Heimatland! Ist das noch unsere Schweiz?

Michael Angele, Berlin

16.3.2021

In Deutschland reden alle, die sich für Literatur interessieren, über seinen neuen Roman: Christian Kracht.
Bild: Noa Ben-Shalom

Er ist zu einem Grossteil in der Schweiz aufgewachsen und zu einem Grossteil handelt sein neues Buch auch von seiner alten Heimat: Christian Kracht zeichnet das Bild einer kaputten Schweiz und einer kaputten Familie mit viel Liebe.

Michael Angele, Berlin

16.3.2021

Ja was, in der Migros wird Alkohol verkauft? Seit wann das denn?

So steht es im neuen Roman von Christian Kracht. «Eurotrash» steht auf Platz zwei der aktuellen «Spiegel-Bestenliste Belletristik». Auf Platz eins: ein Buch aus dem Zürcher Diogenes Verlag. Autor ist Benedikt Wells, der eine Luzerner Mutter hat. Die Schweizer beherrschen die deutsche Literatur.

«Eurotrash» ist auf eine verspielte Art autobiografisch und spielt in der Schweiz. Christian Kracht ist 1966 in Saanen BE geboren und unter anderem im Saanenland aufgewachsen. In einer der zahllosen Besprechungen hier in Deutschland wurde sogar gesagt, dass Kracht die Schweiz zeichne, als hätte ein «Max Frisch oder ein Friedrich Dürrenmatt die Feder geführt».

Sein Bild der Schweiz steckt voller Anklage, aber natürlich aus einem Schmerz heraus, ist verletzte Heimatliteratur. Das scheinen die Deutschen nicht so recht zu verstehen, sie beschweigen dieses Thema in ihren zahllosen Besprechungen.

Darf ein Weisser, eine Weisse das Gedicht übersetzen?

Da kommt Krachts Buch gerade zur rechten Zeit. Denn es gibt eine Debatte darüber, wie gut man Literatur aus einer anderen Kultur überhaupt verstehen kann. Aufgehängt ist die Debatte an einem Gedicht, das Amanda Gorman bei der Inauguration von Joe Biden vorgetragen hatte. Gorman trat in einem glamourösen gelben Armani-Kostüm auf und hat an der Harvard University studiert.

Aber die Frage ist in dieser Debatte nicht, ob Leute, die nicht an einer Eliteuni studiert haben, das Gedicht so gut verstehen, dass sie es übersetzen dürfen. Denn Amanda Gorman ist schwarz.

Und so lautet die Frage in diesen Tagen: Darf ein Weisser, eine Weisse das Gedicht übersetzen? In den Niederlanden hat man gerade gesagt: Nein.

Die Frage stellt sich aber nicht nur bei schwarzen Lyrikerinnen, das ignorieren die Scharfmacher in der Debatte. Man kann sie im Prinzip überall dort stellen, wo Literatur eine fremde Welt kreiert. Die Schweiz für Deutsche in «Eurotrash» also zum Beispiel. Zum Glück braucht der Roman nicht ins Deutsche übersetzt werden, es könnte heikel werden.

Die abgründige Geschichte seiner Familie

Der Plot ist schnell erzählt: Der Erzähler Christian Kracht reist in die abgründige Geschichte seiner Familie. Da ist der Vater, der aus kleinen Verhältnissen kommt und zur rechten Hand des Verlegers Axel Cäsar Springer aufstieg und unter anderem ein Chalet in Gstaad und das Chateau de Morges am Genfer See besass.

«Eurotrash» ist der Titel des neuen Romanes von Christian Kracht.
Bild: zVg

Reich ist auch seine Mutter, deren Vater, also Christians Grossvater, in der SS war. Sie vegetiert als einsame Trinkerin an der Zürcher Goldküste, wenn sie nicht in der Geschlossenen in Winterthur verwahrt wird. Sie also besucht der Sohn, und man beschliesst, dass die Mutter jenen Teil ihres Vermögens, der aus Waffenaktien besteht, auf einer Reise verschenkt, denn solcher Reichtum macht nicht glücklich, wie jeder Schweizer weiss.

