie einmal Ruhe von Ihrem «Schnelldenkerhirn» bekommen?

Meditieren. Oder ich versuche es zumindest. Das ist ja das Schwierigste an dieser Zazen-Meditation: Einfach nur dazusitzen und mit offenem Blick alles wahrzunehmen, keine Bewertung zu machen und nichts zu denken.

Haben Sie beim Golf schon einmal beschissen?

Ja. Doch ich würde das nicht mehr machen.

Wie denn?

Vor vielen Jahren habe ich einmal einen Ball, der schlecht lag, umpositioniert. Doch dann sagte eine Stimme von hinten: Wie wollen Sie das Ihren Freunden erklären? Das fuhr mir so grausam ein, dass ich sogleich wusste, dass ich das nie mehr erleben möchte. Das war sehr schlimm.

«Also so schlecht wie heute habe ich noch nie gespielt!» – warum sagen Sie diesen Satz so oft auf dem Golfplatz?

Weil ich so oft so schlecht spiele.

Sie organisieren Golfferien – aber nur für Frauen?

Ich habe eine Golfreise-Serie nur für Frauen erfunden. Sie heisst Erdbeerholz. Ich habe festgestellt, dass es für Frauen kein derartiges Angebot gibt.

«Erdbeerholz» – wie kamen Sie auf diesen Namen?

Die Wurzel der Erdbeeren ist das feinste Holz, das es gibt.

Die golfenden Frauen sind alle begeistert, sie lieben Frank Baumann scheinbar heiss, es soll eine richtiggehende Hysterie ausgebrochen sein. Was ist Ihr Geheimnis als Ferienveranstalter?

(Lacht) Das ist Chabis. Ich mache das mit einem Kollegen zusammen und einer Kollegin, die Yoga-Lehrerin ist. Wir versuchen etwas anzubieten, das extrem hochwertig und detailbedacht ist und zur Entspannung und Entkrampfung führen soll.

In welchen Momenten verlieren Sie die gute Laune?

Wenn mich Leute nerven. Ich möchte mich nicht nerven lassen, wenn ein 90-Jähriger vor mir im Auto fährt.

Wann sieht man Sie schlecht angezogen?

Nicht mehr so oft.

Was bringt Sie zum Einschlafen?

Bestimmte Fernsehsendungen.

Wollten Sie nicht mal drei Gramm abnehmen?

Ich bin auf einem guten Weg.

Können Sie auch einmal  «Nein» sagen?

Ich möchte es immer allen recht machen. Ich bin nicht wie die Figur, die ich im Fernsehen dargestellt habe. Ich bin extrem harmoniebedürftig. Daher ist für mich Nein sagen eher schwierig.

Denken Sie, Ihre Frau Gaby braucht Sie mehr als eine halbe Stunde pro Tag?

Doch. Aber sie sagt manchmal auch, dass es schneller gehen könnte …

Verzichten Sie auf neue Mandate zugunsten Ihres Enkelkinds Maxime?

Würde ich machen. Das ist ja das grosse Problem. Meine Frau, die ja mein Chef ist, sagt jeweils: Warum nimmst du diesen Job nicht an? Dann sage ich, weil ich dann so lange Autofahren muss. Oder ich habe sonst irgendeine Ausrede. Aber die Ausrede Enkelin wäre noch besser. 

Was werden Sie mir Ihrer AHV-Rente machen?

Damit kann man nicht viel machen. So viel ist das nicht.

Sie sind bald 62. Wenn Sie pensioniert sind: Bleiben Sie kreativ, arbeiten Sie weiter?

Das ist ja das grosse Problem am Kreativsein. Das kannst du nicht einfach abschalten. Es denkt einfach immer. Manchmal wäre ich so froh, wenn es einfach aufhören würde. Wir können die Arbeit ja immer mit nach Hause nehmen. Das können die wenigsten. Chirurgen beispielsweise können zuhause ja nicht auch noch operieren. Die machen die Türe zu, und dann ist fertig. Dieses Abstellen geht bei uns Kreativen nicht. Auch nach unserer Pensionierung werden meine Frau und ich immer noch etwas herumchüngeln: Büchlein schreiben oder so.

Was würden Sie als König der Schweiz tun?

Nichts. Ich bin kein Fan von Königreichen.

Würden Sie gern gut Golf spielen können?

Ja.

Schämen Sie sich nicht über Ihr arrogantes Auftreten früher im Schweizer Fernsehen?

Das war eine Rolle. Und wenn einen die Leute auf der Strasse als Arschloch erkennen, dann ist das ein Kompliment für den Künstler. Für das Individuum hingegen ist das etwas blöde. Wenn die Leute auf Stefan Gubser zugehen, den «Tatort»-Kommissar, und ihm sagen: Herr Flückiger, mir ist das Portemonnaie gestohlen worden, helfen sie mir, dann ehrt das den Gubser. Wenn mir jemand sagte: Sie sind ein riesiges Arschloch, dann ist das ein Kompliment. Einer hat mich mal geohrfeigt. Das war zu Zeiten von «Ventil». Ich hatte die Militäruniform an und sass in einem Restaurant, da stand einer auf und haute mir eine «Flättere» runter. Mein Fahrer und sein Kollege nahmen ihn dann bei der Hand und führten ihn hinaus und sagten: So, wir gehen jetzt nach Hause. Das war legendär.

Was soll man Ihnen später einmal nachsagen?

Dass ich ein Frögli war.

Wie stehen Sie zum Älterwerden?

Positiv.

Wieso engagieren Sie sich nicht politisch?

Ich habe weder die Zeit noch die Kompetenz und Fähigkeit dafür. Ich würde mich auch ständig aufregen, dieses Zeugs auszusitzen. 

Was ist Ihr Beitrag daheim im Haushalt?

Ich habe letztens ein Papiertaschentuch, das meine Frau fallen liess, aufgehoben und entsorgt.

