Frisch und munter drauflossilbeln

Mark Salvisberg

12.6.2019 - 21:49

Bei der deutschen Sprache muss man sich um den Wortnachwuchs keine Sorgen machen.
Bild: iStock

Morgen ist Frauenstreik. Es streiken Frauen. Und beim Klimastreik das Klima. Moment mal. Nach welchem Regime werden denn da Wörter gebildet? Der Sprachpfleger denkt darüber nach und wandelt auf fruchtbarem Boden.

Deutsche Wörter lechzen quasi danach, durch das Anfügen von Silben weitere Bedeutungen spendiert zu bekommen. Vorne am Wort Streik zum Beispiel docken die Urheber an (Lokführerstreik) oder eine Forderung (Lohnstreik). Es kann auch bezeichnet werden, womit Schluss sein soll: (Gebärstreik).

Bekannt ist auch der Sitzstreik, bei dem auch nicht der Sitz streikt, sondern die Art und Weise des Ausstands gemeint ist. Dieses Wort musste so entstehen, weil alles andere zu lange gewesen wäre: Hierbleibestreik? Raumbesetzungsstreik? Ich-gehe-nicht-weg-bis-sich-etwas-ändert-Streik? Verlassen wir den kühlen Boden und setzen uns auf einen Drehstuhl, den Stuhl, der sich drehen lässt, oder auf den Melchstuhl, der sich melken ... wohl kaum. Und was ist mit dem Stehtisch, der sich stehen ... Fehlanzeige. «Dieses eine Schema», nach dem Wörter gebildet werden, gibt es nicht.

Wild wollen Wörter wuchern

Keine andere Sprache als die deutsche bietet deren Sprechern bessere Vorlagen, um frisch und munter draufloszusilbeln – und schon ist es wieder passiert. Aber diese eigenwillige Wortschöpfung wird es nicht schaffen. Sie ist wohl wertlos. Wäre sie etwas mehr wert, entstünde ein: Mehrwert. Und man würde mich vielleicht dafür loben. Oder wegloben, falls ich schlecht arbeite. Man kann arbeiten oder sich – um den Prozess des Allmählichen zu verdeutlichen – abarbeiten, aber auch jemandem zuarbeiten. Eine kleine Vorsilbe, und zack! – ein neues Wort mit einer Bedeutungsnuance kommt auf die Welt.

Das spielend leichte Erschaffen von neuen Wörtern hat allerdings einen Nachteil, nämlich papierdeutsche Monster wie Finanzmarktstabilisierungshilfevereinbarung. Doch hier kann sich die Akademie, die jenes Wort verbrochen hat, sicher sein, dieses nie in der Umgangssprache anzutreffen. Dafür sorgen wir alle als Angehörige der höchsten Instanz unserer Sprache, der Sprachgemeinschaft.

Die allerhöchste Instanz, was die Beschaffung neuer Wegwerfartikel betrifft, sind immer noch die Kinder. Was hört man sie rund um die Verkaufsregale quengeln! Ich habe schon einen solchen Quengler seine Mutter schreiend mit Fäustchen traktieren sehen, bis das Spielzeugauto im Korb landete. Quengelware. Kein Gebärstreik in der deutschen Sprache.

Zur Person: Mark Salvisberg war unter anderem als Werbetexter unterwegs. Der Absolvent der Korrektorenschmiede PBS überarbeitet heute
täglich journalistische Texte bei einer grösseren Tageszeitung.

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