Frankie Goes to Hollywood – danach ging es bergab mit unserer Welt

Von Hanspeter «Düsi» Künzler

8.12.2020

Heute vor 36 Jahren fanden die 1980er-Jahre ihren Höhepunkt. Am 8. Dezember 1984 bestiegen Frankie Goes to Hollywood dank der Macht der Liebe zum dritten und letzten Mal den Thron der britischen Charts. Danach ging es bergab mit unserer Welt. Alles wurde viel zu seriös.

Zwei pathosschwangere Piano-Arpeggi. Sogleich herrscht Hochspannung im Raum. Und schon kommt Holly. Leidend und lechzend wie es nur Holly Johnson kann, singt er die unsterblichen Worte: «Ay-ay-ay-ay – feels like fire, I’m so in love with you!»

«The Power of Love» von Frankie Goes to Hollywood ist eine Powerballade, wie sie im Buche steht. Und doch kann auch einer wie ich sie goutieren, der Powerballaden gewöhnlich für hochkarätigen Gräuel hält.

Was ist an diesem Lied anders als bei den restlichen Artefakten des Genres?

Die Frage ist leicht zu beantworten: Es ist der Humor, welcher schlau genug ist, der emotionsgeladenen Message keinen Abbruch zu tun, und es ist die Message, die mit genug Ironie aufgetischt wird, dass der Humor trotzdem noch durchschimmert.

Jesus, Kuhherde, drei Könige

Es gehörte dazu ein Plattenumschlag, der frech «Mariä Himmelfahrt» von Titian zitierte und ein Video, in welchem Schauspieler und Schauspielerinnen todernst die Krippengeschichte samt Jesus, Kuhherde, Esel, Wüste und drei Königen nachspielten.

Der spektakuläre Mini-Streifen wurde wie schon das Video von der vorangegangenen FGTH-Single «Two Tribes» (der Ringkampf zwischen Ronald Reagan und Konstantin Tschernenko!) von Kevin Godley und Lol Creme inszeniert, zwei Männer, die als Mitglieder der Band 10cc das Thema Liebe mit «I’m Not In Love» selber schon hitparadengerecht aufbereitet hatten.

LONDON: Frankie Goes To Hollywood posed in London in 1987. L-R Top - Paul Rutherford, Peter Gill. Bottom - Mark O'Toole, Holly Johnson, Brian Nash (Photo by Mike Prior/Getty Images)
Frankie Goes To Hollywood 1987 in London: Paul Rutherford, Peter Gill, Mark O'Toole, Holly Johnson, Brian Nash.
Bild: Mike Prior/Getty Images

Es war völlig egal, dass das von Johnson und seinen Bandgenossen komponierte Lied rein gar nichts mit Titian oder Bethlehem zu tun hatte. Bestimmt war das Timing für das weihnächtliche Video kein Zufall. Aber eigentlich kam es nicht drauf an. «The Power of Love» wäre auch ein Hit geworden, wenn die Platte im Juni erschienen wäre.

Wahrscheinlich wäre die Single dann sogar mehr als eine Woche lang auf Platz eins in den britischen Charts hocken geblieben (Platz zwei in der Schweiz). Noch in der gleichen Dezemberwoche kamen Bob Geldof und Midge Ure mit «Do They Know It’s Christmas» daher und landeten damit den ganz grossen Weihnachtshit. Wie alles, was Frankie Goes to Hollywood in die Finger nahmen, war auch «Power of Love» ein Gesamtkunstwerk.

Das konservative Establishment in Rage versetzt

Mit den ins Absurde gesteigerten höheren Ansprüchen, die der Band vom Journalisten und Plattenfirmenkapitän Paul Morley doppel- und triple-ironisch auf den Leib gedichtet wurden, verkörperte diese einen post-punkigen, multi-sexuellen Zeitgeist, der alles und nichts enorm ernst nahm, vor allem sich selber.

Damit lieferte sie ein überaus vergnügliches Spektakel, mit dem man erst noch sehr geschickt und publicity-wirksam das konservative Establishment in Rage versetzte.

Als Frankie Goes to Hollywood zum ersten Mal am Fernsehen zu sehen waren – sie hatten noch nicht einmal einen Plattenvertrag, als sie knappstens in schwarzes Leder gekleidet in der Live-Sendung «The Tube» auftraten – lösten sie einen Skandal aus. Ihre Schwulenklub-Ästhetik war deutlich handfester als die zarte Genderverwischung eines Boy George.

Zu dem Zeitpunkt hätte niemand glauben können, dass die fünf Frankies ein paar Monate später mit «Relax» den siebentbesten Bestseller in der britischen Chartgeschichte landen würden. «Relax» gelangte im Januar 1984 an die Chart-Spitze, «Two Tribes» im Juni (und blieb dort neun Wochen lang!), «The Power of Love» im Dezember.

Es waren die aufregendsten, witzigsten, lustigsten, subversivsten und mutigsten zwölf Monate in den ganzen 1980er-Jahren.

Wie heisst es so schön auf dem Cover vom erstem Frankie-Album «Welcome to the Pleasure Dome» (natürlich war es ein doppeltes): «Genuss ist das Einmalige, darum ist das Zeigen von Genuss eine einmalige Pflicht.»

Und: «Es gibt mir einen Buzz zu wissen, dass Andy Warhol von uns gehört hat, weil er einen Buzz kriegt, weil Pablo Picasso von ihm gehört hat.»

Zur Autor: Der Zürcher Journalist Hanspeter «Düsi» Kuenzler lebt seit bald 40 Jahren in London. Er ist Musik-, Kunst- und Fussball-Spezialist und schreibt für verschiedene Schweizer Publikationen wie die NZZ und «blue News». Regelmässig ist er zudem Gast in der SRF3-Sendung «Sounds».


Regelmässig gibt es werktags um 11:30 Uhr und manchmal auch erst um 12 Uhr bei «blue News» die Kolumne am Mittag – es dreht sich um bekannte Persönlichkeiten, mitunter auch um unbekannte – und manchmal wird sich auch ein Sternchen finden.

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