Was schätzen Sie an Ihren Freundinnen und Ihren Freunden am meisten?

Ehrlichkeit.

Wann haben Sie das letzte Mal mit einer Papierschleuder geschossen?

Was ist eine Papierschleuder? Ein Gummi, mit dem man Papierchügeli schiesst? Das ist paar Jahre her …

Was würden Sie unbedingt Ihrer Enkelin beibringen wollen?

Zeichnen.

Was würden Sie niemals essen?

Alles, was gschlüddrig ist.

Wo können Sie sich am besten entspannen?

Vermutlich im Schlaf.

Würden Sie gern auf eine Weltreise gehen? Wenn ja, wohin und wie lange?

Wir waren schon an sehr vielen Orten. Ich war aber noch nie in Lateinamerika, das würde mich noch interessieren. Aber heute scheinen so weite Reisen kaum noch angemessen, weil man sich immer fragen muss: Ist das nötig, so viel Umweltbelastung zu erzeugen fürs Vergnügen? Mein ökologischer Fussabdruck ist nicht so toll. Allein schon wegen des Golfens. Oder jetzt fliege ich zum Beispiel nach New York, um Fotos für ein Buch zu machen. Das ist bireweich. Dieser Zwist führt immer mehr zu Diskussionen zuhause. Ich finde es wichtig, dass wir uns da hinterfragen.

Würden Sie Botox anwenden?

Nein.

Würden Sie Ihre Haare färben?

Nein, Herr Bötschi!

Wenn Sie mit US-Präsident Donald Trump ein Treffen haben könnten, was würden Sie ihn als Erstes fragen?

Meinen Sie das ernst?

Was unternehmen Sie gegen Haarausfall?

Nichts! Ich habe keinen Haarausfall.

Frank Baumann über seinen grössten Fehler: «Ich kann unglaublich mühsam werden, wenn es um Perfektion geht. Ich kenne diesbezüglich keine Grautöne, sondern nur Schwarz und Weiss.»
Bild: Christian Thumshirn

Haben Sie jemals ein Geschäft auf dem Golfplatz abgeschlossen?

Nein, das macht man nicht. Wäre ich jetzt Zahnarzt oder Rechtsanwalt oder Versicherungsbroker, könnte das möglich sein.

Jetzt sagten Sie doch grad, man macht das nicht!?

Ja, aber wenn einer einen Rechtsstreit hat und der Kollege sagt: Dann gehe doch zum Baumann. Aber soll einer mich empfehlen, wenn er etwas Lustiges machen will am Fernsehen? Diese Chance ist klein.

Dann wollen Sie also doch weiterhin zum Fernsehen?

Hinter den Kulissen mache ich noch ab und zu etwas beim Fernsehen.

Welche Begegnungen haben Ihr Leben besonders stark geprägt?

Begegnungen mit Menschen.

Würden Sie gern einen Rebberg besitzen?

Nein.

Wären Sie gern Fussballspieler geworden?

Nein.

Wo möchten Sie am liebsten leben?

Dort, wo ich lebe.

Welche Romanheldin, welchen Romanhelden schätzen Sie am meisten?

Mungo Park. «Währen die meisten jungen Schotten seines Alters Röcke lüpften, Furchen pflügten und die Saat aussäten, stellte Mungo Park den Emir Ludamar, Al-Hadsch‘ Ali Ibn Fatoudi, seine blossen Hinterbacken zur Schau. Man schrieb das Jahr 1795.» So beginnt der Roman «Wassermusik» von T.C. Boyle.

Wer oder was wären Sie gern?

Ich bin zufrieden, wer und wie ich bin.

Wer ist Ihr Lieblingskomponist?

Eher ein klassischer.

Welches ist Ihr Lieblingsschimpfwort?

Du Huerenarschloch.

Welches ist Ihr grösster Fehler?

Dass ich solche Wörter sage. Mein grösster Fehler aber ist, dass ich unglaublich mühsam werden kann, wenn es um Perfektion geht. Ich kenne diesbezüglich keine Grautöne, sondern nur Schwarz und Weiss.

Welches ist Ihre Lieblingsfarbe?

Bunt.

Welches ist Ihr Lieblingsname?

Mungo Park.

Was verabscheuen Sie am meisten?

Dummheit.

Welche natürlichen Gaben möchten Sie gern haben?

Fliegen. In meinem Büro habe ich eine Kamera auf ein Storchennest gerichtet. Jetzt sind sie gerade ausgeschlüpft, und in sechs Wochen werden sie beringt und beginnen zu fliegen. Jetzt sehe ich immer diesen Storchenvater, der das Futter bringt, und wenn der so abhebt, dann fasziniert mich das enorm. Das wäre eine grosse Erleichterung, wenn wir fliegen könnten. (Anmerkung der Redaktion: Die Jungstörche sind kurz nach dem Interview leider verendet.)

Für alle Menschen?

Natürlich kämen dann sofort Regulierungen ins Spiel, Bewilligungen etc. Aber es würde ja eigentlich reichen, wenn nur ich das könnte oder wir beide.

Wie lautet Ihre Lebensmotto?

Geniesse das Leben ständig, denn du bist länger tot als lebendig. Oder: Turne bis zur Urne.

Welche militärischen Leistungen bewundern Sie?

Keine.

Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?

Luzide.

Welches Geräusch oder welchen Sound können Sie nicht ertragen?

Wenn Frauen mit Flipflops oder auch Sandalen im Sommer irgendwo durchwatscheln.

Welchen Beruf würden Sie niemals ergreifen wollen?

(Überlegt lange) Kommt mir keiner in den Sinn.

Wenn Sie ein Baum sein könnten, welcher möchten Sie dann sein?

Tannenbaum.

Wenn Sie eine Blume sein könnten, welche möchten Sie dann sein?

Ein Röschen.

