Freie Fahrt für freie, kleine Männer 

Philipp Dahm

2.4.2021

epa02914544 Car manufacturer Mini presents the new Mini Coupe during a press conference at the International Motor Show IAA in Frankfurt am Main, Germany, 13 September 2011. From 15 to 25 September 2011 exhibitors from all over the world will present new trends of the automotive industry, headed by electronic mobility and hybrid vehicles. EPA/ARNE DEDERT
«Be Mini» oder: Freie Fahrt für freie, kleine Männer! Der Autobauer hat es bereits bei der Internationalen Auto-Ausstellung in Frankfurt 2011 gepredigt.
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Es gibt am Karfreitag 2021 genug Gründe, das gute alte Auto zu Grabe zu tragen. Wer jedoch stets bloss an Osterstau und Killer-Klima denkt, wird der Sache auch nicht gerecht – irdisch gesehen. Eine Ode ans Auto.

Philipp Dahm

2.4.2021

Zugegeben, ein Loblied aufs Auto ist nicht das, was man vor Ostern 2021 erwartet. Der gute, alte Verbrennungsmotor, der auf unseren Strassen immer noch die Regel ist, verbreitet schlechte, dicke Luft. Und vor den Feiertagen schwingen sich die Autofahrenden wie Lemminge in eben jene hinein, obwohl sie genau wissen, dass vor dem Gotthard dann wieder Geduld gefragt ist.

Doch 2020 und auch dieses Jahr ist alles anders. Ja, Autos sind immer noch unverträglich für das Klima, aber zumindest ist der Verkehr dank der Pandemie derart gesunken, dass Schweizer Lenker um den obligatorischen Osterstau vielleicht noch einmal herumkommen könnten. Trotzdem heisst es in der Redaktionssitzung: «Wer fährt denn noch mit dem Auto in die Ferien? Und dann noch zu Ostern?»

Da muss ich widersprechen. Vielleicht weiss man erst wieder, was man am Auto hat, wenn man lange auf Entzug ist und dann wieder angefixt wird. Meine Dealer sind die Schwiegereltern. Ein Satz, von dem ich mir übrigen nie träumen liess, ihn einmal zu schreiben … Der Grund für die Aussage: Der Vater meiner Liebsten hatte den Arm im Gips. Er war ausgerutscht und bereit, den Zweitwagen in meine Obhut zu geben.

Das Auto als Mutter des Man Caves

Seither steht ein Mini vor unserer Haustür – und gerade, wenn man zügelt, ist so ein fahrbarer Untersatz wirklich ungemein praktisch. Den Umzug hat zwar ein Unternehmen gestemmt, doch unzählige Zwischenfahrten mit Kleinkram haben die Rechnung gehörig gedrückt. Auch das Einkaufen ist mit dem Briten viel entspannter: Vorbei sind die Momente, in denen man sich, beladen mit drei Säcken, aus dem Bus schält, um sich schwitzend und ächzend bis zur Haustür vorzukämpfen. Es kann ja so einfach sein!

Participants laugh as they get themselves positioned to pose for mock-up photographs for the media after getting back in the car following a successful Guinness World Record attempt to fit 28 ladies into a Mini car backdropped by Tower Bridge in London, Thursday, Nov. 15, 2012. The attempt which broke the previous record of 27 people, was made to coincide with Guinness World Records Day, an annual event which organizers estimate will see in the region of 420,000 people attempting records around the globe. (AP Photo/Matt Dunham)
Ob Einkaufssäckli oder 27 Menschen, die sich am 15. November 2012 in London in einen  hineingezwängt haben: Der Mini erträgt praktisch alles.
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Neben den rein praktischen Aspekten wäre da noch der psychologische Vorteil, den so ein Auto mit sich bringt. Etwa, wenn man die Lieblingslampe der Liebsten damit transportiert, damit die Zügelmänner dem Ding keinen Kratzer verpassen, sie dabei umfällt und man eine dicke Scherbe aus dem Lampenschirm herausbricht.

In solchen Momenten nämlich, wenn einen zu Hause der gerechte Zorn erwartet, kann so ein Auto zum Refugium werden, in das man sich flüchtet, bis sich der Rauch an der Heimatfront verzogen hat. Während man sich dann hier bei Musik zurückzieht, kommt zumindest keiner und belehrt einen, wie mies oder laut das dargebotene Liedgut ist. Denn Selbstmitleid kann Mann!

Luxusproblem Auto-Sucht? Check!

Der Umzug ist mittlerweile vollbracht, und Schwiegervaters Gips ist auch schon ab. Die Tage des lauten Frust- oder Freudengesangs, während man unterwegs ist, sind gezählt. Anstatt Alu-Dosen und Glas locker flockig aus dem Heck zu ziehen, werde ich beim Recycling bald wieder wie ein Landstreicher aussehen, der seine Habseligkeiten spazieren trägt.

Wir müssten die Schwiegereltern eigentlich mal fragen, wie lange wir den Mini noch haben dürfen. Aber wenn ich an diesen kalten Entzug denke und mir vorstelle, wie ich den Kinderwagen von der Krippe die lange Strasse hoch nach Hause schiebe, finde ich, wir sollten mit dieser Frage noch etwas warten. Und dass das Fahren schon ein wenig süchtig macht.

epa03909278 (26/34) A man rides a 50cc mini pit bike during the 2013 Kalahari Desert Speedweek at Hakskeenpan, Northern Cape of South Africa, 21 September 2013. The Speedweek sees motorsport enthusiasts gathering in a remote desert in the north of the country to drive their vehicles across seven kilometers of specially prepared clay track for high speed top end runs. Technically the Desert Speedweek is more challenging than Tar Speedweek and requires much more driving and engineering skills for top honours in each class including cars and bikes. EPA/NIC BOTHMA PLEASE REFER TO ADVISORY NOTICE (epa03909252) FOR FULL FEATURE TEXT
Dieses Bild aus Kapstadt vom 21. September 2013 hat einen unmittelbaren Bezug zu dieser Geschichte.
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Dieser Mini ist mir an mein faules Herz gewachsen. Er ist freedom für den kleinen Mann. Und hiess es nicht einst im Nachbarland im Norden «Freie Fahrt für freie Bürger»? Das Lenken ist vielleicht gerade nicht hip, aber für mich gilt – zumindest noch in diesen Ostertagen: Freie Fahrt für freie, kleine Männer!