Grosses Glitzer-Interview «Glitzer wird unterschätzt – weil er nicht das gleiche leistet wie zum Beispiel Beton»

Lisa Stutz

16.5.2026

Stylisch oder billig? Glitzer ist ein umstrittenes Material – sogar auf Fingernägeln.
Stylisch oder billig? Glitzer ist ein umstrittenes Material – sogar auf Fingernägeln.
Fuegonails, Iconic Iconography, 2024, Foto: Regine Eurydike Hader

Auf der ESC-Bühne, auf Fingernägeln und Demonstrationen: Glitzer wird eingesetzt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Doch er kommt nicht bei allen gut an. Die Kuratorinnen Julia Meer und Nina Gross haben sich intensiv mit dem geliebten und gehassten Material beschäftigt.

Lisa Stutz

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Glitzer erzeugt Aufmerksamkeit, lässt Menschen nahbarer wirken und steht für gemeinsames Feiern, Freude und Sichtbarkeit.
  • Das Material wurde 1934 zufällig in den USA entdeckt und verbreitete sich schnell – auf Alltagsgegenständen, als Dekoration, bis hin zu Mode, Kosmetik und Popkultur.
  • Heute gilt Glitzer als Ausdruck von Leichtigkeit und Selbstdarstellung, wird aber auch oft als oberflächlich oder billig abgewertet – in queeren Communities hat er darum eine wichtige Rolle eingenommen.

Glitzer auf Kleidern, Schuhen, Fingernägeln: Am ESC kommt fast keine Kandidatin und kein Kandidat ohne Glitzer aus. Warum?

Julia Meer: Glitzer zieht Aufmerksamkeit auf sich. Denn das Material funkelt und steht nie still. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nutzen Glitzer aber wohl auch wegen seiner unebenen Struktur – weil er eben nicht nur glänzt. Glänzende Oberflächen sind geschlossen und erzeugen dadurch eine Distanz, wie eine Rüstung. Glitzer ist offener, durchlässiger und macht Personen nahbarer. Perfekt also.

Glitzer und Glanz sind nicht das gleiche?

Nina Gross: Glänzende Dinge stehen eher für Luxus, Glitzer eher für Ausgelassenheit. Er ist niederschwelliger und für alle zugänglich, denn er wird kostengünstig in grossen Mengen produziert – genau das Gegenteil von Edelsteinen oder Gold. Und der ESC legt ja wert darauf, dass es neben dem Kompetitiven auch um die Verständigung und das Gemeinsame geht.

Was genau ist eigentlich Glitzer?

Julia Meer: Darauf haben wir so viele Antworten!

Zum Beispiel?

Julia Meer: Sicher ist: Das Material namens Glitter wurde 1934 in New Jersey als Nebenprodukt der Fotopapierproduktion entdeckt. Die kleinen, präzise geschnittenen Teile fielen auf den Boden – und einem Mann namens Henry Rushman fiel auf, wie schön die kleinen Partikelchen glitzerten. Er entwickelte Schneidemaschinen, mit denen er dann quadratische und sechseckige Glitzerteilchen herstellte.

Die Glitzer-Expertinnen
Ausstellungsgrafik «Glitzer», Design: Rimini Berlin

Für das «Museum für Kunst & Gewerbe Hamburg» haben die Kuratorinnen Julia Meer und Nina Gross eine umfassende Ausstellung zum Thema Glitzer realisiert. Sie lockte 50 000 Gäste in zwei Monaten an – ein Wahnsinns-Erfolg. Nach Hamburg zog die Ausstellung in die Schweiz und war von November 2025 bis Mai 2026 im Kunstmuseum Winterthur zu sehen. Ab Herbst 2027 glitzert es im Historischen Museum Basel.

Und an wen verkaufte er sein Produkt?

Nina Gross: Die erste Funktion von Glitzer war, Oberflächen zu verzieren: Postkarten, Souvenir-Objekte, und sehr früh auch Weihnachts- und Festtagsschmuck. Er wurde dann aber auch schnell von anderen Industrien entdeckt – und zum Beispiel in der Oberflächengestaltung von Fusstreppen und Verkehrsbussen eingesetzt.

Glitzer auf Treppen und Bussen?

Julia Meer: Im Alltag begegnet einem viel mehr Glitzer, als man denkt. Weil er das Licht bricht und damit eine sonst monochrome oder einfarbige Fläche interessanter macht. Ein weiteres Beispiel sind Mensa-Tabletts.