Wenn Sie ein Tier sein könnten, welches möchten Sie dann sein?

Ein Löwe.

Wenn das Himmelreich existierte, was würden Sie beim Eintritt von Gott hören wollen?

Guten Abend miteinander.

Wir sind immer noch bei den Fragen von Familie, Freundinnen und Freunden und Prominenten. Stellen Sie eigentlich Ihrem Gegenüber schwierige Fragen, weil Sie die Antwort wirklich interessiert, oder um das Gegenüber zu verunsichern?

Ich stelle nie jemandem Fragen, um ihn zu verunsichern, sondern ich stelle die Fragen, die mir in den Sinn kommen. Ich bin sehr einfach gestrickt. Natürlich kenne ich Techniken, wie man jemanden steuern und manipulieren kann. Aber beruflich frage ich stellvertretend das, was die Leute interessieren könnte.

Wenn man in Ihrem Alter zügelt, nochmals neu beginnt, kommt einem da der Gedanke, dass dies auch die Endstation sein könnte?

(Überlegt lange) Einer der Auslöser für das Zügeln in eine kleinere Wohnung war auch geografisch bedingt. Wir wählten gezielt einen Ort, der uns ermöglichte, dass wir die wichtigen Erledigungen des Alltags zu Fuss besser erreichen, also ohne Auto. Banal: Bäckerei, Metzger, Läden. Denn ich will nicht derjenige sein, über den ich mich jeden Tag aufregen muss, weil er vor mir fährt. Das hängt mit dem Älterwerden zusammen, weil ich mich frage: Was mache ich in zehn oder 20 Jahren?

Sie sind früher in der Öffentlichkeit oft angeeckt, Ihr Sohn Maximilian ist heute auch oft  «mutig» unterwegs. Macht das einen Vater stolz oder gibt es auch die Angst um ihn?

Das macht stolz. Ist doch schön.

Was kann Maximilian besser als Sie?

Vieles.

Was nervt Sie an Maximilian?

Dass er immer sofort alles haben muss. Da ist er wie die Mutter.

Wie sehr brauchen Sie die Bühne am Arosa Humorfestival selbst?

Gar nicht.

Wie sehr wurde Arosa in den letzten Jahren zur Routine?

Es ist nicht Routine. Es ist jedes Mal ein grosses Abenteuer. Es ist ein Job, bei dem sich gewisse Prozesse verfestigt haben. Man weiss genau: Wenn man das macht, dann passiert das. Es gibt wenig Platz für Experimente. Es gab früher krasse Geschichten mit Leuten, die sich ausgezogen haben oder die mit Honig übergossen wurden und anschliessend mit Federn übersät. Das wollen die Leute nicht mehr. Sie wollen auch nicht mehr beschimpft werden, sondern sie wollen einfach kommen, sich ins Zelt setzen, geniessen und nach Hause gehen. Ich würde so gern extremere Sachen machen. Doch ist das nicht mehr gefragt.

Als Direktor des Arosa Humorfestivals, der selber als Komödiant auf Bühnen und vor Kameras stand: Denken Sie, wenn Sie den von Ihnen engagierten Künstlerinnen und Künstlern zuschauen, nicht manchmal: «Gopf, ich wäre besser!?»

Nein. Es ist so viel Arbeit hinter einem Programm. Es ist ja kein Nachwuchsfestival. Jene, die in Arosa auftreten, sind erfahren und beherrschen ihr Metier. Es wäre der falsche Ansatz, wenn ich jetzt hinginge und es besser machen wollte im Sinne von: Das hätte ich jetzt anders gemacht. Oder: Ich wäre nicht so tief unter die Gürtellinie gegangen. Das ist ein Spitzensport, den diese Leute betreiben.

Sie sind ein bürgerlicher Anarchist. Einverstanden?

Ja.

Wie geht das eigentlich zusammen?

Ich beweise es täglich.

Wie fröhlich stimmt es Sie, wenn Sie die Humorsendungen im Schweizer Fernsehen schauen?

Ich sagte schon, ich schaue nicht Fernsehen, aber ich schaue natürlich ab und zu etwas im Internet an. Wenn ich beispielsweise Künstler sehen will, für die ich mich interessiere. Wenn es lustig ist, ist es lustig. Manchmal sind es auch die falschen Künstler. Selbst am Arosa Humorfestival, für das ich die Künstler ja selber ausgesucht habe. Aber das hängt auch damit zusammen, dass man viele Künstler fürs Fernsehen gar nicht bekommt. Das Interesse ist nicht mehr so gross. Das hängt damit zusammen, dass Humor überall verfügbar ist. Man kann an so vielen Orten Humor konsumieren: Im «Kosmos» in Zürich, im «Casinotheater» in Winterthur und in der Badi in Bonstetten. Überall gibt es Humorfestivals.

Sie haben mit «Ventil» in den 1990er Jahren die beste Satiresendung gemacht, die es im Schweizer Fernsehen je gab, Sie waren damals ihrer Zeit 20 Jahre voraus. Wünschten Sie sich dafür mehr Anerkennung?

Nein. Ich bekam die Special Mention bei der «Goldene Rose von Montreux», mehr Anerkennung gibt es nicht. Dazu kommt, dass mich nie die Anerkennung angetrieben hat. Wir hatten eine Scheissfreude, etwas zu bewegen. Gibt es etwas Tolleres, als einen Hebel zu drücken und eine Reaktion zu bekommen. Vor vielen Jahren habe ich für Radio 24 auf dem Uetliberg ein Konzert im Schnee veranstaltet. Es gab einen Schneesturm, dem Gitarristen froren fast die Finger an den Saiten an. Und beim Saxophon froren die Klappen zu. Das übertrugen wir. Irgendwann sagte ich über den Sender: Wenn es euch gefällt, löscht das Licht bei euch zuhause ab. Das war ein unbeschreiblicher Moment. Da bekomme ich jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie damals in der Stadt einfach ein Licht nach dem anderen ausging. Wenn man als Inspirator oder als Idealist unterwegs ist, dann ist die Reaktion das Grösste. Das muss nicht Jubel sein. Was zählt, ist die blosse Kommunikation.