Es ist komisch zu lesen, wie sie das Geld nicht loswerden, und es ist berührend, wie Christian mit seiner Mutter diese letzte Reise macht, nicht nach Afrika, wie die Mutter möchte, sondern via Saanen nach Genf und dann zurück nach Winterthur.

Dazwischen wünscht sich die Mutter, dass Christian ihr Geschichten erzählt. Eine dieser Geschichten enthält eine «Dystopie»: Die Schweiz nach einem Rechtsruck, sie endet in der Einführung der Todesstrafe, die Leute werden an der Lorrainebrücke stranguliert.

Die Erzählung ist gespickt mit solchen Details. So lernen die Migranten perfekt Schweizerdeutsch, um nicht vertrieben zu werden, es wird der «Nebelspalter» auf Linie gebracht, oder es wird verboten, in der Migros Tofu zu verkaufen, nur noch Fleisch und Milch aus heimischer Produktion. Diese Dinge finden in den deutschen Rezensionen keine Erwähnung.

Kraft macht Fehler

Nun habe ich auf Facebook ein bisschen über das Buch geschwärmt. Wie genau Kracht da über die Schweiz schreibe. Ich wurde gleich mehrfach korrigiert. So trinkt die Mutter zwar Fendant für 7 Franken 50, aber sie hat ihn eben aus der Migros. Und das kann ja nun nicht sein, die Migros verkauft keinen Alkohol.

Kracht fantasiert natürlich auch absichtlich rum, schliesslich hat er einen verspielten Roman geschrieben und keine reine Autobiografie, aber dieser Fehler ist ihm scheinbar unterlaufen.

Toll fand ich eine Passage, in der sich Christian an die Wetternachrichten erinnert und was der Satz «Schnee bis in die Niederungen» auslöst. Einer hat mir geschrieben, dass er das von seiner Kindheit in Österreich auch kenne. Oder ich machte einen Fehler und verwechselte Saanenmöser, wo man nur durchfährt, mit Schönried.



Ich machte Fehler, Kracht machte Fehler, so ist das eben, wenn man schon länger abroad ist. In Wahrheit ist «Eurotrash» der ideale Roman für Auslandschweizer (von denen es fast 800'000 gibt). Als solcher habe ich nun angefangen, den Roman ins Berndeutsche zu übersetzen.

Der Anfang: «Auso, I ha für ns paar Tag uf Züri müessä. Mini Mer het dringend wöuä rede mit mr.» In diese Mundart-Fassung muss ich jetzt das grosse Thema des Romans einweben: die Liebe. Die Liebe, die neu ist für den Dandy Kracht, der darüber noch nie so recht geschrieben hat.

Und auch jetzt steckt sie eher zwischen den Zeilen, maskiert sich, zum Beispiel im Witz der Dialoge, die die Mutter immer gewinnt, auch wenn sie viel intus hat. Zurück zu dieser Debatte, wer übersetzen darf und wer verstehen kann: Die Liebe ist ein universelles Thema.

Wie sie von Schweizern, Auslandschweizern oder afrikanischen Lyrikerinnen behandelt wird, wird sich unterscheiden, mag einem erst mal fremd sein. Aber wer sich ein bisschen Mühe gibt, wird am Ende sagen dürfen: So habe ich das ja noch nie gesehen. In diesem Moment wird das Fremde zu einer Möglichkeit von einem selbst.

Und nichts anderes ist Literatur, Freunde der Kochkunst.

Bibliografie: Eurotrash, Christian Kracht, Kiepenheuer&Witsch, 224 Seiten


Zum Autor: Der Berner Michael Angele liefert regelmässig eine Aussenansicht aus Berlin – Schweizerisches und Deutsches betreffend. Angele schreibt für die Wochenzeitung «Der Freitag». Er ist im Seeland aufgewachsen und lebt seit vielen Jahren in Deutschlands Hauptstadt. Berndeutsch kann er aber immer noch perfekt. Als Buchautor erschienen von ihm zuletzt «Der letzte Zeitungsleser» und «Schirrmacher. Ein Porträt».