In den 90er-Jahren war Glitzer dann auf einmal überall – vor allem in Kinder- und Jugendzimmern.

Julia Meer: Genau, in Bastelartikeln, Spielzeug, Shampoo, Duschgel ... Und viele Produkte gab es plötzlich nicht nur in verschiedenen Farben, sondern auch in glitzrig. Es war ein richtiger Boom. Die Leute haben in den 90er-Jahren zudem angefangen, sich Bastelglitzer aufs Gesicht und in die Haare zu kleben. Das war natürlich nicht so hautfreundlich wie der kosmetische Bio-Glitzer, den es heute gibt.

In diesem Kinderzimmer glitzert es, wo man hinschaut. Es ist Teil der Ausstellung «Glitzer».
In diesem Kinderzimmer glitzert es, wo man hinschaut. Es ist Teil der Ausstellung «Glitzer».
Henning Rogge, Hamburg

Wann kamen Glitzerkleider auf?

Nina Gross: Das Bedürfnis, mit der eigenen Erscheinung zu strahlen und zu funkeln, reicht weit zurück. Als 1924 das Grab des Altägyptischen Königs Tutanchamun entdeckt wurde, trug er wohl sowas wie ein prähistorisches Paillettenkleid – ein Kleid mit kleinen Metallplättchen dran. Das soll mit ein Grund gewesen sein für den Paillettenhype, der in den 1920er-Jahren in Europa und Nordamerika aufkam. Oft sind es übrigens heute noch Pailletten, die wir als «Glitzer» auf Kleidung wahrnehmen. Oder in Stoffe eingenähte, glänzende Fäden.

Was macht es mit einem, wenn man glitzert?

Julia Meer: Ein glitzerndes Kleidungsstück anziehen, Glitzer-Make-up auftragen – das ist immer eine kleine Verwandlung. Auf einmal fühlt man sich festlicher als vorher. Vielleicht kommt das von der frühen Verwendung von Glitzer als Festtagsdekoration? Die Einfachheit, mit der man sich heute zum Glitzern bringen kann, bringt zudem etwas Spielerisches rein. Glitzer transportiert so Freude und Leichtigkeit.

«Ein glitzerndes Kleidungsstück anziehen, Glitzer-Make-up auftragen – das ist immer eine kleine Verwandlung»: Glitzerkleider im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg.
«Ein glitzerndes Kleidungsstück anziehen, Glitzer-Make-up auftragen – das ist immer eine kleine Verwandlung»: Glitzerkleider im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg.
Henning Rogge, Hamburg

Es gibt aber auch Leute, die wollten noch nie im Leben glitzern.

Julia Meer: Klar, weil Glitzer Aufmerksamkeit auf sich zieht. Man begibt sich damit auf eine Bühne – die muss man wollen. Darum finde ich das Material so spannend: Manche Leute lieben es, andere finden es ganz schlimm. Manchmal ist Glitzer eine Aufwertung, manchmal eine Abwertung.

Warum eine Abwertung?

Julia Meer: Je gebildeter, wohlhabender und kunstnäher Menschen sind, desto mehr haben sie erlernt, dass Glitzer Effekthascherei sei und dass er etwas ist, das man nicht gut finden soll. Glitzer hat das Problem, als billig und oberflächlich wahrgenommen zu werden.

Warum eigentlich?

Nina Gross: Es ist ja schon so: Glitzer ist ein Material, das vor allem an der Oberfläche funktioniert. Er hat keine Tiefe und keinen richtigen Nutzen. Anders als beispielsweise Beton. Das kann man nicht abstreiten: Der hat für unsere Zivilisation eine existenzielle Notwendigkeit. Ich weiss nicht, wie es in der Schweiz ist, aber in Deutschland wird sowas schnell in Frage gestellt: Warum sollte man Ressourcen und Aufmerksamkeit hinlenken auf etwas, auf das man auch verzichten könnte?

«Es ist ja schon so: Glitzer ist ein Material, das vor allem an der Oberfläche funktioniert. Er hat keine Tiefe und keinen richtigen Nutzen.»

Nina Gross

Co-Kuratorin der Ausstellung «Glitzer»

Irgendwie traurig, oder?

Julia Meer: In einer Gesellschaft, in der Wissen und Connoisseurship eine Form von Distinktion darstellen, ist Glitzer natürlich wahnsinnig undankbar. Man kann mit Glitzer kaum angeben und er ist überall. Glitzer können sich alle leisten, er lässt auch Leute strahlen, die nicht viel Geld haben. Das finden nicht alle gut.