Hätten Sie in der Vergangenheit nicht doch besser voll auf eines Ihrer Talente gesetzt?

Nein. Es ist gerade gut. Ich bin breit abgestützt und mache da etwas und dort. Ich bin happy so.

Frank Baumann über Gewichtsprobleme: «Weil wir einfach zu viel essen und trinken. Jetzt habe ich aber wieder ein Fitnessabo gelöst und gehe dreimal in der Woche ins Training. Allerdings erst seit gestern.»
Bild: Christian Thumshirn

Würden Sie Satiresendung  «Ventil» heute nochmals machen?

Ja, natürlich. Wenn ich so fuhrwerken könnte, wie ich möchte und mich so weit hinauslehnen, würde ich sie sofort nochmals machen. Doch sehe ich als alter Mann keine Notwendigkeit, dass ich nochmals auf den Schirm gehe und besonders extrem bin. Dieses Bedürfnis habe ich nicht mehr. Doch finde ich ein solches Format nach wir vor toll. Vor allem, dass man auf der Klaviatur der Fantasie alle Tasten drücken darf. Das ist so entsetzlich, wenn man ein Medium wie das Farbfernsehen hat – und nur eine Oktave bespielen darf. Das ist doch schade. Man muss doch auch mal mit dem Arm drauf hauen können …

Oder mit dem Füdli drauf sitzen …

Genau. Oder was auch immer.

Tut es nicht weh, so viel Antipathie oder Vorbehalte bei den Leuten zu spüren, aufgrund einer TV-Sendung – und nach all diesen Jahren?

Es tut nicht weh. Diese Antipathie ist ja nur bei der Hälfte der Leute vorhanden, die anderen fanden die Sendung gut. Erstaunlicherweise treffe ich immer mehr Leute, die sagen, dass sie die Sendung gut gefunden hätten. Es ist einfach interessant, zu erleben, wie meine Rollen gesehen werden, sie bleiben jahrzehntelang in den Köpfen der Leute. Ein «Derrick» zum Beispiel ist auch heute noch ein Oberinspektor, obwohl er das in Wirklichkeit nie gewesen ist.

Ist es nicht schlimm, bei so vielen Menschen nur auf diese TV-Sendung reduziert zu werden? Viele Schweizerinnen und Schweizer wissen gar nicht, was Sie alles sonst noch können ...

Ja. «Ein Fisch für zwei» wurde für den Grimme-Preis nominiert. Das ist der höchste deutsche Fernsehpreis überhaupt, vergleichbar mit dem Oscar. Wir hatten eine Scheissfreude, das zu machen. Und auch die Gespräche mit über 80-Jährigen sind spannende Zeitdokumente. Aber ich bin auch der Auffassung, dass man nicht zu sehr zurückdenken und etwas hinterherrennen sollte.

Sind Sie eigentlich YouTube-süchtig? Sie kennen jedes Video und Filmchen – so kommt es einem jedenfalls vor.

Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich es nicht bin. Ich schaue aber auch sehr viel Musik. Etwa Arturo Sandoval, wie er Trompete ohne Mundstück spielt. Aber ich schaue auch, wie jemand Schleiereulen zuhause hält. Ab und zu bekomme ich auch etwas von Kollegen oder Studenten zugeschickt, und dann gerät man plötzlich in eine Schlaufe hinein. Ich habe drei Monitore, und auf einem läuft immer Musik. Wenn ich etwas von Sting höre, kommt irgendwann plötzlich etwas anderes, das mich vielleicht interessiert, und ich bleibe hängen. Oder ich checke einen Komiker … – ja, ich schaue viel.

Gibt es irgendwann den Rentner Frank? Und wenn ja: Was wird der tun?

Er rennt jetzt dann wieder etwas mehr, weil er abnehmen muss.

Sie haben eine Wurstmaschine. Wie kommt man auf so eine Idee?

Endlich ein relevantes Thema, Herr Bötschi, das ist grossartig! Ich las in einem Buch: Ein Mann, der noch nie selber eine Wurst gemacht hat, ist kein Mann. Also wusste ich, dass ich hier ein Manko habe und begann mich damit zu befassen, wie man Würste macht und machte an einem Kochevent für Cervelat-Promis mit. Dann sagte mir ein sehr guter Koch, wie das geht.

Warum habe ich bisher noch nie eine Frank-Wurst gesehen?

Hallo? Was ist mit den Frankfurterli? Noch nie gesehen? Das ist doch nahe dran. Nein, im Ernst: Es ist etwas Grossartiges, eine Wurst zu produzieren. Überhaupt: Zusammen ein Essen zu erzeugen, finde ich etwas Grossartiges.

Wie lange schlafen Sie nachts wirklich?

Wenn meine Frau nicht morgens um vier Uhr eine Grundsatzdiskussion mit mir anfangen möchte, dann sind es vielleicht sechs Stunden.

Braucht auch ein Baumann im Alter mehr Schlaf?

Ich finde schon. Vor allem braucht er keine Grundsatzdiskussionen morgens um vier Uhr.

Was machen Sie lieber: Schreiben oder Zeichnen?

(Überlegt lange) Ich schreibe, glaube ich, lieber. Ich liege meistens in meinem Stuhl, und dann ist das wie Sprechen. Es ist doch wunderbar, wenn man etwas entstehen lassen kann – auch mit geschlossenen Augen. Zeichnen ist eine andere Beschäftigung.

Haben Sie neben dem Arosa Humorfestival eigentlich ein regelmässiges, geregeltes Einkommen?

Ich habe noch zwei bis drei Mandate.

Die Sie reich machen?

Das wäre jetzt eine sogenannte Suggestivfrage. Nein, natürlich nicht.

Laufen Sie wirklich während der ganzen zwei Wochen am Humorfestival in Arosa im Hotel jedes Mal in den 8. Stock hinauf und nehmen nie den Lift?

Ja. Zu Beginn denke ich jeweils im vierten Stock: Wann hört das endlich auf?

Warum haben Sie denn ein Gewichtsproblem?

Weil wir einfach zu viel essen und trinken. Jetzt habe ich aber wieder ein Fitnessabo gelöst und gehe dreimal in der Woche ins Training. Allerdings erst seit gestern.

Welche Medien und anderen Kanäle konsumieren Sie regelmässig, damit Sie immer viel Wissen zum aktuellen Tagesgeschehen haben?

Das ist jetzt sehr extrapoliert. Ich weiss von sehr vielem sehr wenig. Aber ich habe in ganz wenigen Bereichen ganz viel Tiefe. Ich fege jeden Tag die NZZ durch. Dann lese ich die «Frankfurter Allgemeine». Auf Facebook schaue ich die abonnierten Kanäle an, die ich spannend finde. Den «Spiegel» lese ich in letzter Zeit auch wieder häufiger.

Und was ist mit der «Republik»?

Das tut mir schrecklich leid. Bei der «Republik» bin ich seit zwei Jahren Abonnent. Aber im dritten Jahr vermutlich nicht mehr. Ich wollte das unterstützen, und einzelne Geschichten habe ich auch verfolgt wie etwa den Bauskandal in Graubünden, aber ich kann nicht nur das lesen. Wenn ich die Triage machen muss, dann bleibe ich lieber bei der geradlinigen Information. Übrigens checke ich auch oft SRF, denn die machen das gut. Dort hat es weniger inhaltliche Fehler und Schreibfehler als zum Beispiel bei 20-Minuten-online.

Was gefällt Ihnen an Vals?

Die Talendlage, die intakte Natur, das frisch geschnittene Gras, der blaue Himmel, das glasklare Wasser … – es sprudelt aus den Felswänden heraus, und man kann es einfach trinken. Und diese wunderbare Echtheit.

Gefällt Ihnen Vals wirklich? Oder sagen Sie es nur, weil Sie dort halt ein Haus haben?

Es hat auch Dinge, die mir nicht gefallen.

Gefällt Ihnen Arosa wirklich? Oder sagen Sie das nur, weil Sie den Job am Humorfestival haben oder dem Kurdirektor einen Gefallen tun wollen?

In Arosa bin ich hauptsächlich während des Humorfestivals. Dort gefällt mir vor allem das Alpenpanorama. Ganz egal, ob es schneit oder die Sonne lacht. Es ist einfach immer verdammt intensiv. Und nachts aus dem Zelt herauskommen, das haut dich einfach um. Das sagen auch alle Künstler. Ich bin überhaupt mehr Bergmensch als Meermensch.

Der Kurdirektor von Arosa gefällt Ihnen nicht?

Wir sind ja langjährige Handballkollegen.

Und das macht sie beide automatisch zu grossen Sexsymbolen?

(Lacht) Das ist eine irrsinnig tolle Zusammenarbeit und langjährige Freundschaft. Aber wir müssen uns immer auch anzünden. Er war ja erfolgreicher Handballspieler auf nationaler und internationaler Ebene, einer der erfolgreichsten Handballer, den die Schweiz je hatte. Er war bei GC als Nummer 10 eine Legende. Ich war auch bei GC, musste aber wegen durchschnittlicher Schulleistungen aufhören. Irgendwann schrieb die NZZ, dass wir beide gut streiten und kämpfen könnten miteinander, weil wir beide bei GC zusammen Handball gespielt hätten. Sogar die «New York Times» hat das weiter zitiert. Dabei habe ich auf niedrigstem Niveau gespielt. Das regte ihn natürlich wahnsinnig auf, dass wir beide als Handballlegenden da stehen.

«Er ist immer optimistisch, tolerant und gegenüber allem sehr offen. Mit ihm kann man die ganze Bandbreite des Lebens geniessen» – wer hat Sie 1996 so beschrieben?

Das hat sicher meine Frau gesagt.

Bravo, ja! Das waren jetzt also alle Fragen Ihrer Familie, Ihren Freundinnen und Freunden und der Prominenten an Sie ...

Worin besteht der Unterschied zwischen allein und einsam sein?

Jemand, der allein ist, ist nicht zwingend einsam. Aber jemand, der einsam ist, kann sich auch in einer Gruppe allein fühlen.

Was spricht für die grosse Liebe?

Alles.

Und was fürs ewige Single-Dasein?

Das ist ein anderer Lebensentwurf. Es spricht viel dafür.

Frank Baumann über seine erste Ehe: «Ich würde nicht mal sagen missglückt. Es war einfach zur falschen Zeit das falsche Experiment.»
Bild: Christian Thumshirn

Mit Ihrer Frau sind Sie seit 31 Jahren verheiratet. Hat es sich gelohnt?

Seit 32 Jahren. Unbedingt.

Was haben Sie gedacht, als Sie Gaby Baumann-von Arx, Ihre heutige Frau, das erste Mal gesehen haben?

Als ich sie zum ersten Mal gehört habe, dachte ich: Das ist eine kleine, dicke, schwarzhaarige Aargauerin. Und als ich sie das erste Mal gesehen habe, dachte ich: Oha!

Ist es eigentlich Ihre erste Ehe?

Es ist, glaube ich, die zweite.

Wie lange waren Sie das erste Mal verheiratet?

Lange, sehr lange. Acht Monate, wovon sie sechs Monate auf einer Weltreise war. Das war eine tolle Zeit.

Sozusagen eine missglückte Hauptprobe ...