Ist Glitzer eine Mädchensache?

Julia Meer: Nein. Natürlich sind wir kulturell so geprägt, wie bei der Farbe Pink. Von beidem wurde irgendwann einfach behauptet, es sei für Mädchen. Aber Jungs sind nicht weniger von Dingen fasziniert, die glitzern. Und auch erwachsene Männer finden es schön, wenn die Seeoberfläche in der Sonne glitzert. Ein Zufall ist die Konnotation aber wohl nicht: Glitzer als Material, das nichts Substanzielles bringt und nur verwendet wird, um etwas hübsch zu machen, wird als oberflächlich abgewertet. Das kennen Mädchen und Frauen seit jeher.

Männlichkeit und Glitzer? Passt in dieser Kunst-Fotografie ziemlich gut zusammen.
Männlichkeit und Glitzer? Passt in dieser Kunst-Fotografie ziemlich gut zusammen.
Quil Lemons, aus der Serie „Glitterboy“, 2017, © Quil Lemons

In der queeren Szene ist Glitzer sehr beliebt – dort scheint er ein Symbol für etwas Grösseres zu sein. Ist Glitzer politisch?

Nina Gross: Absolut. Mithilfe von Glitzer entsteht eine Allianz von Menschen, die lange abgewertet wurden und immer noch werden. Schwule, Lesben, Transmenschen, denen ein Existenzrecht abgesprochen wurde. Und wenn, dann sollten sie gefälligst nicht so laut und nicht so auffällig sein.

Also Glitzer aus Protest?

Nina Gross: Ja, mit Glitzer wird Sichtbarkeit eingefordert. Denn damit ist man schon sehr viel schlechter zu übersehen – und eben auch nicht auszulöschen. Denn jeder weiss: Egal wie gründlich man putzt, irgendwo bleibt immer etwas Glitzer hängen.


Du hast noch nicht genug von Glitzer? Dann hier durchscrollen und freuen.

Eine Glitzer-Rakete als Schlüsselanhänger? Kann man machen.

Für die Ausstellung «Glitzer» schickten Leute ihre liebsten Glitzer-Gegenstände ein.
Für die Ausstellung «Glitzer» schickten Leute ihre liebsten Glitzer-Gegenstände ein.
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Ist das Kunst oder kann das weg? Ja – und nein. 

Diese Kunstinstallation, bei der Staubsaugerroboter Glitzerpartikel aufsaugen, ist Teil der Ausstellung «Glitzer», die ab Herbst 2027 in Basel zu sehen ist.
Diese Kunstinstallation, bei der Staubsaugerroboter Glitzerpartikel aufsaugen, ist Teil der Ausstellung «Glitzer», die ab Herbst 2027 in Basel zu sehen ist.
Henning Rogge, Hamburg

Sie hat Glitzer auf den Zähnen ...

Kunstfotografie aus dem Jahr 2015.
Kunstfotografie aus dem Jahr 2015.
Hannah Altman, Untitled III, aus der Serie „And Everything Nice“, 2015

Jedes Kind weiss, wie ein Gegenstand schnell nach Spass aussieht:

Radio mit Glitzer-Stickern – das liebste Glitzerstück einer Museumsbesucherin.
Radio mit Glitzer-Stickern – das liebste Glitzerstück einer Museumsbesucherin.
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg | https://www.mkg-hamburg.de/

In Glitzer von oben bis unten – wortwörtlich:

Kunstfotografie aus dem Jahr 2021.
Kunstfotografie aus dem Jahr 2021.
The Huxleys, Places of Worship, 2021, Fotografie, © The Huxleys

Glitzer und Teenager? Passen einfach gut zusammen:

Kunstobjekt aus dem Jahr 2024.
Kunstobjekt aus dem Jahr 2024.
María Domínguez Moreno (doodlelingyou), So High School, 2024

Glitzer und feministische Forderungen? Passen mindestens so gut zusammen:

Die Fotografie zeigt ein Protest der lateinamerikanischen Bewegung «Marea Verde», die sich für das Recht auf Abtreibung einsetzt.
Die Fotografie zeigt ein Protest der lateinamerikanischen Bewegung «Marea Verde», die sich für das Recht auf Abtreibung einsetzt.
Gisela Vola, Untitled, aus der Serie „Marea Verde“, 2018

Und zum Schluss noch ein Glitzer-Einhorn, was sonst?

Lieblings-Objekt eines Museumsbesuchers.
Lieblings-Objekt eines Museumsbesuchers.
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg | https://www.mkg-hamburg.de/