Ich würde nicht mal sagen missglückt. Es war einfach zur falschen Zeit das falsche Experiment.

Sind Sie gut im Entschuldigen?

Ja.

Haben Sie jetzt endlich Hunger?

Ich habe schon lange Hunger, Herr Bötschi. Aber Sie sind doch auf diesem Gesundheitstrip und wollen abnehmen.

Ich habe bisher keinen einzigen Satz von einer Diät gesagt …

Aber ich sehe es Ihnen an. Sie sind doch total eingefallen im Gesicht. Sie sind doch sicher Spitzensportler …

Gewesen …

Das merkte ich sogleich.

Ich sagte Ihnen ja bereits. 3:53 im Marathon und 11:42 im Hundertmeterlauf …

Das ist jetzt aber nicht so wahnsinnig schnell – unter uns gesagt.

Wir können gern einen Wettkampf machen …

Junger Mann gegen Geriatriefraktion, das wäre nicht ganz fair.

Ich bin im Fall nicht so viel jünger wie Sie …

Sie haben ja auch gefärbte Haare …

Wann wachen Sie gewöhnlich auf?

6 Uhr – und um 6.30 Uhr geht dann der Radiowecker los. Dann öffne ich das Fenster, und es ist Morgen.

Wer wacht gewöhnlich früher auf – Sie oder Ihre Frau Gaby?

Meine Frau. Und wenn es umgekehrt ist, tue ich so, als ob ich noch schlafen würde.

War das heute Morgen auch so?

Nein, heute wachte sie zuerst auf. Sie jasst ja immer noch vor dem Einschlafen. Das ist manchmal mühsam, wenn noch Musik läuft dazu, während ich einschlafen möchte.

Ihr Kosename für Ihre Frau?

Gäberli.

Wie nennt sie Sie?

Ich glaube, Sie nennt mich nur beim Namen. Manchmal sagt sie «Stallion».

Wann sagt sie das? Nach einem Streit?

Generell nachher. Wir streiten ja nicht.

Weil Sie es nicht können.

Nein, weil ich es nicht will.

Drei Adjektive, die Ihre Frau Gaby als Person beschreiben?

Es braucht nur eines: einmalig.

Sie hatten mit elf entschieden, nie etwas mit Mädchen anzufangen, weil die Liebesnacht mit Eva nicht geklappt hatte. Zumindest behaupteten Sie das 1997 in einer «Annabelle»-Geschichte. Waren Sie ein frühreifer Teenager?

Ja. Das habe ich bereits gesagt: Mit acht habe ich meine erste Zigarre geraucht.

Aber Zigarren rauchen hat ja nichts mit Sex zu tun!?

Ha, Herr Bötschi!

Also hat es damit etwas zu tun? Ist Zigarren rauchen besser als Sex?

Nein, ich habe ja nur gesagt, dass es etwas damit zu tun hat. Sie haben mit Ihrer Suggestivfrage indirekt gesagt, dass es nichts damit zu tun hat. Und ich habe darauf gesagt: Aber Herr Bötschi! Dann haben Sie impliziert: Zigarrenrauchen ist besser als Sex.

Was führte dazu, dass Sie Ihren Heiratsentscheid später revidiert haben?

Gier nach Reichtum. Meine zweite Frau ist in einem Schloss aufgewachsen, dem Schloss Lenzburg! Da dachte ich natürlich, dass sie eine Prinzessin ist. Sie war Tochter des Schlosswarts, was ich erst später herausfand.

Sie mussten für die Liebe Ihrer heutigen Frau hart kämpfen. Sie sollen Ihren Fiat Panda mit Packpapier eingepackt haben ...

Ja, das war atypisch für mich. Ich habe alles eingepackt mit Geschenkpapier und Schlaufe – inklusive mich selber im Auto. Sie kam von einem Flug nach Hause und ging ins Parkhaus zu ihrem Auto, das – eben – eingepackt war. Zuerst konnte sie gar nicht glauben, dass es ihres ist. Dann öffnete sie es, und ich liess den Song spielen «Der Kaffee ist fertig.» Dann war sie ziemlich begeistert.

Wie haben Sie Ihre heutige Frau definitiv erobert?

Ich hatte noch ein Kaffeerähmchen dabei mit dem Bild vom Schloss Lenzburg drauf. Da merkte sie: Dieser Mann ist ein Konzeptkünstler. Dann hatte ich sie. Es ging sehr schnell im Fall. Ein halbes Jahr hat es etwa gedauert.

Viele Ihrer Freunde fanden Ihre Liebesschwur-Aktionen damals nicht besonders lustig. Warum nicht?

(Lacht) Sie fanden die Aktionen übertrieben. Und sie befürchteten natürlich auch, dass es ihnen das Business versauen würde, weil ihre Freundinnen plötzlich von ihnen auch verlangen könnten, dass sie sich etwas zusammenreissen und unternehmen müssten. Damals konnte ich das noch nicht so richtig verstehen, dass das ein enormer Psychodruck ist, aber heute sagt mir meine Frau natürlich auch immer wieder: Du könntest auch wieder einmal etwas unternehmen. Dieser Druck ist enorm.

Vermutlich unternehmen Sie doch ab und zu etwas mit Ihrer Frau. Denn viele Ihrer Freunde sind mittlerweile geschieden. Sie nicht. Bitte verraten Sie mir doch Ihr Liebesgeheimnis!

Wir lachen viel. Lachen hilft.

Ist das Ihr Liebesgeheimnis?

Nein, natürlich auch Respekt. Aufeinander eingehen. Diskutieren. Gemeinsam einen Weg beschreiten, und etwas zusammen erleben. Das schweisst enorm zusammen.

Schreiben Sie eigentlich Ihrer Frau immer noch Liebesbotschaften an den Badzimmerspiegel?

Ja! Gerade gestern und heute habe ich das gemacht.

Ihre Frau stört etwas an Ihnen: Sie sind zu organisiert. Wie wirkt sich das im Alltag aus?

Es wirkt natürlich schnell etwas organisiert, wenn es meine Frau beurteilen muss. Weil sie von sich auf andere schliesst.

Ist Sie eine Chaotin?

Ja. Sie hatte eine Zeit lang den Übernamen «Chaotengeberli». Ich bin relativ organisiert.

Wie wirkt sich das auf den Alltag aus?

Ich deponiere meinen Schlüssel immer am selben Ort. Ich suche nicht gern. Ich bin keine typische Jungfrau, aber es langweilt mich einfach, Dinge zu suchen. Daher versuche ich alles zu organisieren, was mir natürlich auch nicht immer gelingt.

Sie sollen hingegen öfters im Auto in den Taschentücheli Ihrer Frau baden – ist das immer noch so?

Versaufen ist nicht gerade treffend. Aber es ist so, wie wenn man in einem Skigebiet in einen Pulverschneehang fährt. Dann ersäuft man ja auch nicht gerade – aber es ist schon eine Art baden.

Worüber haben Sie zuletzt mit Ihrer Frau gestritten?

Das war letztes Jahr mal, als wir beim Golf zusammen gespielt haben, und sie hauderte irgendetwas zusammen, das mich genervt hat. Wir streiten – wie gesagt – sehr selten, weil ich es uninteressant finde.

Was macht Ihre Frau, wenn sie auf Sie wütend ist?

Zuerst einmal sagt sie nichts. Dann frage ich sie: Ist etwas? Dann sagt sie: Nein! Dann frage ich nochmals nach: Ist etwas? Dann sagt sie nochmals: Nein. Und nach dem 15. Nachfragen sagt sie: Du weisst genau, was ist. Dabei habe ich gar keine Ahnung, was es sein könnte.

Und das Nachher ist dann auch immer noch am schönsten?

Wenn man Streit hatte, ist die Versöhnung am schönsten. Aber wir haben eigentlich gar keinen Streit, denn ich bin ein schlechter Streitpartner.

Frank Baumann über die Liebe: «Aus dem lodernden Feuer, das am Anfang war, wurde eine Glut. Und diese Glut ist wunderbar heiss. Darauf kann man ein Rindsfilet braten, was man in einem Feuer nicht kann.»
Bild: Christian Thumshirn

Gab es jemals eine grössere Krise in Ihrer Beziehung?

Sie hat sich mal getrennt von mir. Einen halben Nachmittag oder so.

Fehlt Ihnen der Thrill vom Verliebtsein nicht?

Aus dem lodernden Feuer, das am Anfang war, wurde eine Glut. Und diese Glut ist wunderbar heiss. Darauf kann man ein Rindsfilet braten, was man in einem Feuer nicht kann.

Was ist das Beste daran, zusammen älter zu werden?

Es gehen neue Türen auf. Man erkennt mehr Zusammenhänge. Das Leben ist wie ein Puzzle, und wenn man das letzte Teilchen platziert hat, dann hat man den Überblick und stirbt, weil man zu viel weiss. Das ist jetzt etwas Glückspostphilosophie, ich weiss.

Wenn Sie eine Frau wären, wären Sie gern mit sich selbst verheiratet?

Ich würde es mindestens probieren, aber ich glaube, ich bin etwas anstrengend.

Wie viele Männer haben Sie bisher in Ihrem Leben geküsst?

Keine. Das ist nicht meine erste Priorität.

Vor einigen Jahren schrieben Sie zusammen mit Ihrer Frau die Paarkolumne «Bei den Baumanns» für die «Schweizer Familie». Wie kam das?

Wir wurden angefragt und dachten, dass das eine gute Sache ist. Das ging in Richtung Literatur. Der Chefredaktor rief am Tag des Abgabetermins jeweils an und fragte: «Solltest du nicht etwas abgeben?» Und ich: «Was denn?» Er: «Ja, eure Kolumne!» So entstanden sie: sehr schnell geschrieben. Aber nachträglich ist es für uns ein schönes Dokument über die Erlebnisse, die wir mit den Kindern teilten.

Welchen Einfluss hatten die Kolumnen auf Ihre Ehe?

Ich würde sagen: weder einen negativen noch einen positiven.

Ihre Frau meinte, es sei eine Art bezahlte Paartherapie gewesen.

Ja, genau. Ich glaube das aber nicht.

Vor Jahren sagten Sie in einem Interview, die Ehe sei eine der letzten grossen Herausforderungen der Menschheit. Sehen Sie das heute immer noch so?

Ja, eine der männlichen Menschheit. Es ist eine hochexplosive Lebensform. Ich muss mich über jeden schlapp lachen, der sich im Berner Oberland mit dem Wingsuit – von Red Bull gesponsert – vom Felsen stürzt. Das ist eine Bagatelle gegenüber jemandem, der verheiratet ist. Darum bin ich der Meinung, dass jeder Ehemann von Red Bull gesponsert sein sollte. Das wäre das einzige Adäquate.

Haben Sie das dem Chef von Redbull schon mal vorgeschlagen?

Nein. Aber das ist gerade eine gute Idee, die ich anpacken sollte.

Was halten Sie von der Idee, ab 65 für Bluewin.ch eine regelmässige Seniorenkolumne zu schreiben?

Es kommt drauf an, wie viel dafür bezahlt würde.

Sie sind recht monetär geworden aufs Alter.

Ja, wegen meiner Frau. Bis 65 steigert sich mein Marktwert noch.

Und nach 65 geht er runter, und dann kann man Sie billig haben.

Nein! Denn durch eine Kolumne auf der Bluewin-Plattform steigt mein Marktwert ins Unermessliche. Ich schreibe gern. Das Aneinanderreihen von Buchstaben ist etwas sehr Erhellendes.

Lieben Sie deshalb Ihre Frau so sehr?

Weil ich ihr so viele Liebesbriefe schreibe? Das hat etwas nachgelassen, muss ich zugeben.

Was tragen Sie im Bett?

Nichts. Verantwortung. Im Bett bin ich verantwortlich für das gute Gelingen der Nacht.

Wer macht die erotischeren Massagen – Ihre Frau oder Sie?

Meine Frau hat gerade gestern eine gemacht.

Mit Happy End?

Ich bin eingeschlafen. Ich war im Nacken verspannt – und dann hat sie da etwas herum gemacht.

Mit oder ohne Massageöl?

Mit Öl auf Silikonbasis. Es ist eigentlich kein Massageöl. Doch habe ich zuerst Voltaren eingeschmiert, und dann dachte ich, dass noch Massageöl dazu etwas overdosed wäre.

Wann zuletzt bei Kerzenlicht gebadet?

Das war an Neujahr, als wir in Vals waren in unserem Haus. Wir liessen das Bad einlaufen und stellten zwei Weingläser hin, die Kerzen leuchteten stimmungsvoll. Doch als ich in einem hoch erotischen Move in die ebenerdige Badewanne einsteigen wollte, rutschte ich aus und ging mit der einen Hand einen halben Zentimeter an diesem Weinglas vorbei. Angenommen, ich hätte mit der Hand direkt in das Weinglas gefasst, wäre ich am Silvester in der Notfallstation gelandet. Zum guten Glück passierte das nicht, doch tat mir alles weh, und dieser Crash war natürlich alles andere als aphrodisierend. In eine Badewanne zu fallen, ist etwas Niedriges.

Was halten Sie von Sex im Freien?

Ein Must!

Welche sexuelle Fantasie beflügelt Ihre Arbeitskraft?

Jede!

Wirklich wahr, dass Sie sich super sexy finden?

Nein. Kommt aber wieder!

Empfinden Sie es als eine Erleichterung, dass es mit dem Sex im Alter irgendwann weniger wird?

Das ist eine absolute Suggestivfrage! Weder das eine noch das andere.

Welches Ding nehmen Sie arbeitend am liebsten in die Hand?

Einen Dildo.

Ihre längste Zeit im Bett?

Kann ich nicht sagen.

Schlafstörungen?

Ab und zu eine Erektion.

Korrekt, dass man über 60 tendenziell nur noch vier Stunden Schlaf braucht?

Nein, ganz sicher nicht. Ich brauche acht Stunden, bekomme aber nur sechs.

Ihr grösstes Abenteuer in einem Bett?

Da müssen Sie Überbrückungsmoderation machen, denn ich schlucke jetzt etwas runter.

Die grösste Orgie, bei der Sie je zugesehen haben?

3D oder 2D? Foursome …

4D! Drei sollten aber mindestens dabei gewesen sein.

Das Spektakulärste, das uns mal passiert ist, ist, dass das Bett in der Mitte zusammengekracht ist, und wir wie in einem offenen Buch gelegen sind. Das war sehr spektakulär. Das zweite war, dass ich einmal eingreifen musste, als zwei junge Pärchen in unserem Ehebett gelegen sind. Sie lagen nach getaner Arbeit in unserem Ehebett. Ich war davor zwei Stunden und 15 Minuten Auto gefahren mit recht hoher Geschwindigkeit, um die Situation in unserem Ehebett zu bereinigen.

Ihre versauteste Seite?

Seite 48 oder 49 in meinem Buch «Der Salamichlaus und das verschwundene Christkindli».

Eine schöne Beschäftigung, die leider im Bett nicht funktioniert?

Velofahren.

Ins Meer hinausschwimmen – lieber allein oder zu zweit?

Da ich sehr geliebt werde von Insekten und immer Angst habe, dass ich aufgefressen werde in der Nacht, würde ich aus Angst vor Haifischen im Meer lieber zu zweit hinausschwimmen.

Woran erkennt man, dass Sie jeden Moment explodieren können?

Meine Frau sagt, dass bei mir ein Müskelchen zuckt.

Welchen Sinn sehen Sie darin, Kinder auf die Welt zu bringen?

Das ist der einzige Sinn.

Ein typischer Vater-Spruch?

Nei, nöd gliii, jetzt!

Hiess es Papi, Vati oder Vater?

Papi.

Eine Krawatte von Ihrem Vater geerbt?

Ja. Eine schräg gestreifte.

Gibt es sie noch?

Nein, ich habe beim Zügeln vieles entsorgt.

Welcher Mädchenname war für Sie geplant?

Frank. Heinz-Rüdiger wäre bireweich für ein Mädchen.

Was konnten Sie als Dreijähriger auf dem Klavier spielen?

Nichts.

Bettnässer?

Nein.

Daumenlutscher?

Ich glaube nicht.

Grausamste Bestrafung, unter der Sie als Kind gelitten haben?

Kalte Dusche.

Das letzte nette Erlebnis mit Ihrer Tochter?

Täglich nette Erlebnisse.

Weil Sie mit ihr täglich telefonieren?

Nein, ich habe ihr einen Brief geschrieben, und sie hat mir ein SMS geschickt. Nein, es war ein Voicemail, und ich konnte es nicht abhören. Da muss ich noch nachfassen. Gut, dass Sie mich daran erinnern.

Das letzte nette Erlebnis mit Ihrem Sohn?

Ich musste schimpfen mit ihm.

Und so geht's weiter:

Das «1000-Fragen-Interview» wird in vier Teilen auf «Bluewin» publiziert – heute erscheint Teil drei. Teil eins erschien am Montag, Teil zwei am Dienstag, Teil vier folgt am Donnerstag.

Wer das Interview gern an einem Stück lesen möchte, kann dies am Freitagmorgen tun: Dann wird das Interview an einem Stück aufgeschaltet.

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